Nikko Weidemann im Interview
Glanz der 1920er-Jahre: Moka Efti Orchestra in Kaiserslautern
Nikko Weidemann stand schon mit Größen wie Frank Zappa auf der Bühne, arbeitete mit Legenden wie Nick Cave, Nena, Rio Reiser, Rufus Wainwright oder den Einstürzenden Neubauten zusammen. Die meisten kennen den Musiker und Komponisten wohl aber als Teil des Moka Efti Orchestras. Die 14-köpfige Jazzband wurde 2018 für die Serie „Babylon Berlin“ entwickelt, für die Weidemann zusammen mit Kollegen die Musik komponierte. Mittlerweile hat das Projekt aber eine Eigendynamik entwickelt, die Band existiert auch außerhalb des Serienkosmos, ganz real. Kein Wunder, schließlich hat sie mit „Zu Asche, zu Staub“ einen veritablen Hit zu bieten. Den wird es sicherlich auch auf die Ohren geben, wenn das Moka Efti Orchestra am 1. Mai (20 Uhr) im Kasino in der Kammgarn in Kaiserslautern Station macht und den Kultursommer sozusagen voreröffnet. Vorher haben wir mit Weidemann aber über den Auftritt und das Ende der Serie gesprochen.
„Babylon Berlin“ geht in diesem Sommer nach fünf Staffeln zu Ende. Löst das was in Ihnen aus?
Auf jeden Fall! Vor zwei Wochen war ich im Studio und habe unsere Musik-Einsätze in der neuen Staffel gesehen. Das hat mich total berührt, weil man da noch mal vor Augen geführt bekam, wie wichtig unsere Musik, gerade unser Titelsong, für „Babylon Berlin“ ist. Ich will nicht zu viel verraten, aber was in der neuen Staffel passiert, könnte kein größeres Kompliment für unseren Song sein.
Ihr seid damals für die Serie gegründet worden. Wie kam’s dazu?
Ich war damals von Anfang an in das Projekt involviert, sozusagen im erweiterten Kreis der Kreativen, und hatte mit Regisseur Tom Tykwer und mit X Filme auch schon vorher zusammengearbeitet. Zunächst hatte ich keine Vorstellung davon, was für ein Riesenprojekt das werden würde. Tom hat mir Mut gemacht, ich hatte mit den 1920er Jahren vorher nicht viel zu tun. Ihm ging es aber gar nicht so sehr um musikalische Detailtreue, sondern eher darum zu zeigen, wie anders der Musikerberuf in dieser Zeit war. Damit konnte ich etwas anfangen, weil ich seit vielen Jahren auch der künstlerische Leiter einer Revue bin, bei der auch Tom Tykwer übrigens schon einmal mitgesungen hat. Die diente ihm auch als Inspiration. Ich habe dann viel recherchiert, konnte etwa nachvollziehen, wie der Jazz durch Sam Wooding nach Berlin kam und dann zur fiebrigen Feiermusik der Stadt wurde. Diesen Geist habe ich versucht, einzufangen. In den Pausen beim Dreh, bei dem es sehr technisch zugeht, haben wir viel gespielt, es wurde viel getanzt. Da hat man gemerkt, dass da etwas Besonderes entsteht.
Wann war klar, dass das Moka Efti Orchestra auch außerhalb der Serie, in der realen Welt, funktionieren würde?
Wir hatten einen Auftritt in Frankfurt, der ganz gut lief, noch ohne Gesang. Dann konnten wir Severija Janusauskaite, die ja den Titelsong „Zu Asche, zu Staub“ sang, überzeugen, mit uns auf Tour zu gehen. Der Song heimste viele Preise ein, und dann bekam das alles eine Eigendynamik. Die Serie wurde ja sehr identifiziert mit dem Song.
War Euch gleich klar, dass der Song etwas Spezielles hat?
Das war recht schnell klar. Schon bei der Arbeit an der Serie. Der Song hatte ihm Drehbuch schon eine herausgehobene Bedeutung, und wir haben den Plan sozusagen übererfüllt. Er hat richtig reingehauen, auch wegen des Schlagzeug-Solos. Beim Filmfest in Cannes hatten sie den Trailer inklusive des Solos gezeigt, und 100 Jahre nach der Erfindung des Schlagzeugs wirkte es so, als hätten die Leute zum ersten Mal ein Schlagzeug-Solo gehört. Weil es so wild, so entgrenzt, so anarchisch war – und gut auf die Szene gepasst hat, in der sich die Kommunisten und die Nazis abballern.
