Theater-Festival Festspiele Ludwigshafen – Kleist, Sartre und Tanz
Wir erinnern uns: Als im Frühjahr 2020 ein neues Virus seine Reise um den Globus antritt, darf plötzlich nur noch sein, was als systemrelevant gilt. Museen und Theater? Dicht. Und das im darauffolgenden Winter ein halbes Jahr lang. Da drängt sich die Frage auf: Denken, Reflektieren – ist das nicht systemrelevant? Denn wo werden die drängenden Fragen unserer Zeit nachhaltiger und dialektischer diskutiert als in und durch die freien Künste?
Nachweis für Systemrelevanz des Theaters
Als würden sie im Nachgang – und prophylaktisch – den Nachweis über die Systemrelevanz des Theaters führen wollen, erscheinen die diesjährigen Festspiele Ludwigshafen in der Gesamtheit ihrer 23 szenischen Beiträge politisch profilierter denn je. Beispiel: „Der zerbrochene Krug“ (Sa/So 26./27.11.). Kleists Komödie, in ihrer Aufführungsgeschichte oft genug zum rustikalen Lustspiel heruntergewirtschaftet, wird in der Regie von Anne Lenk zum Lehrstück über die Mechanismen des Patriarchats, über Männer mit Macht wie den von Ulrich Matthes gespielten Dorfrichter Adam, der, gestützt von der Scheinmoral der Gesellschaft, seinen sexuellen Übergriff auf die junge Eve einem anderen in Schuhe schieben will.
Oder: „8: Metamorphosis“. Die Tanzoper der in München geborenen, in Amsterdam lebenden Choreographin Nicole Beutler macht den allegorischen „Cold Song“ aus Purcells Oper „King Arthur“ zum Ausgangspunkt einer Parabel über den Klimawandel und die damit einhergehende Notwendigkeit, unser Verhältnis zur Natur zu erneuern. Beutlers Protagonisten – acht Männer – verwandeln sich dabei aus Manager-Typen in elfenartige Erscheinungen, in Wesen, die sich, aus ihren grauen Anzügen befreit, in der Natur auflösen (Di 25.10.).
Solch utopischen Charakter hat auch Akram Khans getanzte Neuinterpretation des „Dschungelbuchs“: Sein „Jungle Book reimagined“ (Fr/Sa 7./8.10.) betont die Gemeinsamkeiten zwischen den Arten und plädiert für einen respektvollen Umgang mit Ressourcen wie Wasser.
Andere Stücke indes erzählen von Einsamkeit und Unfreiheit: In Jean-Paul Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ landen drei Menschen, postum, in einem hermetisch abgedichteten Raum; einander ausgeliefert und voneinander abhängig werden sie einander zur Qual, zur Hölle. Das Wiener Burgtheater ist mit diesem Klassiker des Existenzialismus in Ludwigshafen zu Gast, die Inszenierung stammt von Martin Kusej, Tobias Moretti spielt die männliche Hauptrolle (Sa/So 29./30.10.).
Von der Freiheit der Gedanken
Vom Eingesperrtsein, aber auch von der Freiheit der Gedanken handelt Kirill Serebrennikovs Performancetheater „Outside“ (Fr/Sa 2./3.12.). Es ist dem chinesischen Künstler Ren Hang gewidmet, der wegen seiner homoerotischen Aktfotogografien in seiner Heimat zensiert und mehrfach inhaftiert wurde. 2017 beging Hang, an Depressionen leidend, mit 29 Jahren Selbstmord.
Genderfragen, Klimakrise, Widerstand gegen Diktatur: Die Festspiele machen das Theater zu einem Raum, in dem sich Politik mit Sinnlichkeit, Sozialkritik mit Schönheit paart. Ergänzend gibt’s literarische Salons, originelle After-Show-Konzerte und einen Diskussionsabend über die Rolle der Kultur in einer Welt, die zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint (Mo 14.11.).
Festspiele Ludwigshafen: 7.10. bis 15.12., Theater im Pfalzbau, Karten: www.theater-im-pfalzbau.de
