MUTTERStadt
Grubenhummel erstaunt Experten
Wiesenblumen soweit das Auge reicht. Die Gräser sind mannshoch. Wilde Möhren dominieren das Bild, den Rand der üppig bewachsenen Blühfläche begrenzen Hochstauden. Daneben ein Zucchini-Feld. In der Ferne brummen Lastwagen über den Pfalzmarkt-Kreisel bei Mutterstadt, hier machen ihnen die Insekten Konkurrenz. Welche Wildbienen und anderen Tiere von den sieben Flächen des Artenschutzprojekts in der Vorderpfalz profitieren, wird wissenschaftlich dokumentiert. Über ein Monitoring werden die verschiedenen Arten bestimmt.
Interessante Entdeckung im Mai
Die Experten, die das Modellprojekt „Pfalzmarkt schafft Artenvielfalt“ betreuen, sind sehr zufrieden. Sie halten das Projekt, das noch drei Jahre läuft, für ausbaufähig. Auf den 2019 von der Genossenschaft gepachteten Flächen im Rhein-Pfalz-Kreis leben viele Arten. Die bislang interessanteste Entdeckung hat Ronald Burger vom Kompetenzzentrum Wildbienen auf der Fläche am Kreisel gemacht: Er beobachtete dort eine Grubenhummel, die in der Vorderpfalz lange als verschollen galt.
Seit 1957 nicht mehr gesehen
„Für mich war das ein spektakulärer Fund“, sagt der Wildbienen-Experte. Im Mai entdeckte er die Grubenhummel-Königin auf einer Roten Lichtnelke (Foto) . „Diese Hummelart, die im späten Frühjahr auf Nahrungssuche geht, steht auf der Roten Liste“, sagt er. „In Rheinland-Pfalz ist sie 1957 zuletzt nachgewiesen worden.“
Pfälzer Wissenschaftler aktiv
Die Erzeugergemeinschaft stützt sich bei ihrem Modellversuch bewusst auf Wissenschaftler aus der Pfalz. Ronald Burger vom Büro Ifaun - Faunistik und Funktionale Artenvielfalt (Dirmstein) und Oliver Röller vom Institut Natur Südwest (Haßloch) überlegten sich im Vorfeld genau, welche Wildblumenmischungen am besten für die 3,5 Hektar geeignet waren und welche begleitenden Schutzmaßnahmen für die einheimische Tierwelt sinnvoll erschienen. Burger hat auf den sieben Flächen bereits 114 Wildbienenarten dokumentiert. „Das sind viele“, betont er. „Das heißt, das Nahrungsangebot ist gut.“
Für besseren Landschaftsschutz
Die landwirtschaftlichen Anbauflächen der 140 Pfalzmarkt-Erzeuger umfassen rund 15.000 Hektar. Da sind 3,5 Hektar Blühflächen mit Nisthilfen wie Totholzanlagen vergleichsweise wenig. Doch für die Biologen und die Bauern ist es ein weiterer Schritt hin zu mehr Landschaftsschutz, der allen nützt. „Vom Artenschutz profitieren die Erzeuger, wenn die Bienen zum Beispiel auch das Zucchini-Feld da drüben bestäuben“, meint Pfalzmarktsprecher Björn Wojtaszewski. „Wenn dort der Ertrag steigt, ist das ein positives Signal.“
Leitfaden für Landwirte
Auch Oliver Röller vom Institut Natur Südwest sieht das Modellprojekt als interessanten Einstieg. „Es geht hier um mehr als ein paar Blühstreifen“, sagt er. Der Experte für Wildpflanzen und Moose sieht in der genossenschaftlichen Struktur des Pfalzmarkts einen Vorteil: „Wenn wir gute Resultate erzielen und einen wissenschaftlichen Leitfaden entwickeln, können die Landwirte unsere Empfehlungen etwa auf brachliegenden Feldern umsetzen.“
Empfindlicher Gemüsebau
Die Entscheidung, ökologisch wertvolle Pilotflächen im Rhein-Pfalz-Kreis anzulegen, sei von den Genossenschaftsmitgliedern bewusst getroffen worden, so Röller. „Daher hoffen wir, dass das Projekt noch erweitert wird.“ Es müsse aber vieles zunächst ausprobiert werden, da der Gemüsebau sehr empfindlich sei.
Kreislauf muss funktionieren
Bei dem Artenschutzprojekt gehe es den Bauern darum, ökologisch mehr aus den vorhandenen Feldern zu machen, sagt Pfalzmarktsprecher Wojtaszewski. „Die Landwirte wollen ja auch, dass es der Landschaft gut geht. Nur wenn der natürliche Kreislauf funktioniert, können sie Obst und Gemüse erfolgreich anbauen.“ Wojtaszewski weist auf die relativ kleinteiligen Strukturen in der Vorderpfalz hin und das milde Klima: „Eine gute Ausgangsbasis für die Artenvielfalt.“
Käfer in Bodenfallen untersucht
Rund 35 Pflanzenarten gibt es auf den Projektflächen, die zuvor für den Gemüsebau genutzt wurden. Die mehrjährigen Blühflächen wachsen nach dem Mähen wieder nach. Wissenschaftlich untersucht wird, welche Tiere sich dort aufhalten. Nicht nur Insekten, sondern auch Reptilien und Amphibien. Umweltwissenschaftlerin Annalena Schotthöfer hat zum Beispiel ein Zehntel aller Arten von Tagfaltern dokumentiert. Sie weist darauf hin, dass von Eiern, Raupen und Puppen als Biomasse auch Vögel und Reptilien profitieren. An Käfern wurden über 60 Arten erfasst und bestimmt: „Außerdem haben Feldlerchen, Neuntöter, Rebhühner und andere Vögel hier gebrütet.“
Vielfalt in der Rheinebene
Die Vorderpfalz mit der Rheinebene stehe nicht schlecht da, was die Insektenvielfalt angehe, sagt Burger. Viele Arten seien noch vorhanden und könnten gezielt gefördert werden. „Wildbienen finden beispielsweise auch in den Weinbergen gute Lebensbedingungen vor.“