Interview mit Rainer Furch
In vielen Rollen vom Pfalztheater bis zum „Tatort“
Ende Augst war Rainer Furch im Schwarzwald-„Tatort“, „Unten im Tal“ im Cast. Aber der „Tatort“ spielt nur eine Nebenrolle im Leben des Schauspielers, der auch zum Pfalztheater-Ensemble gehört. Das Theater geht mit einem bunten Theaterfest am 17. September in die neue Spielzeit (www.pfalztheater.de) unter seiner Mitwirkung, und Rainer Furch hat noch weit mehr kulturelle Projekte am Laufen. Im LEO-Interview gibt er einen aktuellen Überblick über seine Auftritte und verrät, was ihm bei seinem Schaffen stets am wichtigsten ist.
Ich muss zugeben, dass ich Sie tatsächlich seit einigen Jahren von impressiven Rollen am Pfalztheater kenne. Und erst danach bin ich auf Sie als Fernseh-Darsteller in einer „Tatort“- und einer „Wilsberg“-Folge aufmerksam geworden. Bei der Recherche habe ich gesehen, dass Sie im Fernsehen schon weit länger präsent sind als auf der Bühne in Kaiserslautern. Wie sind Sie denn in die Pfalz und ans Pfalztheater gekommen?
Per Zufall, wie so oft im Theaterleben. Nach meinem Engagement an der Württembergischen Landesbühne Esslingen wollte ich „frei“ arbeiten und am Pfalztheater, damals unter Intendant Wolfgang Quetes, suchte man noch einen Darsteller des „Christian“ in Thomas Vinterbergs „Das Fest“. Und aus dieser Gastrolle wurden dann – bislang – 22 Jahre Festengagement am Pfalztheater ...!
Sie leben seit Jahren im Pfälzerwald. Was schätzen Sie an der Pfalz, vielleicht gerade auch an der Westpfalz im Vergleich zum vielgerühmten und Vorderpfalz getauften Osten der Region?
Aufgewachsen bin ich ja unweit von hier, in Kirn an der Nahe. Aber von dort aus war ich tatsächlich nur zweimal in Kaiserslautern, beide Male auf dem heiligen Betze, einmal zum Fußball und einmal wegen eines Open-Air-Konzerts mit Bob Marley. Also, was ich an Kaiserslautern und der Westpfalz schätze: neben dem immer wieder neu zu entdeckenden Pfälzerwald, dem erstaunlich großen Kulturangebot und einer sehr guten Gastronomie vor allem die Menschen. Die erlebe ich als begeisterungsfähig, neugierig, direkt. Und, klar, die Nähe zur „Weinpfalz“ und zu Frankreich ist auch unschlagbar.
Gemeinsam mit Ihrer Frau, der Autorin und Schauspielerin Madeleine Giese, erfreuen Sie in der Stadt und in den Dörfern rund um Kaiserslautern – und auf Gastspieltouren auch darüber hinaus – mit verschiedenen Leseformaten, oft im kleinen, beschaulichen Rahmen, ihre Fans. Was macht daran besonders viel Spaß? Und wie finden Sie überhaupt auch noch die Zeit dafür?
Schon seit Schülerzeiten „bastele“ ich Leseprogramme, meistens mit unterschiedlichsten Musikerinnen und Musikern. Lesen ist mein Hobby, und auch das meiner Frau, und wenn wir diese Leidenschaft öffentlich teilen dürfen, macht das auch automatisch Spaß. Und dann spielt die Zeit eine Nebenrolle. Wir touren als Duo Wortlaut ja schon fast 30 Jahre durch die nahen und fernen Lande. Ein großes Glück. Vergangenes Jahr wurden wir ganz unverhofft für unser Leseduett „Wie man sich bettet so liest man“ mit dem Dietrich- Oppenberg-Medienpreis ausgezeichnet. Das beflügelt zusätzlich.
Gibt es ein konkretes Projekt, für das Sie sich gerade besonders beflügelt fühlen?
Da gibt es sogar mehrere. Gerade gastieren wir, zusammen mit dem tollen Duo ICstrings, also Caroline Busser und Ivan Knezevic, häufig mit einem Mascha-Kaleko-Programm, am 25. September übrigens in der Villa Wieser in Herxheim, am 9. September sind wir mit „Die zersägte Dame – Komische Gedichte aus Deutschland“ zusammen mit dem Mundharmonikavirtuosen Albert Koch zu Gast in Trippstadt in der Kunstscheune „Zum Schwan“. Mit der wunderbaren Akkordeonistin Alexandra Maas erarbeiten wir gerade einen schrägen Märchenabend mit dem Titel „Die wunderliche Gasterei“, am 9. Oktober startet ein literarischer Lesespaziergang durch den hiesigen Japanischen Garten, im Oktober geht’s weiter mit Mörikes „Mozart auf der Reise nach Prag“ in Dirmstein und und und ...
