Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel „Ein Desaster“: Saatkrähen fressen ganze Maisfelder kahl

 Landwirt Christian Glahn auf einem seiner Maisfelder in der Nähe von Zweibrücken. Den Mais haben Saatkrähen ausgezupft.
Landwirt Christian Glahn auf einem seiner Maisfelder in der Nähe von Zweibrücken. Den Mais haben Saatkrähen ausgezupft.

Saatkrähen richten in der Landwirtschaft immer größere Schäden an – Geht es den Tieren bald an den Kragen?

Saatkrähen machen Pfälzer Landwirten zunehmend zu schaffen. Nicht nur der Maisanbau leidet unter dem Appetit der streng geschützten Vögel, auch Gemüsefelder und Obstplantagen werden von ihnen verwüstet. Der Bauernverband fordert nun Entschädigungszahlungen durch die Politik – und fürchtet, dass mancherorts der Anbau bestimmter Feldfrüchte bald nicht mehr möglich ist.

Wenn Christian Glahn auf diesem staubigen Acker steht, in den er vor nicht allzu langer Zeit Mais eingesät hat, dann muss der Landwirt vom nahen Heilbachhof schlucken. Denn er blickt auf zwölf Hektar trostlose Ödnis, auf der kaum noch etwas zu sehen ist. Das Feld ist komplett abgeerntet – kahlgefressen von Saatkrähen, die nicht weit entfernt im Stadtgebiet von Zweibrücken nisten, sagt Glahn. Rund 45 Hektar Mais seien gänzlich verloren, der Schaden liege bei 30.000 Euro, mindestens. Wirtschaftlich sei dies ein „Desaster“. Zumal er für seinen Ausfall keine Entschädigung erhalte.

Mais, Gemüse, Obst – nichts ist sicher

Damit steht der Zweibrücker Landwirt nicht allein. Ob Gemüsefelder in der Süd- und Vorderpfalz, auf denen Saatkrähen mit ihren Schnäbeln Folien perforieren, um an die abgedeckten Jungpflanzen zu kommen, ob rheinhessische Obstplantagen oder Getreideäcker im Donnersbergkreis – landauf, landab mehren sich die Klagen von Landwirten. Die Schäden sind mitunter immens. Im vergangenen Jahr verwüsteten beispielsweise Saatkrähen Kohlrabi-Felder im Umland von Speyer, der Besitzer bezifferte seine Kosten auf rund 10.000 Euro.

Saatkrähe unterwegs in Landau.
Saatkrähe unterwegs in Landau.

Eberhard Hartelt, Vorsitzender des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Pfalz Süd, ist daher nicht gut auf die Saatkrähen zu sprechen, und auch nicht auf deren nahe Verwandte, die Rabenkrähen. Beides seien Allesfresser, die jedes Jahr enorme – und zunehmende – Schäden anrichten würden. Noch weniger wohlwollende Worte findet der Göllheimer allerdings für jene, die seiner Meinung nach die Rabenvögel gewähren lassen: die Verantwortlichen in der Politik. Die Landwirte würden mit ihren Verlusten „im Stich gelassen“, sagte Hartelt am Montag in Zweibrücken. Daher müsse ein Umdenken her. Erstens sollten die betroffenen Bauern entschädigt werden. Und zweitens müsse man an die Population der Saatkrähen ran. Denn was man bisher auch unternommen habe, um die Vögel zu vertreiben, sie zu vergrämen, habe nichts genutzt. Sie ließen sich weder durch Vogelscheuchen noch durch Schussapparate oder Vogelattrappen beeindrucken.

