Der Weintipp
Prickelnde Finesse
Wenig bekannt ist die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der einheimischen Weine nicht trocken, sondern mit Restsüße abgefüllt werden. Vor allem die so genannten „Gelegenheits- und Seltentrinker“ (weniger als einmal pro Woche) mögen es gerne mit ein wenig Süße. Andere Weinliebhaber dagegen haben zu süßen Weinen ein eher schwieriges Verhältnis und verlangen mit breiter Brust: „Natürlich trocken!“ Das hat damit zu tun, dass billigsüße Weine mit Süßreservezugabe viele Jahre lang den Markt dominierten und das Image dieser Spezies verdarben.
Grundlage des deutschen Weltrufs
Dabei waren es feine, mühsam erzeugte Riesling-Kunstwerke mit Restsüße, die einst den Weltruf der deutschen Weine begründeten – bis heute genießt vor allem die Mosel für ihre reifefähigen Rieslinge mit wenig Alkohol, viel Säure und feiner Fruchtsüße höchstes Ansehen. Keinem anderen Land der Welt jedenfalls ist es bisher gelungen, Süße, Finesse und Säurefrische auf ähnliche Art zu verbinden: Alle anderen bekannten Süßweine sind alkoholschwer und säurearm.
Die kleine Schar begeisterter Liebhaber eleganter Weine mit Restsüße wächst auch in Deutschland wieder. Kellermeister in anderen Anbaugebieten versuchen sich am Moselstil und sind stolz, wenn sie vergleichbare Weine hinbekommen, obwohl sie nicht über die dortigen Schieferböden verfügen.
Sieben Prozent Alkohol
Dominik Stern aus Hochstadt, der in berühmten Riesling-Lagen der Mittelhaardt Weinberge bewirtschaftet, hat aus dem Forster Ungeheuer eine Spätlese mit nur 7 Volumenprozent Alkohol und etwa 90 Gramm Restzucker gefüllt, die mit vielen exzellenten Moselweinen mithalten kann. Sie beeindruckt durch klare Fruchtfrische, die an frische Aprikosen, Tannenhonig und Zitrus erinnert. Im Mund besitzt der Wein diese tänzerische, fast prickelnde Finesse der besten Kabinette und Spätlesen. Süße und Säure sind wunderbar balanciert. Soll man ihn jugendlich-lebendig trinken, wie er sich jetzt präsentiert? Oder gereift nach zehn Jahren? Am besten beides.