Bad Dürkheim / Pfalz
Nach Wurstmarkt-Vorfall: Wie funktioniert die Warn-App Katwarn?
Dass Katwarn-Warnungen für Aufruhr sorgen, liegt in der Natur der Sache. Auch die Meldung, die am Montag auf dem Wurstmarkt versendet wurde, erhöhte den Puls. Denn statt einer Zielgruppe von 300 Menschen, ging eine Test-Warnung an 7000 raus. Zusätzlich problematisch: Die Meldung war auch noch spaßig formuliert und verwies auf einen Auftritt der Pfälzer Kultband „Anonyme Giddarischde“. Der Ärger, dass die Warn-App Katwarn dafür genutzt wurde, schwappte bis ins Innenministerium nach Mainz. Wie funktioniert Katwarn und wie gehen Kommunen damit um? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Was ist Katwarn?
Über die Warn-App werden Meldungen an die Bevölkerung versendet, um vor Bränden, Flutkatastrophen oder anderen Gefahren zu warnen. Katwarn wurde vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme in Berlin mit weiteren Unternehmen entwickelt. Das System Katwarn gibt es seit 2011 und wird von Bund und Kommunen genutzt. Die App kann in den gängigen App-Stores heruntergeladen werden. Seit 2015 gibt es auch die bundeseigene Warn-App Nina. Beide warnen vor Gefahren.
Welche Warnmeldungen gibt es?
Das Bundesamt für Katastrophenschutz hat verschiedene Warnstufen. Bei Katwarn werden diese farblich kategorisiert: Sicherheitsrelevante Informationen sind blau. Dieser Typ wurde auf dem Wurstmarkt versendet. Rot steht für Gefahren für die Bevölkerung, violett warnt vor extremer Gefahr und ist die höchste Warnstufe mit akuter Gefahr für Leib und Leben. Kritische Alarme, also mit Ton, gibt es nur für die Warnstufen rot und violett – wenn die App die Berechtigungen dafür vom Nutzer hat.
Wie und von wem werden die Warnungen versendet?
Offizielle Sicherheitsbehörden von Bund, Ländern, Kreisen oder Städten können bei Gefahr über Katwarn warnen. Katwarn ist an das Modulare Warnsystem (Mowas) des Bundes und an den Deutschen Wetterdienst angedockt. Wird dort alarmiert, geht bei Katwarn eine Meldung an die Nutzer.
Wie werde ich von Katwarn alarmiert?
Es gibt Unterschiede bei der Alarmierung: ortsbezogene Warnungen oder über Themenabos. Erstgenannte gelten für ein bestimmtes Gebiet, einen Landkreis oder eine von den Behörden auf einer Karte eingezeichnete Region. „Damit werden alle Geräte mit aktiver Katwarn-App in diesem Gebiet erreicht“, erklärt Georg Koch, technischer Projektleiter bei Katwarn. Die App-Nutzer müssen entweder die aktive Ortung, bei Katwarn ist das der „Schutzengel“ in der App, aktivieren oder unter den Favoriten einen Ort auswählen. Wichtig sind die „korrekten Berechtigungen im Betriebssystem“ für die App, betont Koch. Die Themenabos, wie beim Wurstmarkt oder der Messe Berlin, abonnieren Nutzer per QR-Code oder Link vor Ort.
Was können Kommunen über Katwarn versenden?
Etwa 80 Kreise in Deutschland haben eine Lizenz für Katwarn erworben, darunter der Kreis Bad Dürkheim. In Rheinland-Pfalz haben 17 Kreise und kreisfreie Städte von insgesamt 36 eine Lizenz, so Koch. Versendet werden neben Warnungen vor Großlagen beispielsweise Meldungen über Trinkwasserverunreinigungen oder Stromausfälle.
Wie kam es zu dem Katwarn-Fehler auf dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt?
Auf dem Bad Dürkheimer Wurstmarkt sollte eine Testwarnung ausgespielt werden. Die Stadt Bad Dürkheim hatte die Notfall-Kommunikation testen wollen, heißt es von offizieller Seite. Ein Mitarbeiter der Stadt versendete die Nachricht versehentlich nicht an die Themenabonnenten, sondern an alle Nutzer in dem Gebiet. Aus 300 wurden 7000 Empfänger. Immerhin: Die Wurstmarkt-Warnung war „nur“ eine blaue. Das bedeutet, dass diese nicht an die Warn-App Nina weitergeleitet wurde. Das wäre bei roten oder violetten Warnstufen der Fall gewesen. Diese werden „automatisch über die Mowas-Schleuse des Bundes an die Warn-App Nina weitergeleitet“, sagt Koch. Bei blauen muss das extra angeklickt werden. Koch: „Zum Glück wurde diese Option nicht ausgewählt.“
Wie sind die Reaktionen auf den Wurstmarkt-Vorfall?
Wogen glätten und die Bedeutung von Katwarn beschwören, so lässt sich das Verhalten der Beteiligten beschreiben. Bundesweit ist die fehlgeleitete Warnung in den Schlagzeilen. Selbst im Berliner Katwarn-Büro gingen Rückmeldungen zum Wurstmarkt-Vorfall ein. Abmeldungen von dem Dienst aus Ärger, das habe man beim Dienstleister noch nicht feststellen können. Koch wirbt für einen „verantwortungsbewussten Umgang“ mit der App: „Katwarn trägt seinen Nutzen aus dem Vertrauen, das dem System gegeben wird.“
Bei der RHEINPFALZ gingen zahlreiche Reaktionen ein – mit unterschiedlichen Reaktionen: mal sauer, mal eher pfälzisch locker. Verärgerter ist die Kreisspitze um Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU), weil auch der Katwarn-Themendienst unter der Lizenz des Kreises läuft, aber von der Stadt bedient wird. Aus dem Mainzer Innenministerium kamen scharfe Worte: „Der Text ist inakzeptabel.“
Wo wird Katwarn noch genutzt?
Neben Landkreisen nutzt mit Hessen ein ganzes Bundesland den Dienst. Die hessische Polizei warnt über die App bereits seit dem Jahr 2019, wie Koch erläutert. Auch die Europäische Kommission in Brüssel nutzt Katwarn für ihre Liegenschaften. Einer der größten Kunden in Deutschland ist die BASF. Der Chemie-Riese aus Ludwigshafen, genauer dessen Werkfeuerwehr, warnt seit 2014 unter anderem über die App im Notfall Menschen auf dem Werksgelände. „Die Vorteile von appbasierten Warnsystemen liegen in der ortsbezogenen und themenspezifischen Warnung direkt auf das Smartphone“, erklärt eine Sprecherin der BASF auf Anfrage. Sollte Gefahr „über die Werksgrenze hinaus bestehen“, würden die Leitstelle und die Berufsfeuerwehr Ludwigshafen informiert, teilt ein Sprecher der Stadt Ludwigshafen mit. Zwei Mal sei dies in den vergangenen drei Jahren der Fall gewesen. Die BASF selbst darf der Sprecherin zufolge keine Warnungen im öffentlichen Raum auslösen.