Der Song selbst kommt ja nicht wie ein Song daher, der in den 1920ern entstanden wäre, sondern klingt deutlich moderner. War das von Anfang an so geplant?
Er entstand aus einem Jam heraus, war erst einmal als Instrumental gedacht. Mit Stimmen, aber ohne Worte. Tom wollte dann aber gerne einen Refrain haben, gerne auch opulent. Ich habe dann an Zarah Leander gedacht. Mario Kamien kam dann mit den magischen Worten dazu. Das war Wahnsinn, so ungeheuer treffgenau. Dazu diese tiefe Wahnsinnsstimme von Severija, die da unheimlich abgeliefert hat. Ein Volltreffer.
Würden Sie sagen: Die Serie hat das neue Interesse an den 1920er Jahren begründet oder eher befeuert?
Sie hat den Trend befeuert. Es gab schon vor „Babylon Berlin“ beispielsweise hier in Neukölln Nischenabende von Leuten, die ganz nerdig nur Schellack aufgelegt haben. Das Interesse war also schon da. „Babylon Berlin“ hat es dann in den Mainstream gezogen. Es gibt so viele Leute, die in ihren Büros sitzen, und von ganz etwas anderem träumen. Die kommen dann zu Moka Efti, ziehen sich ihre Paillettenkleider oder Gamaschen an und freuen sich. Ein Verwandlungs- beziehungsweise Verkleidungsphänomen, auf der non-musikalischen Ebene, das zu einer Art Erleichterung beiträgt. Wie Woodstock. Oder auch Punkrock.
Worin liegt der Reiz dieses Jahrzehnts?
Wir leben in einer spooky Zeit, in der sich bewahrheitet, dass es eine gute Idee war, 1948 gewisse Vorkehrungen zu treffen, damit sich die dunklen Jahre deutscher Geschichte so nicht wiederholen. Die zwei Weltkriege stecken uns noch in den Knochen, viele haben die Nachkriegszeit ja auch noch miterlebt. Ich bin 16 Jahre nach Hitlers Tod geboren. Man hat also irgendwie noch damit zu tun, man hat etwas aufzuräumen, aufzuarbeiten. Die 1920er faszinieren insofern, als dass sie den Weg in den Abgrund nachzeichnen. Heute beschäftigen sich auch viele mit dieser Zeit, weil man gewisse Fragen plötzlich stellen kann, die man sich in der Familie vorher nicht getraut hat zu stellen. Schuldfragen. Man kann heute ganz einfach nachschauen, ob der Opa oder der Uropa Mitglied in der Partei war. Man kann Geschichten überprüfen. Und dann ist da natürlich die Gegenwart, die so viele Parallelen zu den 1920ern aufweist. Dieses ständige Zündeln an der Tabugrenze.
Musiker selbst hatten in den 1920er Jahren einen ganz anderen, höheren Status. Schmerzt Sie das, wenn Sie sich den Bedeutungsverlust von Kunst, Kultur und Musik heute vor Augen führen?
Ja, das schmerzt. Aber ich versuche, das immer positiv zu spinnen. Ich bin froh, dass ich in einer Zeit groß wurde, als Musik eine hohe Wertigkeit hatte, in der sie auch nicht so leicht verfügbar war. Man musste sich manchmal wirklich anstrengen, an ein Album oder eine Single zu kommen. Die Beatles haben sich ihre ersten Platten noch von Matrosen im Hafen besorgt. Heute ist alles immer und jederzeit verfügbar. Musik ist schon noch wichtig, aber die Sehnsucht nach ihr und der Identifikationsgrad, den man nach eigenem Bemühen um sie mit ihr hatte, ist weg.
Ist Künstliche Intelligenz, die ja mittlerweile die Streamingdienste flutet, der Sargnagel? Oder setzt schon eine KI-Müdigkeit ein und echte Musik, das Live-Erlebnis, erleben bald wieder eine Renaissance?
