Corona-Krise
Geöffnete Bäder: Schwimmen zu Mega-Kosten? [mit interaktiver Karte]
55 Frühschwimmer kamen am Donnerstag zum verspäteten Saisonauftakt ins Ludwigshafener Freibad am Willersinnweiher – das war laut Stadtverwaltung Rekord. Die Gäste hatten nicht mehr länger warten wollen. Unter ihnen auch Ulla Schmitt. Die 92-Jährige strahlte an jenem Tag. Einzutauchen sei herrlich gewesen, verriet sie der Journalistin. Von den rund 50 Schwimmbädern in der Pfalz ist erst die Hälfte geöffnet, weitere 13 sollen bis oder zum Ferienbeginn (6. Juli) folgen – wie das Warmfreibad und die Waschmühle in Kaiserslautern.
Nach Rheinpfalz-Informationen sind noch zwölf Bäder zu, darunter schließen vier eine Öffnung noch nicht aus. Manche werden gar nicht erst aufmachen, wie etwa das Eisenberger Waldschwimmbad im Donnersbergkreis. Auch Kaiserslauterns Oberbürgermeister Klaus Weichel (SPD) wollte seine beiden Freibäder lieber geschlossen lassen wegen der hohen Extrakosten für die Corona-Hygieneauflagen. Im Stadtrat wurde er dann jedoch überstimmt. Nicht aufmachen kam für seine Parteikollegin Jutta Steinruck in Ludwigshafen dagegen nicht in Frage. Sie hielt es für eine soziale Pflicht und ließ sich die Begrüßung der ersten Schwimmer nicht nehmen.
Das Salinarium in Bad Dürkheim dürfte Ende Mai das erste Freibad in der Pfalz gewesen sein, das Gäste einließ. Kurz danach folgte Wachenheim (Kreis Bad Dürkheim). Wer am Freitagmittag auf die Bad-Homepage schaute, sah in Dürkheim nur eine rote Ampel. Alles voll wird damit signalisiert. Und das bedeutet abwarten. Auch für Badegäste ist diese Saison ungewohnt. Maske tragen in bestimmten Bereichen, Schwimmen im Kreisverkehr mit Überholverbot, keine Dauerkarten, keine Warmduschen, Karten zumeist online kaufen und registrieren. Spielgeräte und Planschbecken bleiben teils gesperrt. Auch nicht alle Kioske öffnen.
Tücken bei Online-Tickets
Die meisten Bäder arbeiten mit zwei Zeitfenstern – eines am Vormittag, eines am Nachmittag. Dazwischen wird gereinigt. Das Frankenthaler Strandbad, das am Freitag startete, hat sogar vier Zeitkorridore. Manche, etwa Wachenheim, haben sich von einem Schichtbetrieb wieder verabschiedet, nachdem es offenbar schwierig war, die Gäste zum Gehen zu bewegen. Das Kalmitbad in Maikammer hatte von Anfang an die Badezeiten nicht beschränkt.
Von Corona-Fällen durchs Schwimmen ist noch nichts bekannt, andere Tücken tun sich jedoch auf. Für viele ältere Menschen ohne Handy oder Computer ist der Online-Ticketkauf lästig. Für die 92-Jährige in Ludwigshafen etwa hat das ihre Tochter in Duisburg erledigt. In Zweibrücken, wo das Freibad am 1. Juli aufmachen wird, wird deshalb noch einmal darüber nachgedacht, ob es Tickets zusätzlich an der Kasse geben soll. Die Stadtwerke wollen mit der Internet-Variante Warteschlangen am Eingang vermeiden. In Neustadt kennt man das Problem. „Wir haben auch schon Leute am Telefon Schritt für Schritt durch die Online-Buchung navigiert“, hieß es dort.
Die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen hat auch von „Hamsterbuchungen“ erfahren, wie Geschäftsführer Christian Ochsenbauer auf Anfrage sagte. „Und die Käufer kamen dann gar nicht.“ Manche Betreiber seien deswegen dazu übergangen Überbuchungen zuzulassen, ähnlich wie bei Flügen. Und: „Manche Besucher nehmen es mit den Hygienevorschriften nicht mehr so ernst“, meint er. Die Betreiber aber, in den meisten Fällen die Kommunen, haften im Fall einer Infektionskette, die eindeutig vom Bad ausgeht. Davon geht jedenfalls der Verbund kommunaler Unternehmen aus.
Fast eine Million Euro mehr
Das größte Problem sind bislang die Zusatzkosten durch Corona, die auf die Städte und Gemeinden zukommen. Bäder, ohnehin Zuschussbetriebe, könnten den Steuerzahler bundesweit in diesem Jahr nach einer Rechnung der Gesellschaft für Bäder-wesen rund eine halbe Milliarde Euro mehr kosten. Ausgaben für Wegeführung und Desinfektionsmittel sowie für Personalkosten stehen Mindereinnahmen durch die beschränkte Besucherzahl gegenüber. Da ist das voraussichtliche Defizit von 30.000 Euro in Altenglan (Kreis Kusel) für zwei Monate Badbetrieb noch relativ gering im Vergleich zu dem Brocken in Kaiserslautern von 900.000 Euro – hier allerdings für zwei Bäder.
Keine Extra-Finanzspritze
Der Gemeinde- und Städtebund Rheinland-Pfalz geht nach ersten Prognosen von einem Batzen pro Bad und Saison von 120.000 bis 250.000 Euro aus. Gleichzeitig sieht der Städtebund die Bäder als sozial wichtige Einrichtungen. Angesichts für die Kommunen wegbrechender Steuereinnahmen „erwarten wir vom Land, dass es den Kommunen die Gewerbesteuerausfälle erstattet“, sagt Vorstandsmitglied Karl-Heinz Frieden.
Und das Land? Die Regierung erteilt einer Extra-Finanzspritze für kommunale Freibäder eine klare Absage. Das Ministerium des Inneren und für Sport verweist auf den allgemeinen 700-Millionen-Schutzschirm für Kommunen. Die Begehrlichkeiten und Nöte sind nicht nur bei Freibädern groß.