Ab 18. April Interview: Schlagzeuger Erwin Ditzner und sein Spielstil
Schlagzeuger Erwin Ditzner ist einer der bekanntesten Jazzmusiker der Metropolregion Rhein-Neckar. Seine Spezialität ist die freie Improvisation. „Ditzners Club“ im Wilhelm-Hack-Museum oder „Ditzners Kino-Roulette“ im Ludwigshafener Kulturzentrum Das Haus sind genau wie seine „Carte Blanche“ beim Festival Enjoy Jazz feste Termine im Kulturkalender. Zusammen mit den Zwillingsbrüdern Bernhard und Roland Vanecek bildet er das Ditzner Twintett, das unter anderem am 18. April in Sippersfeld auftritt.
Warum er sein Schlagzeug „falschrum“ spielt und wie er, der an einem 5. Mai als Markus Stauder in Worms geboren wurde, zu seinem Bühnennamen kam, erzählt Ditzner im Gespräch mit Gereon Hoffmann.
Erwin, du bist heute einer der bekanntesten Schlagzeuger der Metropolregion. Wie hat das angefangen?
Ich konnte als Kind nicht stillhalten. Bei den Hausaufgaben habe ich „warme Füße“ gekriegt und musste losrennen. Dann entdeckte ich bei meiner Tante ein Drumset. Ihr Freund spielte bei der Wormser Band Family, die ziemlich bekannt waren. Da durfte ich draufhauen und das hat mich umgehauen. Da war ich neun. Ab da hab’ ich auf allem rumgetrommelt, was mir vor die Finger kam.
Schlagzeug stößt in vielen Familien nicht gerade auf Begeisterung ...
Bei mir hatten alle Verständnis. Nach dem frühen Tod meiner Mutter war es für mich sehr schwierig, vor allem in der Schule. Ich habe nicht mehr gesprochen, nur noch getrommelt. Ich durfte das Drumset bei meinem Opa, der einen Bauernhof hatte, in einen Raum stellen, wo es niemanden störte.
Was ist aus diesen Problemen geworden?
Ich war in Therapie und habe die Schule gewechselt. An der neuen Schule war alles viel freier, mit einem anderen Schulsystem. Nach einem Vierteljahr ging ich dort gerne in die Schule und habe ganz normal Abitur gemacht. Aber ich habe heute noch als Musiker Bedenken, wenn ich zu enge Vorgaben bekomme.
Deshalb auch der Abbruch des Studiums?
Ja genau. Ich habe am Konservatorium klassisches Schlagwerk studiert, aber nach zwei Semestern aufgehört. Ich habe mich dort gefühlt wie an meiner ersten Schule, und in mir hat sich alles dagegen gesträubt.
Aber bei größeren Ensembles gibt es auch Vorgaben für genaue Abläufe ...
Ich sage nicht, dass ich alles ignoriere, was Arrangement und Struktur betrifft. Auf Stücke bereite ich mich immer sehr gut vor, da bin ich sehr fleißig. Ich halte mich an Abläufe, aber spiele meine eigenen Grooves. Aber ich frage auch nach, ob das so okay ist.
Ist das mal negativ aufgefallen?
Negativ nicht, eher im Gegenteil. Ich habe in den 90er-Jahren mal eine Tour mit einer angesagten deutschen New Wave Band gespielt. Das war gar nicht meine Musik, aber es war gut bezahlt. Die fanden meine Art zu spielen auch gut. Bei einem Festival kam mal der Schlagzeuger von Purple Schulz zu mir und war begeistert: „So wie du spielt diese Sachen keiner“, hat er gesagt.
Du hast einen besonderen Stil, oft mit sehr kleinem Instrumentarium.
Das kommt von der Straßenmusik. Nach meinem Studienabbruch bin ich nach Heidelberg gezogen und habe Straßenmusik gemacht. Da habe ich meistens nur mit kleiner Trommel gespielt. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich ein ganzes Set spiele oder zum Beispiel Trommel und Bongos.
Am Drumset hast du auch einen besonderen Stil. Wie ist er entstanden?
