SPEYER RHEINPFALZ Plus Artikel Protestanten: Wie die Kirche die Zukunft gewinnen will

Ist die „Vision 2035“ ein Hoffnungsschimmer für die Evangelische Landeskirche der Pfalz? Die Speyerer Gedächtniskirche der Prote
Ist die »Vision 2035« ein Hoffnungsschimmer für die Evangelische Landeskirche der Pfalz? Die Speyerer Gedächtniskirche der Protestation im Sonnenlicht.

60 Millionen Euro – um diese Summe will die Evangelische Landeskirche der Pfalz in den kommenden zehn Jahren ihren Haushalt eindampfen. Sie will? Sie muss! Immer weniger Mitglieder, damit geringere Finanzmittel und fehlender Nachwuchs im Pfarrdienst zwingen die Protestanten zum Handeln.

Porsche“ und „Ferrari“ heißen Nebenräume, in denen während des dreitägigen Herbsttreffens der Landessynode Ausschüsse oder kirchenpolitische Gruppen zusammenkommen. Das sind klangvolle Namen aus der Welt des Automobilbaus und Motorsports, die vor allem für eins stehen: hohes Tempo. Insbesondere Letzteres macht einigen der Synodalen große Sorgen im Zusammenhang mit dem radikalen Umbau, über den das höchste Gremium der Evangelische Landeskirche seit Donnerstag im Gastrokomplex des Technik-Museums in Speyer diskutiert. In den Wortbeiträgen klingt gleichwohl durch: Des Ernstes der Lage sind sich die hier Versammelten bewusst.

Unter dem etwas technischen Schlagwort „Priorisierungsprozess“ geht es um nichts anderes als eine tiefgreifende Anpassung der kirchlichen Strukturen an drei zentrale Probleme: weniger Mitglieder, weniger Geld und weniger Personal. Die Kirchenpräsidentin selbst hat das Problem in ihrer Rede am ersten Tag der Synode drastisch zugespitzt: „Die Kirche, die wir haben, ist nicht mehr zu bezahlen“, sagt Dorothee Wüst. 60 Millionen Euro, grob die Hälfte des jährlichen Budgets, muss die Pfälzische Landeskirche nach aktueller Rechnung einsparen. Demgegenüber steht ein massives Nachwuchsproblem im pastoralen Dienst. Wüst erinnert an ihre Zeit als junge Pfarrerin: Damals habe es zu viele „von uns“ für zu wenige Stellen gegeben – inzwischen sei es umgekehrt.

In „Vision 2035“ gebündelt

Wüst benennt deutlich Versäumnisse der Vergangenheit: Die Protestanten hätten sich „in der Sicherheit volkskirchlicher Existenz“ gewiegt und die Menschen „zu wenig gefragt, was sie brauchen“. Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und geringerer Ressourcen wolle sie aber nicht „Verwalterin von Niedergang und Depression“ sein. Grundsätzlich gelte: „Wir sind nicht irgendein Verein mit einem Finanzierungsproblem.“ Wie mit signifikant weniger Hauptamtlichen künftig Nähe zu den Gläubigen und ihren Bedürfnissen möglich sein soll, haben Arbeitsgruppen zu einer „Vision 2035“ gebündelt.

Das auf der Herbstsynode präsentierte Ergebnis schlägt zwei Varianten vor, die im Kern dasselbe Ziel haben: die Anzahl der mehr als 400 öffentlich-rechtlichen Körperschaften, die inklusive ihr selbst die Protestantischen Landeskirche bilden, deutlich zu verringern und insbesondere Verwaltungsaufgaben deutlich zu verringern. Modell A setzt auf die Bildung von etwa 20 sogenannter Regio-Kirchengemeinden. Modell B auf lediglich noch vier Kirchenbezirke. In beiden Fällen blieben die örtlichen Gemeinden im Status als Körperschaften des kirchlichen Rechts.

Von Verwaltung entlasten

In den Regio-Kirchengemeinden beziehungsweise -Pfarrämtern, die für rund 15.000 Gläubige zuständig wären, sieht das vorgestellte Papier jeweils rund neun Vollzeitstellen vor – fünf davon für Pfarrerinnen oder Pfarrer. Diese sollen einerseits Bezugspersonen für jeweils 2000 bis 3000 Gemeindeglieder sein und andererseits Aufgabenbereiche funktional untereinander aufteilen. Die Hoffnung: Geistliche würden von Verwaltungsaufgaben entlastet und könnten sich ihrem Kerngeschäft, der Seelsorge, widmen. Auf Ebene der Landeskirche sollten dann nach bisheriger Planung die Verantwortung für allgemeine Verwaltung, Gebäudemanagement und den Betrieb der Kindertagesstätten gebündelt werden.

Just die Frage des Umgangs mit den Immobilien ist aber offenbar eine kitzlige: Bei der Aussprache am Freitag spielt dieses Thema in vielen Wortmeldungen eine Rolle. Der früher in der Pfalz tätige Theologie-Professor Gerald Kretzschmar (Tübingen) nennt es tags zuvor in seinem Impuls-Vortrag eine „schwere Aufgabe“, bei den Gebäuden einen „nüchternen Blick“ zu behalten. Sie seien oft mit prägenden Ereignissen eines Lebens verknüpft: Taufe, Konfirmation oder Hochzeit. Was an Entscheidungen auf die Verantwortlichen zukomme – da gebe es „nichts schönzureden“, sagt Kretzschmar.

„Großes Grummeln“

Vor allem das Tempo der Veränderungen und des bevorstehenden Entscheidungsprozesses sorgt in den Kirchenbezirken für „großes Grummeln“, wie es der Speyerer Dekan Arne Dembek formuliert. Nach einem Workshop im Februar soll beim Frühjahrstreffen der Synode im Mai 2025 ein Beschluss fallen. In dieser hohen Geschwindigkeit sieht Barbara Schleicher-Rothmund, Mitglied der Synode und rheinland-pfälzische Bürgerbeauftragte, die Gefahr, Gläubige für die Kirche zu verlieren. Dieses Risiko erkennt auch Dorothee Wüst: „Wir werden nicht alle Herzen gewinnen“, sagt die Kirchenpräsidentin. Sie versucht, die Synode in Speyer für die Chancen des vorgeschlagenen Wegs zu begeistern: „Was wir hier tun, ist sehr mutig.“

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