Speyer / Mainz / Kaiserslautern
Wie Pfälzer Kliniken misshandelten Frauen helfen
Eine hochschwangere Frau wird von ihrem Mann an den Haaren gezerrt und mit dem Kopf an die Wand gedonnert. Daraufhin geht die werdende Mutter ins Krankenhaus, lässt Bauch und Baby untersuchen. „Die Story drumherum aber verschweigt sie“, sagt Lena Biedermann, Sozialarbeiterin im Frauenhaus in Speyer.
Für Biedermann zeigt dieser Fall, wie Frauen sich nach einer Gewalterfahrung häufig verhalten und wie wichtig es ist, dass Ärztinnen und Ärzte sensibilisiert sind, um hinter Knochenbrüchen oder Hämatomen auch einen möglichen Zusammenhang mit Misshandlung erkennen zu können. Da sei das Angebot „Vertrauliche Hilfen nach Gewalt“ des Frauenministeriums sowie der Rechtsmedizin in Mainz ein bedeutender Baustein. Die Initiative wurde am Donnerstag am Diakonissen-Krankenhaus in Speyer vorgestellt, einem der bald vier Standorte in der Pfalz, die misshandelten Frauen unkompliziert helfen wollen.
Was Frauen von einer Strafanzeige abhält
Nur acht Prozent der Frauen und Mädchen erstatten nach einer Vergewaltigung Strafanzeige, sagt Laura Thurmann vom Frauennotruf in Speyer. Den Gang zur Polizei zu vermeiden, habe auch mit Scham zu tun. Denn die Täter kommen zumeist aus dem persönlichen Umfeld, sind also Partner, Freunde, Verwandte. Dazu kommen die „Furcht, dass einem nicht geglaubt wird, dass der Sex zunächst vielleicht einvernehmlich begann, die Einschätzung Vergewaltigung schwerfällt und womöglich der Vater der eigenen Kinder angezeigt wird und ins Gefängnis kommt“: Carmen Friedek und Uta Bohn vom Polizeipräsidium Rheinpfalz in Ludwigshafen versuchen diese Zurückhaltung zu erklären. Auch sie betonen die Bedeutung der vertraulichen Hilfen.
Das Angebot will Opfern häuslicher und sexualisierter Gewalt – Frauen, aber gegebenenfalls auch Männern – medizinische Versorgung, Information und die Möglichkeit der Beweisaufnahme bieten: kostenlos, rund um die Uhr und diskret – ganz unabhängig von einer Strafanzeige. Wer die allerdings später erstatten will, um den Täter oder die Täterin doch noch vor Gericht zu bringen und gleichzeitig Beweise vorlegen zu können, hat dazu fünf Jahre Zeit. So lange werden die entnommenen Spuren bei der Rechtsmedizin in Mainz gespeichert. Nur wenige Verbrechen bleiben bezogen auf die Fallzahlen so häufig ungesühnt wie sexualisierte Gewalt – die Dunkelziffer ist hoch.
Wie die vertrauliche Hilfe aussieht
Wer misshandelt wurde, kann sich auch bisher in einer Praxis oder einem Krankenhaus jederzeit medizinisch versorgen lassen. Neu ist nun die Kombination mit der freiwilligen, gerichtsfesten Beweissicherung nach einem in ganz Rheinland-Pfalz standardisierten Verfahren. Dazu gehören ein einheitliches Untersuchungsset, aber auch Schulungen an den Partnerklinken – im ganzen Bundesland bald zwölf. Ausgearbeitet wurde das etwa schuhkartongroße Set vom Institut für Rechtsmedizin in Mainz.
Darin sind Röhrchen für Abstriche, eine SD-Speicherkarte für eine Fotokamera sowie Asservierungstüten. Die Untersuchung schließt Fotoaufnahmen von Blutergüssen, Kratzspuren oder Würgemalen mit ein. Vertrauliche Spurensicherung bedeutet auch, dass keine Informationen ohne Zustimmung der betroffenen Person weitergegeben werden dürfen. Die ärztliche Schweigepflicht darf nur in gesetzlich eng begrenzten Fällen, etwa bei akuter Lebensgefahr oder bei Kindeswohlgefährdung, gebrochen werden.
Bis wann Spuren labortauglich sind
Betroffene können direkt zu einer der Kliniken gehen oder zunächst anrufen. Die Polizei rät, dies spätestens innerhalb der ersten 72 Stunden nach dem Übergriff zu tun, sich davor nicht umzuziehen und nicht zu duschen. So bleiben Spuren aus Blut, Urin oder Sperma labortauglich erhalten, erklärt die Forensikerin Cleo Walz. Auch Hämatome würden danach langsam verheilen und seien dann schwer zu dokumentieren. Das Angebot gilt für alle Personen ab 14 Jahren, die Kliniken können ihre Leistungen mit den gesetzlichen und privaten Krankenkassen abrechnen. Niedergelassene Ärzte sind nicht Teil des Projekts.
Sarah Rahe, Referatsleiterin Gewaltprävention im Frauen- und Familienministerium, sieht Rheinland-Pfalz hier als Vorreiter. Die spezielle Hilfe startete vor einem Jahr in Mainz, seit 2017 gab es ein Vorläufermodell. Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes unterstreicht Rahes Einschätzung. „Damit war Rheinland-Pfalz früh aktiv“, heißt es auf Anfrage dieser Zeitung aus Berlin. Die Ersten seien sie allerdings auch nicht gewesen.
Zur Sache: Die Pfälzer Partner-Kliniken
Vier Kliniken in der Pfalz sind Teil des landesweiten Projekts „Vertrauliche Hilfen nach Gewalt“ des Familienministeriums und der Rechtsmedizin in Mainz: das Diakonissen-Krankenhaus in Speyer, das Klinikum in Ludwigshafen, das Vinzentius-Krankenhaus in Landau und das Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern (geplant). Darüber hinaus auch das Klinikum Worms. Wer sich dort untersuchen lässt, kann der Entnahme von Beweisen – etwa Blut-, Urin- oder Spermaspuren – zustimmen. Diese werden an die Rechtsmedizin Mainz geschickt und dort fünf Jahre gespeichert. 280.000 Euro jährlich kostet das Angebot eigenen Angaben nach das Ministerium, hinzu kommen 25.000 Euro vom Innenministerium für die Untersuchungssets. Infos: www.mffki.rlp.de (Stichwort Vertrauliche Hilfe).dts
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