Kusel
Nach Polizistenmord in Kusel: So verlief die dramatische Fahndung
Das Rattern des Polizeihubschraubers dröhnt über Kusel. Polizisten stehen schwer gepanzert und mit Maschinenpistolen im Anschlag auf der Straße. Nach den tödlichen Schüssen auf zwei junge Polizisten befindet sich der Landkreis Kusel im Ausnahmezustand.
„Die schießen auf uns“
Was war passiert? Am frühen Morgen kommt es auf der Kreisstraße 22 zwischen den Orten Mayweilerhof und Ulmet zu einer Polizeikontrolle. In einem zivilen Polizeiauto fahren eine 24-jährige Polizeianwärterin und ihr 29-jähriger Kollege durch ein Waldstück. Dort halten die beiden, in Uniform und mit angelegten Warnwesten, ein Auto an. Die Beamten entdecken totes Wild im Wagen und setzen daraufhin einen ersten Funkspruch ab. Was danach folgt, bleibt bisher unklar. Fest steht nur: Um zirka 4.20 Uhr geht eine verzweifelte Meldung über den Polizeifunk. „Die schießen auf uns“, zitiert später das Polizeipräsidium Kaiserslautern aus dem Funkspruch. Als der Notruf eingeht, macht sich sofort Verstärkung auf den Weg zu der unter Beschuss geratenen Streife. Die eintreffenden Beamten kommen jedoch zu spät. Die Kollegin ist bereits tot, als die Verstärkung eintrifft, der Kollege stirbt bald danach.
Sofort beginnt eine großflächige Suche nach dem oder den Tätern. Polizeikräfte aus dem ganzen Bundesland werden mobilisiert. Der Polizei sind zu Beginn der Suche weder Hinweise zu dem oder den Tätern bekannt noch wissen sie, in welche Richtung sie geflohen sind. Wer sich auf den Weg zum Tatort begibt, der bekommt eine Ahnung, wie kompliziert sich die Suche nach Hinweisen gestalten wird.
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Der Mayweilerhof ist eine kleine Siedlung auf einer Bergkuppe mit wenigen Dutzend Einwohnern. Kurz vor der Kreisstadt Kusel schlängelt sich eine schmale Kreisstraße durch Wald und Wiesen bergauf. Man durchfährt zunächst die Gemeinde Blaubach und gelangt schließlich auf eine Bergkuppe, die die Region überragt. Als wenige Minuten entfernt von dort die Todesschüsse fallen, schlafen die meisten Bewohner noch.
Opfer kommen aus dem Saarland
An diesem Montagmorgen steht Elsbeth Gerthner wie meistens um 4.40 Uhr auf. Gerthner betreibt mit ihrer Familie auf dem Mayweilerhof einen Bauernhof mit Hofladen. Sofort fällt ihr flackerndes Blaulicht auf. Dass keine Autos mehr an ihrem Hof aus Richtung Ulmet vorbeifahren und dass die Autos, die von Blaubach hoch kommen, wieder wenden und zurückfahren, wundert sie noch mehr. Schnell ist der Bäuerin klar: „Da ist was passiert – ein schwerer Verkehrsunfall vielleicht.“ Gegen 10.30 Uhr steht Elsbeth Gerthner in der blauen Schürze in ihrem Laden, der Schreck sitzt noch immer in ihren Gliedern. In den Regalen stehen selbstgemachte Marmeladen, es gibt hier Käse, Wild und Schnaps zu kaufen. Bis zum Mayweilerhof darf man von Kusel aus fahren, auch weiter nach Oberalben. Nur runter nach Ulmet geht’s nicht. Denn auf dieser abschüssigen Strecke hat sich die Tat ereignet. Zu diesem Zeitpunkt weiß auch Elsbeth Gerthner: Es war kein Unfall. Es war mutmaßlich ein Doppelmord.
