Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Tagebuch eines Zwangsarbeiters: Geschichte live

Der Tagebuchschreiber Jan Bazuin aus Sicht der Zeichnerin.
Der Tagebuchschreiber Jan Bazuin aus Sicht der Zeichnerin.

Viele Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland wurden nach 1945 der Kollaboration verdächtigt. Das ist einer der Gründe, warum das Thema weitgehend verdrängt wurde. Jetzt ist das Tagebuch des niederländischen Zwangsarbeiters Jan Bazuin als Buch erschienen.

Während des Zweiten Weltkriegs gab es in Deutschland und den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten mehr als 20 Millionen Zwangsarbeiter. Einer von ihnen war der Niederländer Jan Bazuin. Der 19-Jährige wird im Januar 1945 von Rotterdam ins Lager Neuaubing nahe München verschleppt. Als einer von wenigen hält er seine Erlebnisse in einem Tagebuch fest. Bazuins Sohn entdeckt es nach dem Tod des Vaters 2001. Im Jahr 2017 erfährt der Historiker Paul-Moritz Rabe (Foto) davon, der am NS-Dokumentationszentrum München arbeitet. Er hat die Aufzeichnungen bearbeitet und veröffentlicht, ergänzt um Illustrationen von Barbara Yelin.

Herr Rabe, was macht das Tagebuch von Jan Bazuin so besonders?
Anders als Erinnerungen, die mit zeitlichem Abstand nachträglich notiert werden, bieten Tagebücher die Chance auf eine einzigartige Perspektive: Für den Berichtenden ist der Ausgang seiner Erzählung ja völlig offen. Und für die heutigen Leser lässt sich Geschichte live miterleben.

Gibt es viele solcher Aufzeichnungen?
Gerade die Zeit nach 1933 spiegelt sich in einer erhöhten Schreibaktivität wider, besonders bei vom NS-Regime verfolgten Menschen. Von Zwangsarbeitern gibt es jedoch relativ wenige überlieferte Tagebücher. In den Unterkünften war es klamm und eng, es gab keine Privatsphäre. Auch das Papier war knapp, gerade in der Schlussphase des Kriegs. Bazuin thematisiert das sogar. Er lässt uns wissen, wie aufwändig es war, an ein neues Schreibheft zu kommen.

Was macht seine Schilderungen jenseits der Forschung so interessant?
Bazuin beschreibt seine Gefühle, kleine Streitereien in der Familie, sein Verliebtsein, aber auch den großen Hunger. Das eröffnet uns eine private Welt neben den aus den Lehrbüchern bekannten Strukturen der Unterdrückung in Zwangsarbeiterlagern.

Von welcher Dimension sprechen wir, wenn wir über Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland sprechen?
Von einer absoluten Massendimension, was heute oft noch unterschätzt wird. Wir wissen von ungefähr 13,5 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, die allein auf dem Gebiet des damaligen Deutschen Reichs eingesetzt waren, der Großteil kam aus Osteuropa. Weitere rund zwölf Millionen Menschen wurden in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten zur Zwangsarbeit herangezogen. In den letzten Kriegsmonaten war mehr als ein Drittel der Beschäftigten in deutschen Unternehmen Zwangsarbeiter, in manchen Rüstungsbetrieben lag der Anteil bei weit über 50 Prozent. Zwangsarbeiter hielten nicht nur die Kriegsindustrie, sondern die gesamte deutsche Volkswirtschaft am Laufen. Denn sie waren in vielen Familienbetrieben, der Landwirtschaft oder der öffentlichen Verwaltung beschäftigt. Im Deutschen Reich existierten rund 30.000 Massenunterkünfte für Zwangsarbeiter, das entspricht etwa der heutigen Zahl an Supermärkten und Lebensmittelläden. Zwangsarbeit war allgegenwärtig und sichtbar.

