Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Ukraine: Wie spricht man mit Kindern am besten über Krieg?

Mama, was heißt das, es ist Krieg? Auch Kinder wollen wissen, was es mit den schlimmen Berichten aus der Ukraine auf sich hat.
Mama, was heißt das, es ist Krieg? Auch Kinder wollen wissen, was es mit den schlimmen Berichten aus der Ukraine auf sich hat.

Der Krieg in der Ukraine ist überall Thema: in der Familie, unter Freunden, in der Schule, in den Medien. Auch Kinder hören und sehen davon Schlimmes. Und sie haben Fragen. Haben die Eltern auch angemessene Antworten? Worauf Erwachsene achten sollten, sagt die Kinderpsychotherapeutin Helena Dimou-Diringer im Gespräch mit Martin Schmitt.

Frau Dimou-Diringer, Kinder und Jugendliche werden zwangsläufig mit dem grausamen Geschehen in der Ukraine konfrontiert. Sie wollen wissen, was da los ist, manche haben vielleicht sogar Angst. Was darf ich ihnen sagen, was besser nicht?
Ob sich Kinder ängstigen, hängt immer vom Alter ab und damit von der Art und Weise, wie sie Informationen verarbeiten. Während die einen Ängste entwickeln, macht den anderen das Thema gar nichts aus. Aber wenn Ängste auftreten, ist eines ganz wichtig: Nehmen Sie als Elternteil die Sorgen Ihres Kindes ernst. Ein schlichtes „Das betrifft uns nicht“ ist nicht hilfreich. Hören Sie Ihrem Kind erst einmal zu, damit Sie erfahren, was es von der Situation in der Ukraine weiß, wie es darüber denkt und welcher Aspekt genau es beschäftigt.

Aber darf ich mir als Erwachsener bei der Antwort anmerken lassen, dass vielleicht auch ich mir Sorgen mache?
Kinder bekommen es natürlich mit, wenn die Eltern sich sorgen. Wie Sie sich verhalten, spielt eine zentrale Rolle dabei, was Nachrichten bei Kindern auslösen. Falls Sie panisch reagieren oder wütend, weil zum Beispiel die gezeigten Bilder aus der Ukraine so schlimm sind, dann überträgt sich das auf Ihr Kind.

Eltern sollten ihrem Kind doch stets die Sicherheit vermitteln, dass sie genau wissen, was zu tun ist, damit alles gut wird.
Seien Sie vor allem aufrichtig, verstellen Sie sich nicht. Vor allem: Verharmlosen sie nicht die Situation. Sie dürfen ruhig sagen: „Auch ich mache mir Sorgen.“ Nur sollten Sie sich nicht von den eigenen Gefühlen mitreißen lassen. Weil sonst genau das passiert, was Sie schon angedeutet haben: dass die Kinder das Gefühl bekommen, die Erwachsenen, die auf sie aufpassen und sie beschützen sollen, sind selbst hilflos und haben keine Kontrolle über die Lage. Das macht Angst. Hinzu kommt die Angst, dass den Eltern etwas Ähnliches passieren könnte.

Okay, was also sage ich?
Beurteilen Sie die Situation so sachlich wie möglich. Und beantworten Sie ausschließlich Fragen, die auch gestellt werden. Holen Sie also nicht weit aus, versuchen Sie nicht, den großen historischen Bogen zu schlagen. Und vor allem: Spekulieren sie nicht zusätzlich herum, der Krieg birgt bereits Unklarheiten genug. Deshalb sollten zumindest Sie konkret bleiben. Verzichten Sie bitte auch auf Pauschalurteile.

Sie meinen in der Art: Die Russen haben die Ukraine überfallen?
Ja, genau. Denn damit machen Sie alle Russen verantwortlich und Ihr Kind übernimmt diese Sicht. Benennen Sie ruhig den russischen Präsidenten als Angreifer, sagen Sie aber gleichzeitig, dass die russischen Soldaten ja auch nicht unbedingt gern in den Krieg gezogen sind. Machen Sie deutlich, dass es auch unter den Russen welche gibt, die anders denken und handeln.

