Ludwigshafen
Weniger jugendliche Straftäter – trotz oder wegen Pandemie
Es ist ein bundesweiter Trend: Seit Jahren sinkt die Anzahl der Straftaten von Jugendlichen und Heranwachsenden – aber auch die Anzahl der Straftäter. In Rheinland-Pfalz gab es laut der polizeilichen Kriminalstatistik von 2020 20.066 Tatverdächtige unter 21 Jahren. Das sind 2162 weniger als 2019. Auch in der Pfalz lässt sich diese Entwicklung bestätigen: In der Vorderpfalz gab es einen Rückgang von 3,9 Prozent, in der Westpfalz waren es etwa sieben Prozent.
Der Leiter des Sachgebiets Jugendkriminalität des Polizeipräsidiums Rheinpfalz, Jörg Haßler, kann den Trend in der Statistik auch für Ludwigshafen bestätigen. „Wenn das öffentliche Leben lahmgelegt ist, die Jugendlichen sich nicht treffen können, nicht feiern oder gemeinsam trinken, dann fehlen die Tatgelegenheiten. Einbrechen geht ja auch nicht, wenn alle zuhause sind“, sagt er.
Hier laufen alle Fäden zusammen
Drei Experten für Jugendkriminalität sprechen für das Haus des Jugendrechts Ludwigshafen. Dort laufen alle Fäden zusammen, wenn es um das Thema Jugendkriminalität in Ludwigshafen geht. Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt und der Pfälzische Verein für Soziale Rechtspflege Vorderpfalz arbeiten dort zusammen, um Jugendlichen, die auf eine schiefe Bahn geraten sind, zu helfen. Ziel: auf die Jugendkriminalität angemessen und wirkungsvoll reagieren.
„Spießige Wünsche“Die Jugendlichen, mit denen er zu tun habe, seien eher impulsiv und würden nicht geplant vorgehen. „Die gehen raus und schauen, was passiert.“ Im Stadtgebiet Ludwigshafen seien die Fallzahlen um knapp 20 Prozent eingebrochen. Benjamin Mais von der Staatsanwaltschaft Frankenthal ergänzt, dass es bei vielen Fällen erst gar nicht zu einem Gerichtsverfahren komme: „Es fehlt häufig der Tatnachweis, oder die Täter sind zum Beispiel zu jung und nicht strafmündig.“ Außerdem werde bei Jugendlichen oft auf das sogenannte Diversionsverfahren zurückgegriffen: die Möglichkeit, ein Verfahren einzustellen – mit oder ohne Auflagen.
„Das kann alles Mögliche sein, gemeinnützige Arbeitsstunden, Gruppen-Training oder einfach ein Buch lesen und Fragen dazu beantworten“, erklärt der Staatsanwalt. Ernst Blickensdörfer vom Jugendamt Ludwigshafen ergänzt, dass dabei wichtig sei, dass die Auflagen pädagogisch sinnvoll sind.
Präventionsprogramme seien häufig Gruppenangebote, etwa soziale Trainingskurse, in denen die Jugendlichen lernen, ihre Impulse in den Griff zu bekommen.
„Spießige Wünsche“
Die Gruppenkurse könnten derzeit nicht stattfinden, stattdessen gebe es mehr Einzelgespräche. So soll den Jugendlichen geholfen werden, ihre Wünsche und Ziele zu erreichen. Und die seien eigentlich ziemlich spießig, wie Haßler es formuliert. „Wenn man sie fragt, wie sie sich ihr Leben in fünf Jahren vorstellen, dann sagen sie: Frau, Kinder, Job, Haus“, berichtet der Polizist. Doch diese Wünsche seien für viele nicht leicht zu erreichen. Das fange beim Beruf an: Viele hätten Probleme damit, wenn ihnen jemand vorschreibt, was sie machen sollen. Blickensdörfer: Training für ein anderes Sozialverhalten oder für das richtige Bewerben könnten dabei helfen.
Im wenig planvollen Vorgehen bei Verbrechen sieht Haßler Parallelen zum grundsätzlichen Handeln vieler Jugendlicher, die straffällig werden. „Gerade die Intensivtäter: Wenn denen etwas fehlt, dann ist es eine Struktur.“ Und das werde durch die Corona-Maßnahmen noch verschlimmert, sagt Staatsanwalt Mais. „Blöd gesagt: Es gibt nichts Schlimmeres als junge Buben, die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen.“ Das würde ja für die These sprechen, dass Jugendliche zur Zeit eher straffällig werden müssten. Blickensdörfer vermutet: „Es könnte sein, dass vieles im Verborgenden stattfindet.“ Also auch in keiner Polizeistatistik zu finden ist.
„Ursachen angehen“ Polizist Haßler ist der Ansicht, dass die Gründe, warum junge Menschen Straftaten begehen, vielfältig sind. Es gebe nicht den einen Grund, meistens sei es ein Zusammenspiel aus Gewalterfahrungen, Problemen mit der Familie, mit Freunden, der Schule, Sucht- oder finanzielle Probleme. Deshalb halte er nichts von Forderungen nach eindimensionalen Lösungen gegen Jugendkriminalität. Jeder Fall müsse individuell betrachtet werden.
„Ursachen angehen“
Blickensdörfer vom Jugendamt ergänzt: „Man kann schon sagen, dass sozial benachteiligte Jugendliche eher kriminell werden.“ Haßler fordert deshalb, dass verstärkt die Ursachen angegangen werden und nicht nur die Symptome behandelt würden. Ein Beispiel: Schulen wie die Grundschule im Hemshof, wo zehn Prozent der Schüler kein Deutsch könnten, müssten stärker unterstützt werden. Außerdem sei eine unmittelbare Reaktion des Staates auf Straftaten wichtig: Häufig dauerten Verfahren sehr lange und die Jugendlichen bekämen das Gefühl, dass nichts passiere, wenn sie Straftaten begehen. „Dann machen sie es immer wieder, bis sie so viele Taten angehäuft haben, dass die Reaktion umso heftiger ausfällt“, sagt Haßler. Daher müssten Verfahren vereinfacht werden.