Neustadt
Hohe Renditeversprechen: Wie ein Profi auf Betrüger hereinfiel
Als Reinhold M.*, 51, im Mai in der RHEINPFALZ einen Bericht über eine Frau aus dem Kreis Bad Dürkheim liest, die 380.000 Euro an Online-Bankbetrüger verloren hat, kann er sich nicht vorstellen, Betrügern auf den Leim zu gehen. Er handelt zu der Zeit Aktien über eine Online-App. „Ich hatte Zertifikate, Aktiencharts, die ich an der Börse real nachvollziehen konnte, Beratungen mit einem Experten, Druck gab es keinen“, sagt der Mann aus der Region Neustadt. Er will anonym bleiben, andere warnen. Heute weiß der erfahrene Anleger und gelernte Bankkaufmann, dass auch er auf Kriminelle hereingefallen ist.
„Warnsignale gab es eigentlich, ja“, sagt er, „mit dem Wissen von heute“. Anfang März stieß er eigenen Angaben nach über eine Anzeige des Anbieters „Stifel“ auf Facebook in eine Whatsapp-Gruppe. Dort wurden große Gewinne versprochen – mit Aktien etwa in der Rüstungsindustrie und Rheinmetall. Reinhold M. wartete ab, wie er sagt, informierte sich, eröffnete dann ein Konto über die STLSE-App, für das er die Zugangsdaten und das Passwort selbst vergab und auf dem ihm die Wertentwicklung angezeigt werden sollte.
Charlotte und ein Fake-Profil
Dann investierte er in drei Tranchen 15.000 Euro. Das Geld überwies er auf ein spanisches Konto, ein angebliches Handelskonto, von dem die Aktien durch Stifel ge- und verkauft werden sollten. „Mir kam das im ersten Moment sogar spanisch vor“, witzelt der Betroffene heute. „Die Gewinnaussicht reizte mich“, sagt er, der auch sonst sein Geld routiniert online anlegt. „Es wirkte alles seriös, hochprofessionell.“ Charlotte hieß die Ansprechpartnerin im Whatsapp-Kanal, es gab andere, die ebenfalls viel Geld investierten.
Auch eine „Raketenaktie“ war im Angebot. Regelmäßig beriet ein gewisser Monroe Trout online in der Gruppe über den geplanten Handel. Ein Mann namens Trout ist tatsächlich Chefberater bei der US-Firma Stifel Strategie. Heute scheint klar, dass es sich bei ihm um ein KI-generiertes Profil gehandelt hat – nur das Foto war echt. Die Beratung war nie live. Zunächst sah es offenbar gut aus mit dem Geldgeschäft. Es gab enorme Kursentwicklungen von mehreren Hundert Prozent Gewinn, „das war Wahnsinn, aber mitunter im täglichen Geschäft nicht unrealistisch“, sagt der 51-Jährige. Als er noch angeforderte Steuern in Höhe von 5000 Euro gezahlt hatte und sich Anfang Juni 58.000 Euro auszahlen lassen wollte – die 15.000 Euro inklusive des angeblichen Gewinns – brach der Kontakt langsam ab, der Betrug fiel auf. Er erstattete Anzeige.
Die Bankenaufsicht ermittelt
Die Bankenaufsicht Bafin ermittelt mittlerweile gegen die „STL Strategie“. Laut Bafin wendet sich die STL in Whatsapp-Gruppen und Chats an deutsche Anlegerinnen und Anleger und suggeriert, „zur Stifel Financial Corp., USA, zu gehören. Dem ist nicht so“, heißt es seit 20. Juni auf der Webseite der Bafin. Sie warnt weiter: „Die Gelder werden auf Konten bei der Easy Payment and Finance E.P, Madrid, entgegengenommen. Die in der Regel nur vorgetäuschten Käufe/Verkäufe/Gewinne werden in der App angezeigt. Zu tatsächlichen Auszahlungen kommt es nicht.“
Auch mit anderen seriösen Firmennamen operieren Betrüger im Finanzsektor: etwa zulasten der Citadel Securities GCS in Irland. Der 51-Jährige ist nicht der Einzige, der den Hintermännern und -frauen der falschen „Stifel“ auf den Leim ging. Er ist bundesweit im Austausch mit anderen Geschädigten und spricht von einem Gesamtschaden von 250.000 Euro. Sie prüften eine Sammelklage – nur gegen wen und mit welchem Erfolg? Die Idee scheint aktuell verworfen.
Was die Polizei sagt
Der Leiter der Kriminalinspektion in Neustadt, Andreas Heintz, bestätigt den Eingang der Anzeige. Sagt aber auch: „Damit hat man leider noch nicht sein Geld wieder.“ Laut Heintz ist die Aufklärungsquote bei solchen Fällen „sehr gering“. Die Banken sind seiner Ansicht nach „ein Faktor, um Betrug zu verhindern und auch das Geld womöglich zurückholen“ zu können.
Die VR-Bank Südpfalz will sich zu dem Fall ihres Kunden auf Anfrage dieser Zeitung nicht äußern, obwohl Reinhold M. keine Vorwürfe gegen sie erhebt. Der Vorstand beruft sich auf das Bankgeheimnis und will sich auch nicht zur Frage äußern, ob sich die VR-Bank technisch besser rüsten müsste, um solche Betrugsfälle verhindern zu können, oder ob sie die Beratungen bei einem Verdacht verbessern muss. Ein Bankmitarbeiter hatte sich telefonisch bei dem 51-Jährigen erkundigt, ob er mit der Überweisung von 5000 Euro von seinem VR-Bankkonto auf ein spanisches Konto sicher sei. Er bejahte dies. Vor jenem Anruf hatte es allerdings bereits drei andere Geldtransfers auf jenes spanische Konto gegeben. Sie wurden offenbar nicht von der Bank bemerkt.
Ein Funken Hoffnung
Reinhold M. ärgern die 20.000 Euro, die nun verloren sind. Finanziell kann er das verkraften. Der Betrag sei sein „Spielgeld“ gewesen. Noch hofft er, zumindest 5000 Euro wiederzusehen. „Am Freitag endet die Frist, bis zu der die spanische Bank Zeit hat, zu reagieren“, sagt er. Die Hoffnung ist gering, die Lehre aus dem Erlebten groß.
* Die Angaben sind zum Schutz des Geschädigten verändert.