Meinung
Pro und Contra: Sind weniger Wanderwege im Pfälzerwald mehr?
Pro: Weniger Wege bringen mehr Vorteile
Von Andreas Schlick
Den richtigen Weg zu finden, ist manchmal gar nicht so einfach. Im Leben nicht. Im Pfälzerwald erst recht nicht. Deshalb ist das neue Konzept beachtenswert, das die Wanderkultur im Wald der Pfälzer spürbar verändern soll. Die 3100 Kilometer Wege werden auf 1800 eingedampft. Was im ersten Moment nach einem Kahlschlag aussieht, ist bei genauerer Betrachtung das glatte Gegenteil: Darin liegt die Chance, dass alle gewinnen. Vor allem der Pfälzerwald selbst.
Die dringend notwendige Entrümpelungsaktion bei den Wegen wird das bringen, was eine solche Aktion meistens bringt: mehr Ordnung, den Abschied von Überflüssigem. Denn wer sich ehrlich macht, muss einräumen: Da laufen manchmal Pfade kreuz und quer durch den Wald, teilweise parallel nur wenige Meter entfernt voneinander, stellenweise sind sie wenig bis schlecht gepflegt. Kein Wandergenuss. Weniger wäre da mehr.
So übersichtlich wie Speisekarte in Asia-Imbiss
Natürlich sollen mit dem neuen Konzept die Waldbesucher auch zielsicherer zu den Attraktionen des Pfälzerwaldes gelenkt werden – von der Burg bis zur Wanderhütte. Gerade für eine Touristenregion ist das wichtig, nur so fließt Geld in die Kassen. Keiner muss jedoch fürchten, nur noch über die Waldautobahnen geschickt zu werden. Es wird weiter „Pädelscher“ geben, wie man in der Pfalz sagt.
Das Weniger an Wegen wird auch ein Weniger an Wanderzeichen bringen. Gut so. Denn nicht nur an so mancher Wegspinne im Pfälzerwald ist die Routenführung so übersichtlich wie die Speisekarte in einem Asia-Imbiss. Die Orientierung für Wanderer wird durch die Änderungen einfacher.
Die von der Karte gestrichenen Wege werden auch nicht vom einen auf den anderen Tag verschwinden. Die Natur wird sie sich langsam zurückholen. Wer sich auskennt, wird also auch weiterhin darauf wandeln können. Für die Natur hat das nur Vorteile. Tiere und Pflanzen werden seltener von menschlichen Störenfrieden behelligt, Müll wird vermutlich an weniger Stellen im Wald landen.
Frieden zwischen Wanderern und Radlern?
Die Straffung des Wegenetzes wird auch den Pfälzerwald-Verein (PWV) entlasten. Denn die Menschen, die sich um die Wege kümmern, tun das ehrenamtlich. Doch wie bei so vielen Vereinen ist auch beim PWV das Personal knapp. Da hilft es, wenn weniger Pfade zu pflegen sind.
Die mögliche Umwidmung mancher Wanderwege in Radrouten könnte zudem den Kulturkampf im Wald befrieden: den zwischen Wanderern und Bikern. Werden nur wenige Wege zu Trails umfunktioniert, könnte das Radler und Wanderer trennen. Ein Ökoeffekt würde dennoch bleiben.
Das neue Konzept für den Pfälzerwald zeigt den richtigen Weg. Jetzt muss er auch gegangen werden.
Contra: Es wird kompliziert im Pfälzerwald
Von Britta Enzenauer
Alle Wege führen nach Rom – und viele auf die Lieblingshütte im Pfälzerwald. Bislang ist das so, und was Rom anbelangt, sollte sich auch nichts ändern. Anders sieht es nun ja mit den Wanderpfaden durch die Pfalz aus. Und zunächst dachte ich, es ist gar keine schlechte Idee, das Wegenetz im Pfälzerwald zu verkleinern. Und fast hätte es an dieser Stelle kein Contra gegeben. Schließlich hört es sich toll an: Der Wildwuchs an Pfaden und Markierungen soll verschwinden, mehr Klarheit bei der Wegeführung entstehen und obendrein die Natur geschützt werden. Klingt gut. Zielführend. Gerade einem Orientierungslegastheniker wie mir sollte es helfen, wenn eine klare Beschilderung sicher an die Lieblingshütte oder zu einem schönen Felsen leitet.
Doch dann erschrak ich plötzlich. Werden künftig alle, die auf meine Lieblingshütte wollen, dieselbe Route nehmen, weil nicht mehr viele Wege dahin führen? Werden die verbleibenden Wege – das Wegenetz soll um 40 Prozent schrumpfen – zu einer Art Wanderautobahn, über die alle Wanderer kommen? Und ist das gut für die Natur? Ich bekomme Zweifel. Erst recht, als ich dann noch lese, dass gestrichene Wanderwege umfunktioniert und zu Mountainbike-Routen werden könnten. Das soll Naturschutz sein. Nicht im Ernst, oder?
Wo bleibt das Naturerlebnis?
Die Besucherströme sollen mit dem neuen Wegenetz an touristisch wertvolle Orte und Hütten geführt werden. So die Idee, das Konzept. Einer hinter dem anderen vom Schillerfelsen zum Schwalbenfelsen zur Felsenarena. Wo bleibt das Naturerlebnis? Mir fällt der Dahner Felsenpfad ein. Total premium lockt er Wanderwillige von Felsen zu Felsen. Und damit auch keiner ausgelassen wird, geht es hierhin, dorthin und wieder hierhin. Die Wegeführung ist durch Varianten weder klar noch einfach. Keine Ahnung, wer sie sich ausgedacht hat, vielleicht jemand aus Köln. Dort sitzt jedenfalls jetzt eines der Planungsbüros für die Reform. Ein Freund von mir, der in Dahn nahe der Piste wohnt, hat schon so manchen verwirrten Wanderer wieder auf Spur gebracht. Die neuen Wanderwege sollten sich premium laufen lassen. Hoffentlich wird das beachtet. Ebenfalls hoffe ich, dass sich Wanderfreunde im Wald verteilen können. Sonst macht’s einfach keinen Spaß mehr.
Etwas traurig schaue ich auf den Kartenstapel und mein Wanderbuch für den Pfälzerwald. Das alles kann vermutlich bald in die Tonne. Und die Wege, die ich gut drauf habe, kann ich wohl vergessen. Zum Teil jedenfalls. Fest steht: Während das neue Konzept umgesetzt wird, alte Wege wegfallen, neue entstehen, wird es kompliziert im Pfälzerwald. Dann geht’s einstweilen besser nicht zur Lieblingshütte, sondern auf – nach Rom.