Wie konkret darf ich werden?
Die Art und Weise, wie Sie die Situation beschreiben und wie sehr Sie ins Detail gehen, hängt natürlich vom Alter Ihres Kindes ab. Bauen Sie die Erlebniswelt Ihres Kindes ein. Auch Ihr Kind kennt vermutlich Situationen, in denen schon einmal Uneinigkeit oder Streit herrschte. Daran können Sie ihm erklären, dass das in der Politik nichts anderes ist. Krieg ist also so etwas wie ein schlimmer Streit zwischen Erwachsenen, bei dem jemand sehr wütend ist. Vermitteln Sie außerdem, dass es immer besser ist, mit jemandem zu reden und dass Gewalt nie eine gute Lösung ist.

Für Kinder bis zum Ende des Grundschulalters mag das vielleicht ausreichen, aber mit Jugendlichen muss ich anders reden.
Natürlich. Jugendliche holen sich ihre Infos zwar oft selbst, im Internet, in den Medien, bei Freunden. Aber auch sie suchen Orientierung in der Frage, wie sie mit all dem umgehen sollen, was sie sehen oder lesen. Mit Jugendlichen können Sie schon sehr konkret über die Dinge sprechen, die sie beschäftigen. Aber auch bei ihnen gilt, was auch gegenüber jüngeren Kindern zutrifft: Dass Sie als Elternteil die Situation relativieren sollten, um Ängste zu nehmen. Also wenn zum Beispiel Bilder von Ruinen gezeigt werden, sollten Sie erklären, dass nicht alle Häuser dort zerstört sind. Sie sollten auch darauf hinweisen, dass es Menschen gibt, die den Betroffenen vor Ort helfen, die Feuerwehr oder Rettungsorganisationen.

Anders ausgedrückt: Ich soll meinem Kind Hoffnung geben?
Ja, unbedingt. Vermitteln Sie Zuversicht, etwa indem Sie sagen: „Hoffen wir, dass alles gut geht und sich die Streithähne wieder vertragen.“ Verweisen Sie darauf, dass die Politiker der verschiedenen Länder ja auch schon versuchen, miteinander zu sprechen. Dadurch zeigen Sie Ihrem Kind Lösungswege auf, Sie eröffnen Möglichkeiten, wie selbst schlimme Dinge bald enden können.

Wie reagiere ich, wenn mein Kind fragt, ob der Krieg auch zu uns nach Deutschland gelangen kann? Möglicherweise hat es ja schon neue Mitschüler bekommen, die aus der Ukraine flüchten mussten. Dann ist der Konflikt schon sehr nahe.
Die Situation ist für uns alle vollkommen neu, weil wir hier in Europa schon lange keinen solchen Krieg mehr hatten. Erklären Sie Ihrem Kind, dass es nicht nur in der Ukraine, sondern auch in anderen Weltgegenden Kriege gibt, zum Beispiel in Syrien, in Afrika. Und nicht jeder Krieg ist ein Weltkrieg oder kann es werden.

Nun ja, der in der Ukraine kann das vielleicht schon, sobald er ganz aus dem Ruder läuft.
Dass es bei uns so lange friedlich gewesen ist, zeigt ja, dass es Menschen und Institutionen gibt, die sich für den Frieden einsetzen. Im Fall Europas bisher sogar ziemlich erfolgreich. Auch das kann Mut machen in dieser Situation, in der sich viele Menschen einer bedrohlichen Entwicklung ausgeliefert fühlen. Aber auch dagegen lässt sich etwas tun.

Und das wäre?
Holen Sie sich die Kontrolle über die Situation zurück, gemeinsam. Überlegen Sie mit Ihrem Kind, was Sie als Familie tun können. Beispielsweise Hilfsgüter spenden und zur Sammelstelle bringen. Für den Frieden demonstrieren. Oder vielleicht sogar Geflüchtete aufnehmen. Dadurch bekämpfen Sie die Ohnmacht und auch die Angst. Letzten Endes jedoch kennen Sie als Elternteil Ihr Kind am besten. Sie sollten das tun, womit Sie beide sich wohlfühlen.

Zur Person

Helena Dimou-Diringer ist Professorin für angewandte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Die Mutter zweier Kinder leitet die Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie der Heidelberger Akademie für Psychotherapie. Diese gehört zur privaten SRH Hochschule Heidelberg.

Helena Dimou-Diringer
Helena Dimou-Diringer
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