Im nachhinein
Die Statistiker rechnen mit mehr Weinmost als die Erzeuger
Das Statistische Landesamt in Bad Ems funktioniert wie ein Uhrwerk. Oder zumindest so ähnlich. In jedem Fall nimmt es im Jahr drei Veröffentlichen zur Weinernte vor. Darauf ist Verlass. Die erste ist eine Schätzung und befasst sich mit der zu erwartenden Erntemenge an Weinmost. Mit ihr ist im August/September zu rechnen. Dieses Jahr hat es viel geregnet, die Lese hat später begonnen und so hat es auch mit der Ernte-Hochrechnung etwas länger gedauert als üblich. „Da hängen die Trauben dann noch am längsten“, sagt Jörg Breitenfeld, der unter anderem für die Landwirtschaft zuständige Abteilungsleiter des Landesamts. Eigentlich tummeln sich da fast alle roten und weißen Beeren noch an ihren Rebstöcken.
So gibt es von 200 Ernteberichterstatterinnen und Ernteberichterstattern im Land lediglich eine Ersteinschätzung. Und wie die Statistiker so schön anmerken: Dabei wird davon ausgegangen, dass der weitere Witterungsverlauf keine Extreme aufweist. Und so war in der RHEINPFALZ zu lesen, dass in diesem Jahr eine überdurchschnittliche Weinernte erwartet wird.
Daran lässt sich im Nachhinein nichts mehr ändern. Das muss ja auch gar nicht sein, denn dass Papier alle Geduld der Welt mit Zahlen und Worten mitbringt, ist bekannt. Das beste Beispiel dafür halten Sie ja gerade in den Händen.
Durch den Regen gab es Probleme mit Fäulnis
Für viele Menschen ist es eine Randnotiz, nicht aber für die Weinwelt. Denn viel Wein bedeutet, dass die Abnehmer lieber weniger dafür bezahlen. Und deshalb hat die Erstschätzung bei so manchem Winzer für Verdruss gesorgt. „Die Kosten steigen, aber seit zehn Jahren haben wir die gleichen Preise“, sagt Reinhold Hörner, der Präsident des Weinbauverbands Pfalz. Der Südpfälzer weiß von vielen Kollegen, die Ende dieser zweiten Woche nach dem Lese-Start enttäuscht sind. Durch den vielen Regen habe es große Probleme mit der Fäulnis und Esca, einer Rebholzerkrankung, sowie punktuelle Hagelschäden gegeben.
Auch Reiner Bossert aus Neustadt-Duttweiler, der dort Vorsitzender der Ortsgruppe ist, bestätigt das. Er hat einige Kollegen, die nur etwa mit der Hälfte der sonst üblichen Erntemenge rechnen. „Die Unterschiede sind riesengroß“, unterstreicht er. Müller-Thurgau, Dornfelder und Grauburgunder hat er schon gelesen. Er selbst kann nicht klagen, lediglich die Zuckerwerte „lassen zu wünschen übrig“.
Alles ist veränderlich – wie in der Carmina Burana
Erste tatsächliche Eindrücke scheinen also die von den Statistikern ermittelten Zahlen zu widerlegen. Das Phänomen hat einen Namen. Es wird „Neidischer Herbst“ genannt, wenn die einen ganz gut und andere eben sehr schlecht bei der Ernte abschneiden. Wer von einem Hagelschaden erwischt wird, ruft dann schon auch mal in Bad Ems beim Landesamt an.
„Wir haben eben den Durchschnittswert“, sagt Jörg Breitenfeld, der sich davon abgesehen ganz sicher ist, dass die in der Branche tätigen Leute schon Bescheid wissen. Statistisch nicht erfasst ist, wie oft sie in diesem Sommer nass geworden sind, die kleinen, grünen Perlen. Zu oft, würden wohl die meisten Winzer nun sagen. Nicht umsonst heißt eines der Lieder in Carl Orffs Carmina Burana „O Fortuna“, das so beginnt: O Fortuna velut Luna statu variabilis, auf Deutsch: Schicksal, wie der Mond dort oben, so veränderlich bist du.
In jedem Fall klingt eine Einschätzung von Jörg Breitenfeld sehr erfreulich: Beim Wein sei über die Jahre und Jahrzehnte eine Entwicklung weg von der Menge hin zu mehr Qualität festzustellen. Wenn das mal keine gute Nachricht ist.