Ab 14. März RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Kabarettist Vince Ebert und sein letztes Programm

Diplom-Physiker und Kabarettist: Vince Ebert: „Ich habe mehr oder weniger alles gesagt“.
Diplom-Physiker und Kabarettist: Vince Ebert: »Ich habe mehr oder weniger alles gesagt«.

Bald soll Schluss sein. Vince Ebert hat angekündigt, sein letztes Bühnenprogramm zu spielen. Worum es darin geht und wie er über gesellschaftliche Veränderungen denkt.

„In ,Vince of Change’ identifiziert er sich als 32-jähriger braungebrannter Surflehrer aus Kalifornien und spricht damit vollkommen neue Zielgruppen an“. Seine „Mission“: „In einer Epoche, die immer mehr durch Gefühle, Befindlichkeiten und Irrationalitäten zu versinken droht, hält er trotzig die Fahne der Vernunft hoch“. Mit diesen Worten kündigt Vince Ebert sein letztes Bühnenprogramm an. Im Gespräch mit Christian Hanelt erzählt der Kabarettist, warum er Humor und Perspektivwechsel für wichtig hält. Und warum er von der Bühne abtreten will.

Was sind Sie – Komiker, Kabarettist, Autor, Wissenschaftsvermittler, Entertainer, Aufklärer…? All diese Begriffe werden immer wieder mit Ihrem Namen verbunden.
Ich sage immer scherzhaft, ich mache Erwachsenenbildung. Es ist ja so eine Mischung von allem. Ich wildere dabei in allen Disziplinen mit dem Ziel, Leute zu unterhalten und zum Nachdenken anzuregen, dass sie vielleicht ab und an mal ihre liebgewonnenen Weltbilder hinterfragen. Meine Frau ist Schauspielerin, deswegen gehen wir sehr viel ins Theater. Und da ist es für mich als Zuschauer auch immer am spannendsten, wenn eine Irritation auf der Bühne entsteht. Also wenn ich mit einer Erwartung hingehe, die dann gebrochen wird, und ich mir Gedanken machen muss, wie ich das Ganze einzuordnen habe.

Haben Sie bemerkt, dass sich komplexe Zusammenhänge besser erklären lassen, wenn man darüber lacht?
Ich denke schon. Es gibt ja auch diese Humortrainer, die auf Teufel komm’ raus versuchen, Leuten, die keinen Humor haben, beizubringen, wie sie eine witzige Rede halten. Ich finde aber, das klappt nicht. Also für mich ist Humor ein Mittel, Dinge zu erklären. Es gibt natürlich auch andere Möglichkeiten, komplexe Zusammenhänge zu vermitteln, aber für mich funktioniert es mit Humor sehr gut. Wenn die Leute über etwas lachen, wechseln sie automatisch die Perspektive. Dadurch nimmt man Sachen vielleicht nicht mehr so ernst, nimmt sich selbst nicht so ernst – und das ist eine gute Basis, um tatsächlich einen anderen Blickwinkel auf eine Sache zu bekommen.

Gibt es auch Themen, bei denen Sie bewusst auf Witze verzichten, weil sie vielleicht zu sensibel oder zu komplex sind?
Je ernsthafter ein Thema ist oder je komplexer oder komplizierter, umso größer ist die Fallhöhe, wenn dann ein komplett banaler Witz kommt, der das Thema auch niveaumäßig in einen ganz anderen Zusammenhang bringt. Meine Antwort auf die oft gestellte Frage: „Darf man über alles Witze machen?“ lautet: „Ich finde sogar, das sollte man“.

Sie äußern sich kritisch über Cancel Culture und moralische Überhöhung. Ist Humor heute stärker gefährdet als früher?
Ja, ich finde schon. Als ich angefangen haben Ende der 90er, Anfang der 2000er Jahre, hat sich kein Komiker und kein Kabarettist irgendwelche Gedanken gemacht, ob das, was er sagt, politisch korrekt ist. Man hat einfach einen Text geschrieben und geguckt, ob er funktioniert. Wenn die Leute gelacht haben oder wenn die erwartete Reaktion kam, dann hat man den Text ausgebaut. Und wenn er nicht funktioniert hat, hat man ihn eingestanzt.

„Man muss heute mehr aushalten, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt“.
»Man muss heute mehr aushalten, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt«.

Und heute, ich spreche da auch für viele Kollegen, in dieser hypermoralischen Zeit, wo jeder Halbsatz auch durch die sozialen Medien moralisch aufgeladen wird, ertappt man sich teilweise dabei, dass man sich schon beim Schreiben überlegt, ob der Text irgendwie Probleme bereiten und sich die Leute aufregen könnten. Ich will da jetzt gar nicht so sehr die Schuld bei der Gesellschaft, bei den Medien oder in der Politik suchen, sondern ich finde, man muss heute einfach mehr aushalten, wenn man sich in der Öffentlichkeit bewegt. Dennoch wird Satire und Humor mehr und mehr bewusst missverstanden. Aber ich hoffe, es kommen auch mal wieder entspanntere Zeiten.