„Ich war da mitten in den Bergen. In einem Wort, wunderschön“, beschreibt Bazuin einen Ausflug ins Umland. Waren solche Touren üblich?
Das ist das Besondere an Quellen: Sie fordern uns immer wieder dazu auf, gängige Vorstellungen zu hinterfragen. Westeuropäische Zwangsarbeiter hatten grundsätzlich mehr Möglichkeiten in ihrer wenigen „Freizeit“. Sie durften sich frei bewegen, Arbeiter aus Osteuropa brauchten dafür eine Genehmigung. So waren für Westeuropäer auch Besuche im Kino möglich. Auch Bazuin berichtet darüber. Aber seine insgesamt drei Ausflüge ins Alpenvorland haben mich doch überrascht. Insofern ist er sicherlich kein repräsentativer Zwangsarbeiter, falls wir davon überhaupt sprechen könnten. Den typischen Zwangsarbeiter gab es nicht.

Bazuin bekam von Deutschen Schuhe geschenkt. Was wissen wir über den Umgang der Zivilbevölkerung mit den Zwangsarbeitern?
Das lässt sich kaum pauschal beantworten. Es gab sicher nicht wenige Deutsche, die die Zwangsarbeiter entsprechend der NS-Ideologie als „Untermenschen“ verstanden und so auch behandelten. Es gab aber sicher auch Formen der Solidarität, etwa wenn Zwangsarbeiter mit Essen unterstützt wurden. Viele Zwangsarbeiter aus Osteuropa arbeiteten auf Bauernhöfen, dort wurden sie eher als Saisonarbeitskräfte wahrgenommen und hatten Anschluss an die Familien, auch wenn NS-Verordnungen etwa die Einnahme des gemeinsamen Essens untersagten. Um aber kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Das Gesamtsystem war eines der Diskriminierung, der strukturellen Ausbeutung und der Verfolgung.

Bazuin schafft es, teilweise in der Küche zu arbeiten ...
Das sicherte ihm das Überleben. Eine andere Strategie war das Rauchen, Nikotin betäubt – auch den Schmerz. Der Hunger war eine prägende Erfahrung für alle Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Wir haben vor einigen Jahren ein Interview mit den Kindern eines ehemaligen russischen Zwangsarbeiters geführt. Sie berichteten, dass ihr Vater sich sein ganzes Leben lang jeden Abend ein kleines Stück Brot auf seinen Nachttisch gelegt hat, bevor er zu Bett ging. Ihn umtrieb die stete Angst, nachts aufzuwachen und nichts zum Essen zu haben – seit dem Krieg in Deutschland.

Im April 1945 flüchtet Bazuin. War er eine Ausnahme?
Es war eine Ausnahme, aber trotzdem gab es auch andere Einzelfälle. In den letzten Kriegstagen brach die Ordnung des NS-Regimes zusammen.

Flucht war gefährlich. Er berichtet, wie er zwischen die Fronten gerät.
Bazuins Schilderungen gehören zu den ganz wenigen mir bekannten Beschreibungen einer solchen Flucht. Sein Entschluss erforderte Mut. Wenn er erwischt worden wäre, hätte ihm die Erschießung gedroht.

Die Flucht gelingt. Hinter der Front begegnet er einem schwer verwundeten deutschen Soldaten und hilft ihm.
Auch hier zeigt sich wohl Bazuins Charakter. Andere Zwangsarbeiter haben nach dem Zusammenbruch des Systems in den Tagen nach Kriegsende anders gehandelt. In Neuaubing wurde der deutsche Lagerunterführer von früheren Zwangsarbeitern zusammengeschlagen, der Wachführer eine Woche eingesperrt. Es gab also Rache, aber – und das ist ganz wichtig – sie war nicht willkürlich und schien sich nicht gegen „die Deutschen“ im Allgemeinen gerichtet zu haben. Es wurde unterschieden danach, wer sich während der Gewaltherrschaft wie verhalten hatte. So wurde der Lagerführer in Neuaubing, der disziplinarische Verfehlungen bewusst nicht an die Gestapo weitergeleitet hatte, nach Kriegsende verschont.

