Interview
Mathematikprofessorin über Lockdown und künstliche Intelligenz ohne Gruselfaktor
Frau Schöbel, Sie haben Ihr Abi mit 1,0 gemacht, Mathe studiert und in dem Fach habilitiert. Da bekommen manche Minderwertigkeitskomplexe ...
(lacht) ... nein, das muss man nicht. Jeder hat seine Bereiche, in denen er stark ist. Ich habe mich auch lange nicht getraut, Mathematik zu studieren. Mathematik ist gar nicht so schwer, wenn sie angewendet wird. Dann kann man sie prima erklären. Leider passiert das in der Schule zu selten.
Mathe als Studienfach lockt immer noch mehr Jungs als Mädchen. Warum?
Ja, das ist sehr traurig. Mehr Mädels wären gut. Wir am Institut versuchen, sie zu begeistern, bieten Aktionen am Girl’s Day an oder die Math-Talent-School als Projektwoche. Eine echte Lösung aber ist schwierig.
Was begeistert Sie persönlich an der Welt der Zahlen?
Das Zusammenspiel zwischen Logik und Theorie auf einem einzigen Blatt Papier – das ist wie ein großes Spiel. Und die Anwendbarkeit in der Praxis, das ist einfach klasse.
Das Wissenschaftsministerium hat sie jetzt zur ersten Lotsin für künstliche Intelligenz (KI) in Rheinland-Pfalz ernannt. Sie sollen Scharnier sein zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Warum braucht es ein Scharnier?
Ziel ist, die Angst vor der Künstlichen Intelligenz zu nehmen, es gibt ja viele Mythen um KI. Wir wollen stattdessen ihre Vorteile zeigen und das Wissen aus der Forschung in die Praxis bringen.
Wo hört normale Software auf und wo beginnt künstliche Intelligenz?
KI ist ein Forschungsgebiet wie andere Disziplinen auch. Es geht darum, spezielle Probleme zu lösen und Unternehmen zu unterstützen, Kosten einzusparen oder die Qualität ihrer Produkte zu erhöhen. KI ist eine von vielen Möglichkeiten, gute Algorithmen zu entwickeln. Durch Science-Fiction, in der Maschinen die Welt beherrschen, wird KI aber oft als gruselig wahrgenommen. Von solchen Szenarien sind wir weit weg.
Wo besonders nutzen wir jetzt schon künstliche Intelligenz?
Ganz stark ist sie schon in der Erkennung von Bildern, Strukturen. Etwa bei der Erkennung von Verkehrsschildern beim autonomen Fahren oder beim Finden von kaputten Teilen in der Produktion. Eine große Rolle spielt sie auch in der Wartung von technischen Anlagen.
Was machen Sie als KI-Lotsin?
Das von der Landesregierung als erstes initiierte Projekt ist der Bereich Mobilität. Über unsere Homepage und mit Vorträgen – online oder in Präsenz – bringen wir ab Frühjahr Experten mit Anwendern zusammen. Akteure können hier zum Beispiel Verkehrsverbünde, Verwaltungen, Parkraumbewirtschafter oder auch Logistikunternehmen sein.
Wo ist KI stark in Rheinland-Pfalz?
Kaiserslautern ist ein starker und sehr praxisbezogener Standort mit viel Expertise und vielen Instituten – dem DFKI, den beiden Fraunhoferinstituten und dem Max-Planck-Institut. Die TU verstärkt den Bereich gerade mit drei neuen Professuren. Die Großindustrie im Land wie Daimler in Wörth und die BASF wenden schon länger KI Methoden an und es interessieren sich auch immer mehr mittelständische Firmen dafür.
Das Land Rheinland-Pfalz investiert in die Agenda künstliche Intelligenz 36 Millionen Euro. Genügt das?
Es ist gut, die 36 Millionen zu haben, und wir freuen uns über die Initiative. Aber die 36 Millionen reichen nicht, um an der Weltspitze mitspielen zu können. Geld ist jedoch nicht alles, man braucht auch spritzige Ideen.
Spritzige Ideen. Welche?
KI dort einzusetzen, wo Arbeiten noch nicht einmal digitalisiert sind. Etwa in der Lagerhaltung von Krankenhäusern, wo Medikamenten- oder Verbandskisten rot markiert werden, wenn sie leer sind. Mit KI hat Pflegepersonal mehr Zeit fürs Wesentliche. Dazu läuft gerade ein Projekt in Zweibrücken. Oder bei der Simulation in der Vliesstoffproduktion – wie können die warmen Fasern so im Windstrom geblasen werden, dass Schutzkleidung virenundurchlässiger wird.
Was halten Sie von Meldungen, dass eine App Corona-Infizierte anhand ihrer Stimme erkennen kann?
Ich bin skeptisch, dass man das so schnell hinbekommt und dabei die Fehlerquote nicht zu hoch ist. Ansonsten wäre das toll, ein Meldesystem ohne Laboranalyse.
Sie untersuchen auch die Ausbreitung des Coronavirus. Für welche Art von Lockdown sind Sie?
Mir wäre eine kurze, leider schmerzvolle Variante lieber gewesen. Drei Wochen Lockdown wie im Frühjahr, in dem alle dazu beitragen, dass die Fallzahlen schnell sinken. Wenn die Gesundheitsämter dann wieder die Infektionsketten unterbrechen können, kann man lockern – mit den bekannten Hygieneregeln.
„Evolution und Epidemie – Spieltheorie in der Biophysik“ – ein Buch, das Sie vor zehn Jahren schrieben. Hatten Sie da schon eine Vision von dieser Pandemie?
Nein. Wir hatten uns damals schon mit Ausbreitungsmodellen und auch Impfen beschäftigt. Aber eine Pandemie in dem Ausmaß war für uns unvorstellbar.
Interview: Simone Schmidt