Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Der preisgekrönte Liedermacher Ulrich Zehfuss aus Speyer über sein neues Album „Liebe“

Setzt mit „Liebe“ einen weiteren Meilenstein seiner Karriere: der Pfälzer Liedermacher Ulrich Zehfuß.
Setzt mit »Liebe« einen weiteren Meilenstein seiner Karriere: der Pfälzer Liedermacher Ulrich Zehfuß.

Aufgenommen in den Abba-Studios in Stockholm, unter Vertrag beim Label von Konstantin Wecker: Liedermacher Ulrich Zehfuß, für seine Vorgängeralben schon gefeiert und preisgekrönt, hat mit „Liebe“ nachgelegt. Im April wurde die Release gefeiert.

Das neue Album „Liebe“ war ein besonderer Markstein auf ihrem musikalischen Weg. Wie fühlte sich das an, als sie endlich in Händen hielten?

Um ehrlich zu sein: Etwas unwirklich. So ein Album beginnt ja einfach mit dem Entschluss, eines zu machen. Da ist erst nichts. Und dann ist da irgendwann das Album. Man kann es anfassen – und drin steckt die ganze Reise, die unzähligen Stunden, Gespräche, Momente, Zweifel, Anstrengungen und das Glück, wenn es Gestalt annimmt.

Wie sind Sie auf den Titel „Liebe“ gekommen? Das klingt zunächst doch vielleicht kitschig – dabei drehen sich Ihre Songs gar nicht um glückliche Paar-Romanzen, sondern um Abschied und um Vater-Kind-Beziehungen sowie um das globale Beziehungsgeflecht mit Krieg und Krisen. „Du wirst mich nicht los“ widmet sich zum Beispiel dem Thema Plastikmüll, auch wenn es wie eine Realsatire nach einer episch-orchestralen Liebeserklärung klingt ... Wie passt das alles zum Albumtitel?

Sehr gut sogar. Es ist ja nicht die Liebe an sich kitschig. Liebe ist der Grund, weshalb wir Dinge tun. Liebe ist hier verstanden als alle Arten menschlicher Beziehungen, Empathie, Fürsorge, Trauer als Schatten verlorener Liebe. Sogar die Geopolitik beginnt mit Liebe: Sie ist der Grund, weshalb Menschen ihre Heimat verlassen. Nämlich, um für ihre Kinder ein besseres Leben zu finden: Aus Liebe. Liebe treibt uns an wie die Sonne das Wachstum der Blätter.

 

Ich stelle mir das herausfordernd vor, nach dem preisgekrönten Album „Dünnes Eis“ und dem bemerkenswerten Nachfolger „Erntezeit“ an eine neue Platte zu gehen. Fühlt man sich als Künstler da unter Druck? Wie ist es Ihnen ergangen?

Als Liederdichter denke ich nicht zuerst an das Ergebnis, also das Album, sondern frage mich, wo der Anfang eines Liedes ist – wo brennt es gerade in mir, wo ent-zündet es sich? Dieses In-Sich-Hineinhorchen ist eine tägliche Übung. Als Künstler bin ich eine Echokammer der Welt und verwandle ihre Eindrücke in mich in Ausdruck. Druck verspüre ich da immer nur bei der Frage an mich selbst, ob ich bei einer Idee schon Kern der Sache bin oder noch tiefer gehen muss.

 

„Liebe“ setzt aber wirklich ganz neue Maßstäbe: Angefangen beim Label Sturm & Klang von Konstantin Wecker. Wie sind Sie dahin gekommen?

Am Anfang stand das Lied „Soldat“, das ich mit meinem Co-Songwriter und Produzenten Anders Wihk aus Stockholm geschrieben habe. Sturm & Klang hat es gehört und mir daraufhin die Gelegenheit geboten, ein Album auf dem Label zu veröffentlichen, was mich sehr gefreut hat, da es als Liedermacher-Label eine natürliche Heimat für mich ist.

 

Ist Konstantin Wecker auf irgendeine Weise persönlich in die Entscheidungen über die Produktionen involviert?

Tatsächlich nein, weil es die Philosophie des Labels ist, seinen Künstlerinnen und Künstlern die volle Freiheit für ihre Entwicklung zu lassen. Aber natürlich besprechen wir uns zu allen wichtigen Punkten. Die Zusammenarbeit mit dem Label ist eng.

Kennen Sie ihn persönlich? Hat er Sie als Songwriter beeinflusst?

Persönlich habe ich Konstantin erst letztes Jahr kennengelernt. Er kannte meine Aufnahmen, und wir haben uns am Rande eines Konzertes unterhalten. Da er einer der großen deutschen Liedermacher ist, fanden sich seine Platten auch schon im Plattenschrank meiner Eltern. Was mich immer beeindruckt hat, ist seine Energie und Leidenschaft. Unter den deutschen Liedermachern ist er schon eindeutig der Rocker.

Welchen Unterschied macht es, ein namhaftes Label zu zeichnen?

Ich hatte auch bisher das Glück, mit einem großartigen Team zu arbeiten. Der Unterschied ist zum einen, dass die Aufgaben etwas anders organisiert sind. Das Team von Sturm & Klang unterstützt mich großartig, es macht einfach Spaß, zusammenzuarbeiten. Außerdem schafft es natürlich einen schlüssigen Kontext, für das Album ebenso wie für mich als Künstler. Zehfuss bei Wecker – das macht einfach Sinn.

