SAACH BLOOSS RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzisch für Profis: Sein oder nicht sein?

Der Blick unseres Zeichners auf eine Redewendung, die auch abseits des Schlafzimmers Fragen aufwirft.
Der Blick unseres Zeichners auf eine Redewendung, die auch abseits des Schlafzimmers Fragen aufwirft.

Die Verwendung von „haben“ und „sein“ bietet einen ziemlich verlässlichen Hinweis darauf, aus welcher Ecke der Pfalz ein Dialektsprecher stammt. Doch manche regionalen Eigenheiten schleifen sich ab.

Die määnscht Zeit – also in aller Regel – befasst sich die Serie „Saach blooß“ mit originellen Pfälzer Wörtern und Sprüchen, weil sich daran die Eigenheiten eines Dialekts gut festmachen lassen. Ein paar typische Beispiele: die Multifunktionsformel „alla“ – von französisch „aller“ für „gehen“ –, die das Pfälzische von nahezu allen anderen Dialekten abgrenzt; der „Kroddegiekser“ – ein unscharfes Messer, mit dem sich nicht einmal eine Kröte oder ein Frosch erschrecken lassen; aber auch Redewendungen wie „Aweil besch letz“, „die Gääsegichter grie(che)“ oder „Dehääm hänn alle Buwe Klicker“.

Die Kavallerie fällt aus

Daran, wie zahlreiche dieser Wörter oder Wendungen sich bis heute im modernen Sprachalltag behaupten – und wie manch andere einfach verschwinden –, lässt sich die Entwicklung der Sprache ebenso ablesen wie die Entwicklung der Lebenswirklichkeit. Klare Sache: Wenn es keine leichte Kavallerie mehr gibt, verschwindet auch der sprichwörtlich krummbeinige „Schwolleschee“ (von französisch: chevaux légers), wenn der Nachttopf entsorgt wird, wird der „Botschamber (pot de chambre) vergessen, und angesichts der Modernisierung innerörtlicher Verkehrswege wird auch das „Schosseegräwel“ irgendwann in der Sprachmottenkiste landen.

Regionale Unterschiede

Doch genauso spannend wie einzelne Begriffe oder Wendungen und deren Schicksal sind die regionalen Unterschiede innerhalb der Pfalz, wenn es zum Beispiel um die Hilfsverben „haben“ und „sein“ geht. Im Leseraufruf für diese Folge hatten wir das an einem Satz aus Rockenhausen festgemacht: „Isch sein hinnerum un hun dir ebbes mitgebrung“, heißt oder hieß es dort, wenn man auf Hochdeutsch sagen würde: „Ich bin durch den Hintereingang gekommen und habe dir etwas mitgebracht.“ Mit Abstand die auffälligste Nord- oder Nordwestpfälzer Besonderheit in diesem Satz: „Ich sein“ (auch mal: „Ich sin“), wo man eigentlich ein „Ich bin“ erwarten würde.

„Mir sein vun Kusel“

„Mir sein vun Kusel“ und – erkennbar historisch – „Unser Vadder sein Hutmacher“ sind zwei Beispiele von Heinrich Rudolphi aus Ramstein, bei denen das überraschende „sein“ einmal an die Stelle eines „sind“ und einmal an die Stelle eines „ist“ tritt. In seinem „Pfälzischen Wörterbuch“ spricht der Sprachforscher Rudolf Post von „vereinzeltem“ Auftreten dieser Varianten und schreibt: „Ein Vergleich von Sprachaufnahmen aus den Jahren 1887, 1927 und 1960 zeigt, dass sich ,bin’ auf Kosten der übrigen Formen stark ausgebreitet hat.“ Mit anderen Worten: „I(s)ch sein“ (und sicher auch „er sein“ und „mir sein“) sind Beispiele für eine altertümliche und wohl vom Aussterben bedrohte Eigenheit des Nordpfälzischen. Hier ist das allmähliche Verschwinden einer Variante mit dem Phänomen der Angleichung zu erklären: Regionale Eigenheiten schleifen sich ab, weil die Menschen mobiler sind als einst und sich mehr und über größere Distanzen austauschen. In früheren Zeiten, als Menschen ihr ganzes Leben in einem Dorf verbrachten, lag es dagegen auf der Hand, dass lokale Eigenheiten sich erhalten. Und: Das Fernsehen als den größten Vereinheitlicher von allen gab es damals noch nicht. Ebenfalls auffällig und typisch für den Norden der Pfalz: das „hun“ anstelle von „han“, „hän“, „hab“ oder „häb“, wie man in anderen Teilen der Pfalz sagen würde.