Sie haben die ganze Zeit jetzt von „man“ gesprochen. Gilt das für Sie auch? Überlegen Sie auch länger, ob ein Text geht?
Auch ich habe mich schon dabei ertappt, dass ich mich beim Schreiben selbst zensiert habe. Doch dann habe ich mir irgendwann mal gesagt, entweder ich lasse es oder ich thematisiere es und ziehe genau dieses Thema öffentlich durch den Kakao. Daraus ist das aktuelle Programm „Vince of Change“ entstanden. Und der Erfolg zeigt ja, dass die Leute das wahnsinnig schätzen, dass sie offenbar dankbar dafür sind, dass da jemand auf der Bühne steht und Sachen sagt, anspricht oder Perspektiven einnimmt, die heute als „Das darf man nicht mehr sagen“ tituliert werden.

Leben wir in einer Gesellschaft, die sich selbst zu ernst nimmt?
Also ich glaube, je weniger wir als Gesellschaft in der Realität hinkriegen, ökonomisch und gesellschaftlich, je mehr wird sich entrüstet, je mehr flüchtet man sich ins Gefühlige. Je unrationaler eine Gesellschaft wird, umso mehr siegt die Moral, über die man sich dann zu definieren versucht.

Kann Humor dann helfen, die Kluft zwischen rationalem Denken und emotionaler Wahrnehmung zu überbrücken?

Ich glaube, es ist fast die einzige Methode. Nicht umsonst wurden in totalitären Systemen Satire und Humor immer bekämpft. Humor hat etwas Subversives, etwas Anarchistisches – und das hat mir immer gut gefallen. Humor arbeitet mit Klischees, mit Vorurteilen, Humor arbeitet mit Geschmacksgrenzen, lotet das Unsagbare aus. Und je mehr sich die Menschen in eine Ideologie flüchten, je mehr sie in einer Traumwelt, in einem Wunschdenken leben, umso größer ist der Affront, wenn dann einer auf die Bühne geht und das lächerlich macht. Humor ist ein Ventil und hat für viele Menschen eine reinigende Wirkung.

Sie leben seit einiger Zeit in Wien. Ist der Humor in Deutschland und Österreich identisch?
Also ich finde, die Österreicher haben noch ein deutlich höheres Level an Selbstironie.

Das, was man als Wiener Schmäh bezeichnet?
Genau. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass sie unter den Habsburgern ein Weltreich waren, mittlerweile aber nur noch ein kleines Land sind. Da macht man Witzchen drüber, dass man mal ein Reich hatte, wo die Sonne nie untergegangen ist, und man jetzt nur noch ein kleiner Mückenschiss in der Geschichte ist. Der Stachel sitzt noch und zeigt sich in einer gewissen Selbstironie und in etwas Morbidem.

Hat sich Ihr eigener Blick auf Veränderungen, auf „Change“, durch die Arbeit an dem Programm verändert?
Also, ich werde ja kein neues Programm mehr machen. Ende 2026 ist Schluss mit öffentlichen Shows. Ich merke einfach, dass ich zu den Themen, bei denen ich mich auskenne und die ich interessant finde, mehr oder weniger alles gesagt habe. Auch in meinen Büchern.

Wenn ich mir überlege, noch ein neues Programm schreiben zu wollen, dann entstünde schon die Gefahr, dass ich mich wiederhole und, was ich noch schlimmer finde, vielleicht wirklich zu einem Zyniker werde. Und das will ich nicht. Das macht mir schlechte Laune. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe an, die Leute in einem Programm total runterzuziehen. Ich wollte nie ein zynischer Nörgler werden. Doch die Gefahr besteht, wenn ich mich jetzt nochmal hinsetzen würde, um ein Programm zu schreiben. Da mache ich jetzt lieber Schluss.

Aber Sie gehen ja auch auf die Bühne, um Geld zu verdienen?
Ja, natürlich. Aber über Geld spricht man ja in Deutschland nicht. Ein amerikanischer Comedian würde Ihnen jetzt sofort sagen, was er im Jahr verdient. Da haben die überhaupt kein Problem damit. Aber in Deutschland ist man da ein bisschen diskreter.

Danke für den Steilpass. Was verdienen Sie?
Vor zwei Tagen habe ich mit dem Menschen gesprochen, der sich um meine ganzen Geldangelegenheiten kümmert, und er meinte, wenn ich jetzt keine Yacht oder keine Ferraris kaufe, kann ich problemlos und entspannt von meinen Ersparnissen leben.

Zur Person

Vince Ebert, der eigentlich Holger Ebert heißt, kam am 23. Mai 1968 in Miltenberg (Unterfranken) auf die Welt. Er studierte nach dem Wehrdienst Physik in Würzburg. Sein erstes Kabarettprogramm mit wissenschaftlichem Hintergrund hieß „Urknaller – Physik ist sexy“ (2004) und entstand unter der Regie von Kabarettist Eckart von Hirschhausen.

Vince Ebert: »Vince of Change« – Sa 14.3., 20 Uhr, Mannheim, Capitol (ausverkauft); Sa 25.7., 20.30 Uhr, Bad Dürkheim, Klosterruine Limburg; jeweils 20 Uhr: Do 1.10., Weinheim, Stadthalle; So 4.10., Mainz, Frankfurter Hof; Do 19.11., Karlsruhe, Badnerlandhalle; Karten unter ticket-rheinpfalz.reservix.de oder teils unter www.eventim.de

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