Das Album geht stilistisch in eine neue Richtung: Weniger Singer-Songwriter, mehr Chanson mit Klavier, Band, Akkordeon, Streichern und mehrstimmigem Gesang, aber auch ein Hauch Country, Jazz und Pop. Mal beschwingt, mal tief melancholisch. War das so geplant oder ist es natürlich „gewachsen“?

So thematisch geschlossen das Album ist, so vielfältig sind die Soundblüten, die es getrieben hat. Das ist immer ein dynamischer Prozess, wobei von Anfang an klar war, dass ich viele echte Instrumente möchte, von Menschen gespielt. Und es wurden überraschend viele Menschen – fast 40 Leute haben mitgespielt und mitgesungen.

Wie entstehen Ihre Songs? War diesmal etwas anders?

Beim Album „Liebe“ habe ich schon beim Schreiben mit einigen Freunden aus dem „Sago“-Liedermacher-Kosmos („Sago“ ist eine Liedermacher-Schule, Anm. der Red.) zusammengearbeitet, weil ich das in der Pandemie als etwas Beglückendes erlebt habe – gemeinsam zu schreiben. Konkret habe ich einige Songs alleine geschrieben, aber die meisten in verschiedenen Besetzungen mit Co-Autoren. Die meisten mit Anders Wihk, der auch ein fantastischer Komponist ist.

Sie waren für die Aufnahmen in den „legendären“ Abba-Studios. Wie kam es dazu, dass Sie dort aufnehmen konnten? Und wie haben Sie sich dort gefühlt?

Die richtigen Menschen, Glück und Gelegenheit kamen zusammen: Anders Wihk nimmt als Pianist öfter da auf. Er ist selbst teil der schwedischen Top-Musikszene und fragte einfach die jeweils besten Leute, die er kannte, ob sie auf dem Album dabei sein wollten. Sie haben ja gesagt. Es fühlte sich unwirklich an. Ich saß da und war Zeuge, wie fantastische Musikerinnen und Musiker mit großer Freude, Konzentration und viel Liebe unsere Songs einspielten. In diesem wundervollen, hellen Studio auf einem Inselchen vor Stockholm. Und ich habe meine Songs auf einem unglaublichen Mikrofon eingesungen, das Benny Andersson persönlich gehört. Meine Zeit in Stockholm war eine einzige Endorphindusche.

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Bei einigen Songs könnte man Sie sich gut am Flügel sitzend auf der großen Bühne der früheren Samstagabend-Shows vorstellen. Das zutiefst berührende „Soldat“ etwa – die erste Single-Auskopplung – hat mich ein bisschen an Udo Jürgens erinnert. Zufall?

Nein, und es wäre mir eine große Ehre gewesen, wenn er es gesungen hätte. Es ist ein Lied, das jeden berühren muss, der Kinder hat. Was die Samstagabendshow betrifft: Ich müsste erst noch Klavier üben. Aber mit Anders am Flügel und mir am Mikro würde es gleich hinhauen. Also wir wären soweit ...

Hat das neue Album mit diesen ganzen großen Vorzeichen Ihr Leben verändert – wenn ja wie?

Das Album ist ein Symptom eines Wandels, der in der Pandemie stattgefunden hat: Mein Netzwerk und meine Perspektive sind internationaler geworden. Ich arbeite heute nicht nur mit Leuten aus Schweden, sondern auch Niederlanden, Irland und Kanada zusammen in verschiedenen Projekten. Das genieße ich sehr, weil ich dadurch viele verschiedene Blickwinkel auf die Musik habe.

Und wie bringt man diese aufwendigen Arrangements auf die Bühne, zum Beispiel beim Release-Konzert?

Die Songs an sich funktionieren ja in jedem Gewand, auch nur mit Gitarre oder Klavier. Beim Release-Konzert am 23. April in Speyer freue ich mich aber auf mehr: Ich habe eine fantastische Band. Anders Wihk kommt aus Stockholm und spielt Klavier, aus Berlin kommt Claudia Fink, mit Stimme und Gitarre, aus Köln Luis Schwamm, aus Mannheim Silvina Gaß am Sopransaxophon und TC Debus am Bass, Tommy Baldu spielt Schlagzeug, das alleine ist eine Sensation.

Apropos Bühne: Sie laden sich ja nach wie vor Gäste zu „Wohnzimmerkonzerten“ nach Speyer ins „Philipp eins“ ein. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Reihe gemacht und wie geht es dort jetzt weiter?

Mit den letzten ausverkauften Shows haben wir die Pandemie endgültig hinter uns gelassen. Das Publikum ist wieder da und ich bin sehr glücklich darüber. Bei der nächsten Show am 5. Mai gibt es mit Sebastian Krämer aus Berlin, Barbara Greshake aus Hamburg und Gitta de Ridder aus Amsterdam ein unfassbares Programm im „Philipp eins“. Ich freue mich sehr darauf.

Strahlen die aktuellen Ereignisse für Sie auch über die Grenzen der Pfalz hinaus? Oder anders gefragt: Ist es einfacher, anderswo erfolgreich Musik zu machen?

Ich glaube, die Voraussetzung ist überall ähnlich, denn, um unseren alten Sago-Meister Christof Stählin zu zitieren: Sein Publikum findet man nicht vor, man stellt es her. Es geht also darum, jeden Abend von Neuem die Menschen vor der Bühne mit seinen Liedern zu berühren. Das ist der Moment der Wahrheit. Und wenn es passiert, bin ich dankbar dafür, genau das tun zu dürfen, was ich tue.

 

Release-Konzert: So 23.4., 17 Uhr (Einlass), Speyer, Zimmertheater/Heiliggeistkirche, Karten/Infos: zehfuss.de

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