Bald nach der Tat hat die Polizei damit begonnen, die Zufahrtsstraßen zum Tatort abzusperren. Um 7.10 Uhr veröffentlicht das Polizeipräsidium eine Pressemitteilung über die Gewalttat – verbunden mit der Warnung, auf keinen Fall Anhalter mitzunehmen. Schnell erregt die Meldung bundesweit Aufmerksamkeit. In Saarbrücken zeigt sich Ministerpräsident Tobias Hans später tief betroffen. Beide Opfer kommen aus dem Saarland. Sowohl die junge Polizistin als auch der 29-jährige Beamte. Dieser war gar nicht weit vom Tatort zu Hause: im Sankt Wendeler Land, direkt an der Grenze zum Kreis Kusel.
Die Fahndung beginnt
Die Polizei fahndet indes nach Hinweisen, die auf den oder die Täter schließen lassen. Eine Rufnummer für dringende Hinweise wird eingerichtet. Bis zum späten Nachmittag gehen rund 50 Hinweise bei der Polizei ein. Die Lage in Kusel und den umgebenden Dörfern ist angespannt. Den ganzen Morgen über kreist ein Polizeihubschrauber über dem Wald beim Mayweilerhof. Und auch am Boden herrscht überall Alarmbereitschaft. Wer mit dem Auto nach Kusel rein fährt oder ausfährt, wird von der Polizei beobachtet. An allen Zufahrten zum Tatort stehen schwer bewaffnete Polizisten mit Maschinenpistolen und kugelsicheren Westen. Auch an der Autobahnauffahrt Richtung Trier steht seit dem frühen Morgen bis zum Nachmittag ein Streifenwagen.
Am Vormittag ist der Zugang nach Ulmet abgeriegelt. Niemand hat mehr Zugang zu der Straße, die in Richtung des Tatorts führt. Anwohner müssen an der Straßensperre ihren Ausweis vorzeigen, um weiterfahren zu dürfen. In Ulmet selbst reagieren die Menschen bestürzt. „Es ist wie im Film. Nur leider passiert das gerade wirklich – und das direkt vor unserer Haustür“, sagt ein Anwohner. Er und weitere Einwohner berichten, dass man in der Nacht Schüsse bis in den Ort habe hören können. Mindestens fünf oder sechs seien es gewesen.
Eine heiße Spur
Einige Kilometer bergauf, zurück am Mayweilerhof, steht eine behelmte Polizistin am Flatterband. Vor ihr stehen mittlerweile mehrere Kamerateams und Fotografen. Auf der Bergkuppe bläst der Wind. Es beginnt zu regnen. „Von hier noch ungefähr einen Kilometer, dort ist es passiert“, sagt die junge Frau. Polizisten in Zivil treffen ein. Einer zieht sich einen weißen Overall über, Spurensicherung. Er sucht mit einer Kollegin das Gelände ab und packt etwas in Plastiktüten. Seine Kollegin fotografiert Gelände und Gegenstände. Die Spurensicherung wird später rund um den Tatort einen entscheidenden Fund machen: Nach Informationen der RHEINPFALZ und anderer Medien finden die Polizisten Ausweispapiere, die auf die Herkunft des Täters schließen lassen.
Am späten Nachmittag folgt dann das, was in Sicherheitskreisen bereits vermutet wurde. Verdächtigt wird ein bereits polizeibekannter Saarländer (38). Die Polizei veröffentlicht einen Fahndungsaufruf inklusive Foto zu dem Mann. Recherchiert man den Namen, erhält man die Adresse zu einem Wildhandel. Die Hinweise verdichten sich, dass der Gesuchte möglicherweise illegal in einem nahe gelegenen Waldstück auf der Jagd war. Was die Reporter zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Die Ermittler sind dem Gesuchten bereits dicht auf der Spur.
Um 17.57 Uhr veröffentlicht das Polizeipräsidium Westpfalz eine weitere Pressemitteilung. Der 38-Jährige sei kurz nach 17 Uhr von Spezialeinheiten der Polizei in Sulzbach festgenommen worden. Ein weiterer 32-jähriger Mann wurde ebenfalls vorläufig festgenommen. Wie es zu der schrecklichen Tat am Montagmorgen kommen konnte, bleibt jedoch noch unbeantwortet. Der Verdächtige habe noch keine Angaben zur Sache gemacht.

