Wachenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Musik „und was Gescheites“: Ein Event-Manager aus der Pfalz zieht Bilanz

Manfred Mühlbeyer beim Schreiben in den Weinbergen bei Dackenheim.
Manfred Mühlbeyer beim Schreiben in den Weinbergen bei Dackenheim.

Der Vorderpfälzer Veranstalter Manfred Mühlbeyer hat seine Autobiografie geschrieben. Ein Besuch zeigt einen Mann, der nie um eine Idee verlegen ist – und angesichts der Corona-Krise doch zum ersten Mal in seinem Leben ratlos scheint.

Normalerweise geht es im Show-Service-Center von Manfred Mühlbeyer rund. Das Telefon steht kaum still, und der Kalender ist mit Terminen gut gefüllt. Nun weist er massive Lücken auf. Schuld ist Corona. „Ich hab ja schon viel erlebt. Die Sonntagsfahrverbote 1973, den Golfkrieg ’91 und die Anschläge auf die Twin Towers des World Trade Centers in New York“, erzählt der 65-Jährige. Auch damals wurden etliche Veranstaltungen abgesagt. „Aber jetzt ist es ein großes Dilemma“, sagt Mühlbeyer.

90 Prozent der Veranstaltungen und damit der Aufträge seien weggebrochen, „alle Großevents sind gecancelt“. Lichtblicke gebe es erst gegen Ende des Jahres. Corona beschert dem 65-Jährigen in der Folge zwei bittere Premieren: Zum ersten Mal schreibt seine Firma rote Zahlen, und zum ersten Mal ist er ratlos. „Im Gegensatz zu den anderen Krisen ist ein Ende der Corona-Krise nicht absehbar. Keiner kann wirklich sagen, wie es weitergeht. Das bereitet mir Kopfzerbrechen“, erzählt Mühlbeyer. Den Kopf in den Sand zu stecken, kommt für ihn trotzdem nicht in Frage.

Davon erzählt auch sein Buch „Event Stories“, ein Streifzug durch mehr als fünf Jahrzehnte, in denen sich der Freinsheimer als Musiker, Event-Manager, Regisseur, Komponist, Texter, Produzent, Bühnen-, Buch- und Filmautor bewiesen hat. Ein wahres Multitalent, dessen Karriere in der elterlichen Küche ihren Anfang nahm. „Da habe ich die Kochtöpfe und Holzlöffel zum Schlagzeug umfunktioniert und dem Drummer der Band, die am Kinderfasching gespielt hat, nachgeeifert. Ich habe mir sogar Schokoladenzigaretten zulegt, um ihn zu kopieren.“

Erfolgsrezept: Unabhängig bleiben

Während die Mutter außer Kopfschütteln nichts für die neu entdeckte Berufung ihres Sohnes zum Musiker übrig hatte, erkannte der Vater sein Talent. Allerdings brachte er ihn vom Schlagzeug ab und machte ihm stattdessen das Akkordeon schmackhaft. „Weil man das alleine spielen kann, meinte er, und riet mir dringend, immer unabhängig zu bleiben. Nur dann könne ich Erfolg haben. Wie recht mein Vater damit hatte, erkannte ich erst später“, so Mühlbeyer.

Das Akkordeon, damals alles andere als „in“, erleichterte dem jungen Musiker später den Umstieg auf die angesagte Hammond-Orgel. Mit ihr startete er im Alter von 14 Jahren durch – semiprofessionell, aber mit Erfolg. Für ein paar Mark spielte er nachmittags für Ausflügler in Winzergaststätten auf. Seine Unterhaltungskünste kamen gut an, die Schule musste er trotzdem beenden und dann erst mal „was Gescheites lernen“. Darauf pochte der Vater und drängte zu einer kaufmännischen Ausbildung. Mühlbeyer fügte sich, ließ aber nicht von der Musik. „Im Nachhinein war ich dankbar, durch die Ausbildung hatte ich einen guten Geschäftssinn entwickelt.“

„Der Mühlbeyer kann nicht nur Musiknoten lesen, sondern auch Banknoten, witzelte so mancher Veranstalter“ – so ist es ist in „Event Stories“ zu lesen. Ganz Kind seiner Zeit, mit langen Haaren, Schnauzer, Lederjacke und einer Vorliebe für Popmusik und Schlager war er bald von Profibands gefragt. „Ich habe mit vielen bekannten Interpreten wie Chris Roberts, Tony Marshall und Graham Bonney auf der Bühne gestanden. Doch irgendwann hatte ich Lust, meine eigene Band zu gründen.“ Schnell fanden sich Mitstreiter, und im Juni 1971 formierte sich die Gruppe „The Butterfly“.

