Landwirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Neuer Schädling: Zikaden bereiten Pfälzer Rüben- und Kartoffelbauern Sorgen

Ein Zuckerrüben-Vollernter in der Vorderpfalz während der Erntekampagne 2021.
Ein Zuckerrüben-Vollernter in der Vorderpfalz während der Erntekampagne 2021.

Ernteausfälle bei Kartoffeln, weniger Zucker bei Rüben – manche Landwirte haben den Anbau schon aufgegeben. Schuld daran ist ein infolge des Klimawandels eingewandertes Insekt, die Schilf-Glasflügelzikade. Ein Ausweg ist die Zucht neuer Sorten. Doch auch der hat einen Haken.

„Von den Zikaden ist unser gesamtes Verbandsgebiet betroffen“, sagt Thomas Knecht. Der Landwirt aus Herxheim im Kreis Südliche Weinstraße ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer mit Sitz in Worms. Entlang der Rheinschiene hätten die Schäden schon dazu geführt, dass einige Landwirte den Anbau von Zuckerrüben schon aufgegeben hätten. „Hotspots sind im Raum Worms, aber auch in der Südpfalz“, berichtet Knecht.

Zu erkennen ist ein Befall leicht: „Die Pflanzen auf den Feldern werden gelb, das ist der Klassiker“, sagt Knecht. Die Zuckerrüben werden in ihrer Entwicklung gehemmt, dadurch erbringen sie einen wesentlich niedrigeren Zucker-Ertrag als gesunde Pflanzen. Die Bauern aber werden nach dem Ertrag ihrer Feldfrüchte an Reinzucker bezahlt. Kartoffeln werden gummiartig weich und bauen einen unerwünschten Zuckeranteil auf, womit sie beispielsweise für die Produktion von Kartoffelchips unbrauchbar werden.

„Flächen, die einfach wertlos sind“

So kommt es, dass man mit Rüben meist vor Totalverlusten verschont bleibe, erläutert Knecht, denn irgendeinen Zuckeranteil haben die Wurzeln immer – wenn auch einen niedrigeren als gewohnt. „Bei Kartoffeln müssen wir eine stärkere Schädigung befürchten. Da ist der Fall schon eingetreten, dass Flächen einfach wertlos sind“, so der Landwirt.

Landwirt Andreas Kling vom Lehmgrubenhof in Haßloch hat noch kein Problem mit Zikadenbefall. Doch er behält seine Äcker, auf denen er Spätkartoffeln anbaut, im Blick. „Das Problem mit den Zikaden baut sich auf“, sagt Kling. Auch Hartmut Magin, Landwirt in Mutterstadt und Vorsitzender der Vereinigung der „Pälzer Grumbeere“, hat auf seinen Feldern noch keine Zikaden entdeckt. Bis zum 10. August wurde die Frühkartoffel geerntet. Da die Zikaden von Mai bis Juli aktiv sind, weiß der Landwirt schon, dass er dieses Jahr ohne Ernteausfälle davon gekommen ist.

Unscheinbares Tierchen: Die Schilf-Glasflügelzikade.
Unscheinbares Tierchen: Die Schilf-Glasflügelzikade.

Das Tier, das den Bauern Kopfzerbrechen bereitet, heißt Schilf-Glasflügelzikade (Pentastiridius leporinus). Erst seit dem vergangenen Jahr weiß die Wissenschaft, was bei einem Befall mit diesem Insekt wirklich passiert. Die Doktorandin Sarah Behrmann von der Universität Gießen ist bei der Forschung für ihre Doktorarbeit dem Prozess auf die Spur gekommen: Die Zikaden saugen Pflanzensaft an den Blattstielen. Dabei gelangen Bakterien in die Pflanzen, die diesen schaden.

Neue Sorten sollen helfen

Die Zikade ist ein Neuling in Deutschland, aus Südeuropa eingewandert über Frankreich, begünstigt durch den Klimawandel. Das Gegenmittel der Wahl ist laut Christian Lang, dem Geschäftsführer des Rübenbauern-Verbands, die Zucht von Sorten, die mit den Bakterien der Zikade besser umgehen können. „Ich erwarte nicht, dass es komplette Resistenzen geben wird“, sagt Lang. Stattdessen sei das Ziel, Sorten zu bekommen, die sich von den Bakterien möglichst nicht am Wachstum hindern lassen. Pflanzenschutzmittel gegen die Zikaden gebe es keine.

Das Insekt ist nicht nur bei Kartoffeln und Rüben ein Thema. Lang sagt: „Es würde mich wundern, wenn sie da stehen bleibt.“ Dass das Tier noch weitere Pflanzen befalle, sei aber nicht unbedingt ein Problem – es komme darauf an, wie eine Pflanze mit dem Befall zu Recht komme.

„Bei den Zikaden noch nicht am Höhepunkt“

Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd weist darauf hin, dass weitere Zikadenarten mittlerweile für Probleme in der Pfälzer Landwirtschaft sorgen: Die Winden-Glasflügelzikade (Hyalesthes obsoletus) und die Grüne Rebzikade (Empoasca vitis). Letztere schädige die Pflanze direkt, indem sie an ihr sauge, so Köhr. Bei der Winden-Glasflügelzikade sind das Problem wiederum Erreger, die durch sie in die Pflanze gelangen. Sie verursachen sogenannte Vergilbungskrankheiten, beispielsweise die Schwarzholzkrankheit, sagt Köhr, die Reben absterben lässt. Sie wird ausschließlich durch die Zikade übertragen, kann also nicht zwischen Pflanzen springen. Auch gegen dieses Tier gibt es keine Pflanzenschutzmittel. Winzer, die gegen das Insekt vorgehen wollen, müssen Ackerwinden und Brennesseln aus ihren Weinbergen entfernen, und zwar mit der Wurzel. An dieser sitzt die Zikade bevorzugt, auf die Reben-Wurzeln springt sie dann aber über.

Das Problem wird nicht weniger, meint Köhr. „Bei den Zikaden sind wir sicherlich noch nicht auf dem Höhepunkt. Da werden auch andere Arten in unsere Breiten finden.“ Wie der Rübenbauern-Verband hält auch der BWV Neuzüchtungen für den Königsweg: „Bevor man Pflanzenschutz einsetzt, ist es eleganter, resistente Sorten zu finden“, so Köhr.

„Das ist ein Marathon“

Aussichtsreiche Sorten-Kandidaten haben Versuchsreihen in der Pfalz, Rheinhessen und Südhessen mittlerweile hervorgebracht. Denn die Region ist nicht nur Schwerpunkt des Zikaden-Aufkommens, sondern auch der Züchtung. Von der neuen Rübensorte „Fitis“ werden laut Lang mittlerweile 15.000 Hektar angebaut, insgesamt belaufe sich der Anbau toleranter Sorten auf 25.000 Hektar. Noch aussichtsreicher als Fitis sei die Sorte „Brabanter“. „Die testen wir in diesem Jahr“, so Lang.

Also alles gut? Knecht glaubt noch nicht so recht dran. „Der Kampf gegen einen neuen Schädling ist kein Hundert-Meter-Lauf, das ist ein Marathon. Da kriegt man dann vielleicht eine Sorte, die gegen die Zikade tolerant ist, dann ist die dann vielleicht gegen andere Schädlinge und Krankheiten empfindlich.“

x