Ein paar Beispiele

Hier ein paar regionale Versionen unseres Aufrufspruchs:

„Isch bin hinnerum un hann der ebbes metgebrung.“ (Bertram Müller für den Raum Ramstein-Miesenbach).

„Ich bin hinnerum un hab der was mitgebroocht.“ (Silvia K. Ege-Saling, die heute in Wernau am Neckar lebt, für den Raum Landau)

„Ich bin hinnerum roikumme un hab der ebbes mitgebrocht.“ (Inge Schornick für Ludwigshafen)

„Ich bin die Hinnerdeer erinkumm un han der ebbes mitgebrung.“ (Eingeschickt von Klaus Kronibus für den Raum Enkenbach-Alsenborn)

Es zeigt sich schon an diesen wenigen Beispielen: Bei der ersten Person Singular von „sein“, also bei „Ich bin“ (oder „Isch bin“, oder „Ich ben“) hat sich nahezu pfalzweit eine einheitliche Form durchgesetzt, die fast identisch ist mit der hochdeutschen. Die erste Person Singular von „haben“ dagegen liefert auch im modernen pfälzischen Sprachgebrauch einen eindeutigen Hinweis darauf, aus welcher Ecke der Pfalz der Sprecher oder die Sprecherin stammt:

„Ich han“ heißt es im Westen, „Ich hun“ im Norden, „Ich habb“ in der Vorderpfalz sowie in Teilen der Südwestpfalz (außer in jenen Teilen der Südpfalz rund um Landau, wo es auch „Ich häbb“ heißen kann).

Hausbau in der Pfalz

Neben den sprachlichen Fein- und Besonderheiten rund um die Hilfsverben „sein“ und „haben“ bietet unser Aufrufspruch einen unverhofften Blick in die Vergangenheit des Hausbaus in der Pfalz, wie die Leser festgestellt haben. „Ich sein (oder: ich bin) hinnerum“ verweist nämlich auf eine Hintertür. Reinhard Hartmann aus Kaiserslautern schreibt: „Mir ist deutlich geworden, wie alt so eine Aussage sein muss und in welchem Umfeld sie entstanden sein könnte. Wir befinden uns hier auf dem Land mit unverschlossenen Türen und einem Hintereingang zum Garten. Die zweite Möglichkeit führte von einem Garten zum anderen. Also war die Hintertür die Tür für Nachbarn oder Vertraute.“

Man kannte sich

Auch Doris Rittmann aus Birkenheide verweist darauf, dass das (Nordpfälzer) Bauernhaus früher meist mit zwei Türen gebaut wurde, bei denen die zweite Tür in den Garten oder ins Feld führte: „Die zweite Tür war meistens offen, weil man sich im Dorf oder im Hof gut kannte.“ Es steht zu vermuten, dass diese Bedeutung von „hinnerum“ verloren gehen wird, je mehr sich die Gesellschaft individualisiert. Oder, wie Reinhard Hartmann schreibt: „Ein ,hinnerum’ in städtischen Straßenreihen, in Reihenhaussiedlungen und mehrstöckigen Wohnhäusern bis hin zum Hochhaus ist nicht oder nur schwer vorstellbar“.

Des sein schad. Net wohr?

Nächstes Mal: „de Gickel“

In der nächsten Folge wollen wir uns dem „Gickel“ zuwenden, der sich in der Redewendung „en Gickel hawwe“ erhalten hat. Wir fragen Sie: „Wer hot en Gickel?“ Wer kennt die Wendung und in welcher Variante? Wo kommen das Wort und die Wendung her? Schreiben Sie uns!

Mitmach-Infos

Wir gehen originellen Sprüchen, Redensarten und Wörtern aus der Pfalz auf den Grund – und zwar mithilfe unserer Leser. Bitte schreiben Sie unter dem Kennwort „Saach blooß“ an: RHEINPFALZ am SONNTAG, Ostbahnstraße 12, 76829 Landau, E-Mail: saachblooss@rheinpfalz.de

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