Mehr der damals aktuellen Pop- und Rockmusik zugetan, mussten die vier Musiker einige Kröten schlucken. Denn bei Auftritten in der Provinz standen Walzer und Polonaise weit höher im Kurs als die „neumodische Krachmusik“. Mühlbeyer sagt: „Ich habe mich immer als Dienstleister verstanden, und das bedeutet, sich auch mal selbst zurückzunehmen.“ Das professionelle Denken kam ihm zugute. So mancher Künstler hätte den jungen Mann gern als Manager gewonnen, wie Mühlbeyer berichtet. Doch er habe sich nicht einer einzigen Person verschreiben wollen. Lieber ging er ein Risiko ein und gründete mit gerade mal 18 Jahren das „Show-Service-Center Manfred Mühlbeyer“. Sein Angebot: ein Rundum-Sorglos-Paket für Shows und Veranstaltungen vom Konzept über Technik und Regie bis hin zur Dekoration. „Renner waren damals die bunten Abende. Aber ich hatte immer ein sicheres Gespür für Entwicklungen und ahnte, dass dieses Genre bald ein Auslaufmodell sein würde. Jubiläen dagegen werden immer gefeiert, habe ich mir überlegt.“

Jubiläen sind das Brot- und Butter-Geschäft

Auf den Namen „Rückschau“ oder „Rückshow“ getauft – je nach Geschmack des Auftraggebers –, schlug das neue Format ein und hält sich bis heute. Für mehr als 5000 Jubiläen hat Mühlbeyer die Konzepte geschrieben. Immer nur nachts, oft bis in den frühen Morgen, manchmal mit Rotwein dazu, meist mit Kaffee. „Wenn’s hell wird, schmeckt der Wein nicht mehr“, lautet eine Mühlbeyersche Erkenntnis. Unter den Rückschauen, die mittlerweile „Zeitreisen“ heißen, finden sich der 100. Geburtstag eines großen Unternehmens mit Udo Jürgens als Überraschungsgast sowie die runden Geburtstage von Fritz und Otmar Walter auf dem Betzenberg und der 80. Geburtstag des FCK in der Fruchthalle Kaiserslautern mit etlichen Fußballergrößen vor ziemlich genau 20 Jahren.

Mit dem Eintritt von Mühlbeyers Bruder Roland Mitte der 1980er wird die Firma zum Familienbetrieb und wächst um die Sparte Tonstudio Weinstraße, auch das Spektrum der Veranstaltungen erweitert sich. Ob Oldie-Nächte oder Vereinsfeste – die Mühlbeyer-Brüder machen alles möglich. Aufträge führen sie quer durch Deutschland und ins Ausland.

Ein Leben ständig auf Achse, das geht nur gut, wenn die Frau mitspielt. „Ich habe Glück, meine Frau Angelika, mit der ich über 45 Jahre verheiratet bin, hat immer hinter mir gestanden, mir den Rücken freigehalten und mich tatkräftig unterstützt. Sie hat viel dazu beigetragen, dass ich meinen Traum verwirklichen konnte“ – auch wenn sie bei Elternabenden in der Schule manchmal gefragt wurde, ob sie alleinerziehend sei.

Sammler und Ausstellungsmacher

So viel Raum die Musik im beruflichen Alltag einnimmt, privat spielt sie heute eine untergeordnete Rolle. Und mit dem Tanzen stehe er nicht auf allzu gutem Fuß, das Rhythmusgefühl weigere sich, in die Beine zu kommen. Dafür hat er sein Herz an altes Spielzeug und Gegenstände verloren, die den Zeitgeist vergangener Jahrzehnte widerspiegeln. Das Ergebnis seiner Sammelleidenschaft ist aus Anlass des 70. Geburtstags der Bundesrepublik noch bis Ende Oktober im Schuhmuseum Hauenstein zu sehen unter dem Titel „7 Jahrzehnte: Zeitgeist der BRD – Kult und Trends aus Mode, Hobby, Musik & Technik“ (wir berichteten).

Mit seiner Biografie „Event-Stories – vor und hinter den Kulissen“ hat sich Mühlbeyer einen weiteren Wunsch erfüllt. Gemeinsam mit der „Leo“-Journalistin Gisela Huwig geschrieben, bietet es einen Einblick in den Werdegang des Allrounders. Jetzt, mit 65 Jahren, hat Mühlbeyer einen Gang heruntergeschaltet, sieht manches lockerer. Doch: „Ein Hannebambel, der nur rumsitzt, werde ich nie werden.“ Daran kann auch Corona nicht rütteln.

Info: Veranstalter in der Krise

Am Montag hat die Veranstaltungsbranche mit einer „Night of Light“ benannten Aktion auf ihre Situation in der Corona-Krise hingewiesen. Dafür wurden in zahlreichen Städten Bauwerke in rotes Licht getaucht, so die SAP-Arena in Mannheim. Wegen der behördlichen Auflagen im Zuge der Corona-Krise sei dem Wirtschaftszweig über Nacht die Arbeitsgrundlage entzogen worden, hatten die Organisatoren rund um den Essener Eventlocation-Betreiber Tom Koperek im Vorfeld berichtet. Seit Mitte März mache die Veranstaltungswirtschaft quasi keinen Umsatz mehr. Laut Koperek erwirtschafte die Branche normalerweise mit über zwei Millionen Beschäftigten rund 130 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Nun drohe eine Pleitewelle: Die Hälfte der Unternehmen sei davon bedroht.

Mühlbeyer 1999 mit Udo Jürgens und ...
Mühlbeyer 1999 mit Udo Jürgens und ...
... 1975 mit seiner Ehefrau Angelika.
... 1975 mit seiner Ehefrau Angelika.
Bei einer Jubilarfeier hüpft Mühlbeyer in einen Fend-Kabinenroller. Viele Firmen, sagt er, schmückten ihre Jubiläen gerne mit Ge
Bei einer Jubilarfeier hüpft Mühlbeyer in einen Fend-Kabinenroller. Viele Firmen, sagt er, schmückten ihre Jubiläen gerne mit Gerätschaften, die den Zeitgeist früherer Jahrzehnte widerspiegeln.
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