Was liegt Ihnen bei diesen Lesungen besonders am Herzen? Worauf zielen Sie bevorzugt ab?
Wie im Theater der Dialog mit dem Publikum. Bei diesen „kleinen“ Formaten ist der oft besonders intensiv und wechselseitig befruchtend. Und wenn die ein oder andere nach diesen Lesungen auch entzündet ist für die thematisierten Dichter – prima.
Bei den Lesungen kommt eine weitere Facette Ihrer Biographie zum Tragen: Sie haben Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert, waren auch in verschiedenen Redaktionen tätig. Warum haben Sie das Fach gewechselt?
Stimmt, ich war Student in Mainz, daneben freier Mitarbeiter der „Rhein-Zeitung“, der „Allgemeinen Zeitung“ und beim ZDF. Aber seit dem Abi versuchte ich wild entschlossen, einen der raren Plätze auf einer Schauspielschule zu ergattern, spielte zeitgleich in vielen freien Gruppen im Rhein-Main Gebiet, auch im Mainzer „Unterhaus“. In München hat es mit der Schauspielausbildung dann endlich geklappt, und ich habe „die Seiten“ gewechselt. Aber wer weiß, andernfalls wäre ich vielleicht im Journalismus gelandet. Bis heute bin ich jedenfalls begeisterter täglicher und analoger Zeitungsleser.
Dazu passt, dass Sie in den Pressemeldungen durchweg als „Schauspieler“ bezeichnet werden. Sehen Sie sich damit tatsächlich am besten getroffen, und wenn ja, warum?
Auch wenn ich liebend gerne auf (zu) vielen Hochzeiten tanze: in der kommenden Saison steht mein 30. Bühnenjubiläum an. Als Schauspieler.
Im Theater kenne ich Sie vor allem von Charakterrollen in Schauspiel und Drama. Ist das wirklich Ihre Spezialität oder liege ich da falsch?
Ja, schon. Als Anfänger denkt man: Ich kann alles spielen. Man tobt sich in allen Genres aus. Und irgendwann schält sich da eine Richtung oder Neigung raus. Wobei die Grenzen zwischen den sogenannten „Rollenfächern“ immer fließender werden. Zum Glück.
In den frühen 90er Jahren war am Nationaltheater München ihr erstes Engagement eine Rolle in einer Oper. War das vielleicht ein prägendes Erlebnis für Ihre weitere Laufbahn – als Charakterdarsteller ohne Gesang?
Prägend war an dieser kleinen Sprechrolle (!) am Münchner Nationaltheater, dass ich ganz frisch von der Schule plötzlich auf dieser riesigen Bühne vor über 2000 Zuschauerinnen und Zuschauern stand. Ein paar Sätze nur, aber das Lampenfieber war gigantisch. Es war übrigens die Uraufführung der Penderecki Oper „Ubu Rex“, Regie: August Everding, Ausstattung: Roland Topor, ein irres Spektakel. Aber nach ein paar Vorstellungen abgesetzt, die Bühnenmaschinerie wollte nicht mehr.
Worauf darf sich denn Ihr Publikum in der kommenden Spielzeit am Pfalztheater freuen? Welche Rollen stehen an, welcher Herausforderung sehen Sie sich jeweils gegenüber?
Ich starte mit „Peterchens Mondfahrt“, dann probiere ich den „Faust“ im gleichnamigen Goethe-Klassiker, schließlich bin ich in der Abschiedsinszenierung unseres Schauspieldirektors Harald Demmer: „Eine Familie“ von Tracy Letts. Und dann steht am 4. November die Uraufführung des neuen Theaterstücks von Madeleine Giese an: in der Friedenskapelle Kaiserslautern spielen wir vorerst viermal die schwarze Komödie „Die apokalyptischen Reiter“. Mit dabei sind Stefan Kiefer vom Pfalztheater, Natalie Forester, ehemalige Pfalztheaterschauspielerin, Christian Higer vom Landestheater Linz sowie Madeleine und ich. Alle unter dem Namen „Spielvereinigung Widrige Umstände“. Im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern (mpk), aber auch am Saarländischen Staatstheater und im ZKM Karlsruhe hat diese Truppe ja schon oftmals „Kunst“ von Yasmina Reza und „Wo fängt die Wand an“ von Madeleine Giese gezeigt, jetzt, mit zweijähriger Verspätung endlich ein neues Stück.
Das ist ja wirklich jede Menge … Gab oder gibt es DIE Theaterrolle des Lebens für Sie? Eine Figur, die Sie noch nicht verkörpert haben, aber das noch liebend gerne tun würden?