Bazuins Sohn wusste von der Verschleppung seines Vaters, aber nicht von den Aufzeichnungen. Wie kommt es zu so etwas?
Die Geschichten der Zwangsarbeiter wurden in vielen Ländern Europas jahrzehntelang verdrängt. Da wirkte teilweise noch die Propaganda der Nationalsozialisten nach, die das Ganze ja nicht als „Zwang“, sondern als scheinbar normalen „Arbeitseinsatz“ propagiert hatten. Den ehemaligen Zwangsarbeitern, insbesondere in der Sowjetunion, aber auch in den Niederlanden, wurde unterstellt, mit dem Feind zusammengearbeitet zu haben. Daher wurden diese Geschichten oft auch im Familienkontext nicht weitererzählt, auch aus Scham vielleicht, es waren in den europäischen Nachkriegsgesellschaften jedenfalls keine Heldengeschichten. In den Niederlanden spielte die Erinnerung an den Widerstand eine viel zentralere Rolle. Dagegen verblassten die Erinnerungen der Zwangsarbeiter. In Osteuropa wurden ehemalige Zwangsarbeiter noch jahrzehntelang geheimdienstlich beobachtet.

Sie haben das historische Tagebuch durch Illustrationen ergänzt. Regte sich unter Puristen in der Fachwelt daran keine Kritik?
Bislang noch nicht. Unser Ziel war es ja, den Text als authentische Quelle zu erhalten, aber die Zugänglichkeit zu erleichtern, gerade für Leser, die nicht so historisch vorinformiert sind. Die bunten Zeichnungen schaffen neue Vorstellungswelten, wo bisher oft die schwarz-weißen Propagandafotos der Nationalsozialisten den Blick auf Geschichte bestimmen. (Das Buch: Jan Bazuin, Tagebuch eines Zwangsarbeiters, C. H. Beck Verlag, 157 Seiten, ISBN-13: 9783406781650, 20 Euro.)

In der Pfalz: Zeitzeugen gesucht

Weit mehr als 20 Millionen Menschen in Europa wurden vom NS-Regime zur Zwangsarbeit herangezogen, zwölf Millionen in den besetzten Gebieten, 13,5 Millionen mussten Zwangsarbeit in Deutschland leisten, darunter rund 1,7 Millionen KZ-Häftlinge. Erst 1998 beschloss der Bundestag Zahlungen für erlittenes Unrecht. Um Sammelklagen zu entgehen, beteiligte sich daran auch die deutsche Wirtschaft, zum Beispiel die BASF.

In der Pfalz erreicht die Zwangsarbeit in den Jahren 1943/44 mit rund 75.000 Frauen und Männern einen Höchststand. Allein in Ludwigshafen waren zum Stichtag 1. Dezember 1943 rund 21.000 zivile Ausländer gemeldet. Der Wehrmacht unterstehende Kriegsgefangene wurden über das Stammlager Frankenthal zur Zwangsarbeit eingeteilt. Nahe dem Bahnhof Pirmasens-Nord befand sich ein Durchgangslager. Daneben hatten Unternehmen eigene Lager, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren. Parallel zu ihrem Einsatz in pfälzischen Industrie- und Handwerksbetrieben spielte die Beschäftigung von Zwangsarbeitern insbesondere in der Landwirtschaft und im Weinbau eine bedeutsame Rolle. Das öffentliche Leben aufrechtzuerhalten sowie die kriegszerstörte kommunale und staatliche Infrastruktur notdürftig wieder instandzusetzen, war in der Pfalz – wie im übrigen Deutschland – ohne Zwangsarbeit unmöglich gewesen.

Der Bezirksverband Pfalz erforscht die Geschichte der Zwangsarbeiter in der Pfalz, gesucht sind Erinnerungen, Fotos oder Unterlagen. Information und Kontakt: forschung-zwangsarbeit@bv-pfalz.de.

Der Historiker Paul-Moritz Rabe.
Der Historiker Paul-Moritz Rabe.
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