Die Auf- und Abwertung von Musik war ja immer eine künstliche. Musik hat einen Wert, der über den der Ware hinausgeht. Musik ist eine Erweiterung der Sprache, übertrifft diese vielleicht sogar, weil sie das entscheidende Mittel zur Empathie ist zwischen uns Menschen. Da ist Musik schneller und unmittelbarer als jede andere Kunstform. Mich hat immer interessiert, Teil eines Ereignisses zu sein. Das Ereignis ist immer live. Der Tonträger ist das Souvenir, um das Ereignis, das Live-Erlebnis, zu Hause nochmal zu feiern. Daher bin ich optimistisch. Ereignisse produzieren wir aus uns selbst heraus. Die musikalische Kulturproduktion wird nicht aufhören. Manche Geschäftsmodelle aber, die nicht auf dem Erschaffen von etwas Originellem beruhen, sondern dem Verwerten von etwas Existierendem – Gebrauchsmusik, Werbejingles etwa – werden es schwerer haben.
Heißt, der Fokus liegt auch bei Ihnen nicht unbedingt auf einer neuen Platte, sondern eher auf dem Live-Geschäft?
Es braucht auf jeden Fall eine neue Platte. Alleine schon, um im Live-Zusammenhang sagen zu können, wir haben eine neue Platte, wir gehen jetzt wieder auf Tour. Auch Deep Purple gehen immer noch mit einer neuen Platte auf Tournee, obwohl die Leute ja eigentlich vor allem „Child in Time“ hören wollen (grinst). Wir haben etwas in der Pipeline, spätestens 2027 sollte das auf den Markt kommen.
Gibt es von dem neuen Material schon etwas in Kaiserslautern zu hören?
Ja, wir haben ein paar neue Titel im Programm. „Wo ich geboren bin“ und „Herz“ werden in der Kammgarn auf der Setlist stehen.
Was können die Fans denn von dem Auftritt in Kaiserslautern erwarten?
Wir haben Severija, die sich eher als Schauspielerin und nicht als Sängerin versteht, ja leider verloren. Es war eigentlich ein Wunder, dass sie zwei, drei Jahre mit uns getourt ist, das ist eigentlich nicht ihre Welt. Jetzt haben wir immer wieder wechselnde Sänger und Sängerinnen am Start, an die das Programm immer etwas angepasst wird. In Kaiserslautern haben wir Candy Hammerschmidt dabei, eine Wahnsinnssängerin, eine Granate, die eine der erdigsten Stimmen hat, die ich je gehört habe. Durch die Arbeit bei Moka Efti habe ich ein neues Verständnis für Kollegen wie Burt Bacharach bekommen, der ja mit ganz unterschiedlichen Stimmtypen und -farben zusammenarbeiten durfte. Die Stimmfarbe ist ein krasses Stilmittel.
Kultursommer-Eröffnung
Der 35. Kultursommer Rheinland-Pfalz steht unter dem Motto „Die Goldenen Zwanziger“. Eröffnet wird er von 1. bis 3. Mai in Kaiserslautern. Los geht es am Freitag mit einem Doppelkonzert in der Kammgarn. Das Moka Efti Orchestra (20 Uhr) und die britische Formation Nubiyan Twist (22 Uhr) treten hier auf. Um 10 Uhr öffnet das Museum Pfalzgalerie am Samstag, ab 18.30 Uhr ist hier die Ausstellung „Eileen Gray – Golden Girls No. 3“ vorab zu sehen. Ab 11 Uhr gibt es im und vorm Museum Programm, unter anderem ein Konzert der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Außerdem ist das Museum Ausgangspunkt für die Führung zum Projekt „Unterirdisch: Licht!“ des Kunstvereins Kunstraum Westpfalz im Felsenkeller, einem historischen Bier- und Lagerkeller. Ein weiteres Highlight ist das Konzert von Dota & Band im Pfalztheater am Samstagabend (20 Uhr). Sie widmet sich Texten der Dichterin Mascha Kaléko. Die Rathausfassade wird zur vertikalen Bühne für Artistik des Bencha Theaters (14/16 Uhr) und ab Einbruch der Dunkelheit zur Projektionsfläche des visuellen Experiments „Quanten:Licht – Zeitsprünge“.Die Stiftskirche lädt am Samstag um 20 Uhr zum Konzert: Unter der künstlerischer Leitung des israelischen Komponisten Alon Wallach und der Kaiserslauterer Bezirkskantorin Beate Stinski-Bergmann stellt es die berechtigte Frage: „Wirklich nur golden?“. Das vollständige Programm der Kultursommer-Eröffnung findet sich unter www.kultursommer-eroeffnung.de.