Ich will unbedingt mal in einem Tschechow oder Gorki spielen! Und Jago aus Shakespeares „Othello“… und, ach es gibt so vieles noch an spannenden Rollen und Geschichten. Und DIE Rolle? Oft war es tatsächlich die jeweilig gespielte, aber gut, vielleicht waren es besonders Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ oder Philipp in „Don Carlos“ oder George in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ oder auch der Monolog „Die Nacht ist kurz vor den Wäldern“ von Koltes ... Irgendwann hat ein Kollege auf die Frage nach der liebsten Rolle mal geantwortet: die Prinzenrolle.
Nicht zuletzt haben Sie auch schon hinter den Kulissen gewirkt, Stücke geschrieben und inszeniert. Wie fühlt sich das für Sie an?
Ungewohnt, weil seltener ausgeübt, aber gut! Perspektivwechsel ist immer belebend. Aber bei selbstverzapfter Schreibe, ist es schwierig, auf den Autor zu schimpfen …
Gibt es denn öfter mal Grund zum Schimpfen?
Zum Glück kehren Humor und Witz langsam zurück, auch in der zeitgenössischen Dramatik, das vor allem auf Feuilletonresonanz ausgerichtete „Elfenbeinturmschreiben“ macht sich rarer. Frei nach Kafka: Ein Stück muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Was auch für die Komödie gilt. Die ist ja nur eine Tragödie, bei der man lachen kann ...
Aber zurück zum Fernsehen. „Wilsberg“, „Nord bei Nordwest“, „Zürich-Krimi“, „Mord in bester Gesellschaft“ und immer wieder „Tatort“. Sind Sie auf TV-Krimis programmiert?
Ich glaube, dass liegt auch daran, dass gefühlt 80 Prozent aller hiesigen Produktionen Krimis sind. Und klar, wenn man sich in einem Genre mehrere Male passabel bis gut gezeigt hat, dann gibt’s schnell einen Stempel.
Nun ist der „Tatort“ ja Kult. Zuletzt waren sie 2021 im Mainzer Tatort mit Heike Makatsch als Kommissarin Ellen Berlinger zu sehen. Merken Sie nach der Ausstrahlung von Filmen, wo Sie neben so berühmten Darstellern zu sehen sind, dass die Reaktionen Ihrer Mitmenschen auf Sie sich irgendwie ändern?
Ich warte immer noch darauf, dass meine Frau vor mir kniet ... Nein, im Gegenteil. Auf dem Lautrer Wochenmarkt zum Beispiel gibt’s ungeschminkt und mitunter ganz robuste Kritik. Sehr in Ordnung.
Wie sind Sie eigentlich an die „Tatort“-Rollen gekommen, und ist das Format für Sie etwas Besonderes im Vergleich zu anderen TV-Rollen?
Ich glaube, dass der Lagerfeuer-Stellenwert des „Tatorts“ nicht mehr ganz so hoch ist, dafür gibt’s einfach zu viel Konkurrenz, immer und überall im Stream verfügbar. Aber dass dann doch noch jeden Sonntag immer wieder zwischen zehn und zwölf Millionen „Tatort“ schauen, ist schon besonders. Und an die Rollen gekommen? Zufall – und natürlich meine Agentur Susanne Reimann in Berlin.
Würden Sie in einem „Tatort“ auch gerne mal die „erste Geige“ in Form eines Kommissars spielen? Vielleicht in einem noch zu erfindenden „Kaiserslautern – Tatort“ …
Unbedingt, keine Frage… und Lautern hat so viele schräge und unentdeckte „Locations“. Bitte an die SWR-Redaktion schreiben …!
Prägt das Mitwirken an einem bestimmten Film auch die persönlichen TV-Sehgewohnheiten? Verraten Sie uns beispielsweise, welchen „Tatort“, welche Kommissare Sie als Zuschauer am liebsten mögen?
Weimar und München. Und dann gibt’s immer wieder Überraschungen. Ich finde es erstaunlich, wie heftig, leidenschaftlich und verbissen um die jeweils aktuelle „Tatort“-Folge gestritten wird, in den Medien und in den Zuschauerforen. Also, der Tatort ist wohl doch noch Kult.
Was reizt Sie überhaupt an Fernsehrollen? Was am Theater? Und was gibt Ihnen nicht zuletzt das Schreiben?
Beim Drehen: das schnelle Auf-den-Punkt-bringen – inklusive schnellem Scheitern… –, und die schnell wechselnden Teams. Beim Theater: das lange Proben, ein gewachsenes Ensemble und die adrenalingeschwängerten Premieren. Beim Schreiben: der unzensierte Kampf um das richtige Wort. Bei allem: der Dialog mit dem Publikum.
Weitere Infos/Auftrittstermine: www.furch-giese.de