(lacht) Aus Versehen, da war ich ja erst zehn und ich hab mir alles selbst beigebracht. Ich fand Deep Purple toll, und mein Bruder hatte ein Poster von deren Drummer. Genau so habe ich mein Set aufgebaut. Jetzt ist Ian Paice aber Linkshänder und hat sein Set andersrum aufgebaut. Ich bin kein Linkshänder, spiele aber das Set aufgebaut wie ein Linkshänder. Das habe ich erst gemerkt, als ich mal einen gleichaltrigen Freund besuchte, der Schlagzeugunterricht hatte. Ich dachte wirklich sein Set sei falsch aufgebaut. Aber das macht natürlich sehr viel aus in der Spielweise.
Hast du während deiner Heidelberger Zeit viel geübt?
In Heidelberg hatte ich ein kleines Zimmer, da standen ein Bett und ein Schlagzeug drin. Du kannst es dir vorstellen. Ich habe über Jahre hinweg in Cafés gespielt, Straight Ahead Jazz, Bossa und Cool Jazz. Daneben liefen natürlich die eigenen Sachen. Ich habe in der Region mit Uli Krug, Laurent Leroi, Barbara Lahr, Hans Reffert und Michael Koschorreck gespielt. Es gab in Heidelberg die Band Kumazu Baumaschinen. Das war schon sehr heftig, da waren wir manchmal froh, heil wieder von der Bühne zu kommen. Dann habe ich auch mit Guru Guru und Sanfte Liebe gespielt.
Wie kam es, dass du so viele Projekte in der Metropolregion am Start hast?
Fabian Burstein, damals Leiter des Kulturbüros Ludwigshafen, hatte die Idee, Konzertreihen zu installieren. So entstand das Kino-Roulette, bei dem zuerst tatsächlich per Abstimmung ein Stummfilm gewählt wurde, den ich vorher nicht kannte. Heute wählt Filmwissenschaftlerin Morticia Zschiesche den Film und gibt eine Einführung. Der Film wird gezeigt, und ich improvisiere dazu, zusammen mit Musikern, die ich einlade. Die zweite Reihe war „Ditzners Club“, mit dem Hack-Museum. Die Zusammenarbeit mit René Zechlin ist wirklich super. Es gibt drei Konzerte drinnen und im Sommer eines im Hack-Garten. Meine „Carte Blanche“ bei Enjoy Jazz war 2008 eine Idee von Rainer Kern, nach einem Konzert mit Rudi Mahal und Sebastian Gramss. Ich darf mir dafür beliebig Musiker einladen, Top-Leute der freien Szene, und da sind immer spannende Sachen entstanden, von denen es einige auf Platte gibt. Dann gibt es noch die festen Bands, mit Musikern aus der Region.
Was muss Musik haben, damit sie dich interessiert?
Es kann in jedem Genre Musik geben, die mich interessiert. Es sollte nichts sein, was man schon tausendmal gehört oder gespielt hat, keine Plattitüden. Ich mag „schräge“ Sachen, Dissonanzen, starke Kontraste von schnell/langsam oder laut/leise. Im Wagner-Projekt „Die Motive des Richard W.“ gibt es die „Totenklage“, da muss ich fast nichts machen, aber so wie Lömsch (Saxophonist Lömsch Lehmann, Anm. d. Red) das spielt, hab ich jedes Mal Tränen in den Augen.
Jetzt musst du noch erklären, wie du von Markus Stauder zu Erwin Ditzner wurdest!
In den 80ern war es total hip, sich tolle Bühnennamen zu geben. Ich fand das lustig und wollte den totalen Anti-Namen. Ein Kumpel nannte mich mal ein Ditzner, das ist ein Dialektwort, das ich nicht erklären werde (lacht). Und ich fand „Erwin“ klang einfach nicht nach Künstler. Zudem hatte ich einen Onkel Erwin, den ich gut fand. Später stellte sich heraus, dass „Erwin Ditzner“ der totale Glücksgriff war, weil auf der ganzen Welt wirklich niemand so heißt.
Ditzner Twintett – Sa 18.4., 19 Uhr, Sippersfeld, Dorfgemeinschaftshalle, Karten: ticket@kv-sippersfeld.de, Tel. 06357 5090128; So 31.5., 17 Uhr, Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum, Benefiz, iwc-ludwigshafen.de; Ditzners Kino-Roulette: »Das Cabinet des Dr. Caligar« – Fr 15.5., 19 Uhr, Ludwigshafen, Das Haus, Karten: reservix.de, dashaus-lu.de; weitere Termine: www.ditzner.de