Saatkrähen sind clever

Der Zweibrücker Jagdpächter Jürgen Oswald kann das nur bestätigen. Die Tiere seien sehr lernfähig. Die würden sofort merken, was für sie Gefahr bedeute und was nicht. Landwirt Glahn kann von Kundschafter-Flügen berichten. Rund um Zweibrücken seien immer einige der Vögel in der Luft. Werde irgendwo ein Feld bearbeitet, verbreite sich die Nachricht in den Kolonien wie ein Lauffeuer: „Die holen dann ihre Kumpels, und in einer halben Stunde sitzen 500 Saatkrähen auf dem Acker.“ Daher will Glahn, der auf Nachschub für seine Biogasanlage angewiesen ist, nicht erneut Mais einsäen, sondern auf eine andere, wenngleich weniger ergiebige Getreidemischung setzen.

Loch an Loch: Hier hätten eigentlich Maispflanzen sprießen sollen. Aber keine ist übrig geblieben.
Loch an Loch: Hier hätten eigentlich Maispflanzen sprießen sollen. Aber keine ist übrig geblieben.

„Ich habe Respekt vor den Saatkrähen, das sind clevere Vögel“, sagt Glahn, der auch selbst Jäger ist. Um an Futter zu gelangen, seien die Tiere höchst einfallsreich. Beim Mais zögen sie beispielsweise die jungen Triebe aus der Erde, um an die Saatkörner zu kommen. Ein bisschen Schwund müsse man als Landwirt immer einplanen. Doch diese Menge an Saatkrähen auf einem Platz, das sei einfach zu viel. Es sei zu befürchten, dass unter diesen Bedingungen bestimmte Feldfrüchte bald nicht mehr angebaut werden könnten. In Zweibrücken zählte man zu Beginn der 1990er-Jahre zwölf Brutpaare. Glahn spricht nun von 2500 Nistplätzen in der Stadt, was Zweibrücken mit deutlich mehr als 5000 Individuen zum pfälzischen Hotspot der Saatkrähen-Population macht.

Population wächst deutlich

Nach den Daten des Umweltministeriums in Mainz ist landesweit die Anzahl der Brutpaare von schätzungsweise 7000 im Jahr 2017 auf rund 10.600 im vergangenen Jahr gestiegen, wobei sich die meisten Kolonien im Landkreis Alzey-Worms befinden würden – und von wo aus sie auch über dem Donnersberg kreisen. In der Pfalz liege der Schwerpunkt der Vorkommen in den Stadtgebieten von Zweibrücken und Landau sowie im Landkreis Südliche Weinstraße. Aber auch aus Kaiserslautern und Neustadt werden wachsende Populationen gemeldet.

Saatkrähen nisten in großen Kolonien mit Hunderten, gar Tausenden Tieren. In Landau (Foto) wurden dieses Jahr mehr als 900 Neste
Saatkrähen nisten in großen Kolonien mit Hunderten, gar Tausenden Tieren. In Landau (Foto) wurden dieses Jahr mehr als 900 Nester gezählt, in Zweibrücken sogar 2500.

Gleichwohl entspreche die Anzahl der Brutpaare „in etwa dem Niveau vor dem massiven Bestandsrückgang vor 100 Jahren“, so das Umweltministerium. Das betont, dass die Saatkrähe EU-weit besonders streng geschützt sei. „Reduzierende“ Maßnahmen seien verboten, es sei denn „in Einzelfällen“. Und keinesfalls durch die Jagd, denn Saatkrähen unterlägen – im Gegensatz zu den Rabenkrähen – nicht dem Jagdrecht. Das Land zahle keine Entschädigung, da bisher die Voraussetzungen, die das Bundesnaturschutzgesetz vorsehe, „nicht erfüllt waren“, führt das Ministerium etwas wolkig aus. Sprich: Es habe bisher keine „im Einzelfall unzumutbare Belastung“ gegeben.

Für Bauernpräsident Hartelt klingt das angesichts der Misere einiger Kollegen wie Hohn. Er fordert, die weniger streng geschützte Rabenkrähe nicht nur zeitweise, sondern ganzjährig zu bejagen. Und auch den Abschuss „einzelner Saatkrähen“ zu gestatten: „Man muss die Bestände regeln, bevor sie zu einer Plage werden.“

Was Zweibrücker Landwirte sagen ...

oder die Bürger in Landau ...

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