Kalender Die Pfalz zu Bayern? Nie mehr!

München in den 1950ern: Die Menschen hungern, aber am Karlsplatz, dem „Stachus“, rollt schon der Verkehr.
München in den 1950ern: Die Menschen hungern, aber am Karlsplatz, dem »Stachus«, rollt schon der Verkehr.
Plakatwerbung des „Bundes Bayern und Pfalz“.
Plakatwerbung des »Bundes Bayern und Pfalz«.
09042020_267tage

Kalender: Vom 9. bis 22. April 1956 entschied sich ein für alle Mal die Frage, ob eine Rückkehr der Pfalz nach Bayern noch verwirklicht werden könnte. Eine Tochter erinnert sich, wie ihr Vater diese entscheidenden Tage des Volksbegehrens erlebte.

Er sieht ausgehungert aus, der junge Mann auf dem alten Foto, blass, hager und mit weit vorstehendem Adamsapfel. Der Anzug scheint viel zu groß, was einigermaßen verwundert, schließlich war sein Träger vom Fach: Textileinzelhandel. Das Bild stammt aus der Mitte der 1950er-Jahre. Aufgenommen in München, wo zu dieser Zeit noch mehr dürre Gestalten die Straßen bevölkerten und in den Hörsälen der Universitäten saßen. „Und dann haben sie uns richtig gefüttert“, erinnert sich der Vater später, „damit wir für die Rückkehr der Pfalz zu Bayern stimmen“.

Eine Länderneugliederung, die durch den Magen ging – besser gesagt: hätte gehen können. Eingeleitet werden sollte sie mit Volksbegehren, die am 9. April 1956 begannen und bis 22. April dauerten, nicht nur im neuen, durch französischen Willen geschaffenen Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Die Unterschrift des Militärgouverneurs Pierre Koenig hatte am 30. August 1946 die endgültige Herauslösung der Pfalz aus dem bayerischen Staatsverband besiegelt. Überall im Nachkriegsdeutschland gab es mit der Neuordnung Unzufriedene: ob in Oldenburg oder Schaumburg-Lippe oder eben im seit 1947 von Ministerpräsident Peter Altmeier regierten Rheinland-Pfalz, dem „Land aus der Retorte“, das im Norden, in seinen Regierungsbezirken Trier, Koblenz, Montabaur, ja sogar in Rheinhessen noch wesentlich unbeliebter war als in der Pfalz.

Die Möglichkeit, die das Grundgesetz vorsieht

Während also die Aufbauarbeit voranschritt, ebbte die Diskussion um eine Länderneugliederung nicht ab. Rechtlich möglich war sie durch den eigens dafür geschaffenen Artikel 29 des Grundgesetzes. Dort ist in Absatz zwei festgelegt, dass in jenen Gebieten, die nach dem 8. Mai 1945 ihre territoriale Zugehörigkeit geändert hatten, ein Volksbegehren durchzuführen sei. Wenn dann mindestens zehn Prozent der Bevölkerung für eine Neugliederung stimmten, sollte eine Volksabstimmung folgen.

Volksbegehren vor Volksabstimmung also. Allerdings fand dieser Artikel zunächst keine Zustimmung der Alliierten. Und besonders das Land Rheinland-Pfalz setzte alle Hebel in Bewegung, um nicht wenige Jahre nach seiner Gründung schon wieder aufgelöst zu werden.

Rheinland-Pfalz und die Volksbegehren

Die Hürden blieben also hoch, und doch wurde am 7. Dezember 1955 vom Deutschen Bundestag ein Gesetz über Volksbegehren verabschiedet: Von 15 bundesweit gestellten Anträgen für ein Volksbegehren ließ das Bundesinnenministerium 1956 dann lediglich acht zu.

Der Wahlkampf beginnt

Bemerkenswert: Fünf davon betrafen Rheinland-Pfalz. Im Süden des von seinen Bürgern offenkundig wenig geliebten Bundeslandes gab es allerdings nicht nur Bayern-Anhänger. Mindestens genauso groß war die Anzahl derer, die von der Wiedergeburt der mit dem Wiener Kongress von 1815 untergegangenen alten Kurpfalz träumten – wenn es denn sein musste, auch als Teil des ebenfalls neuen Landes Baden-Württemberg. Und in Rheinhessen strebte man nach einer Vereinigung mit dem rechtsrheinischen Hessen.

In allen Gebieten setzte nun der Wahlkampf ein. In der Pfalz wie in Bayern, wo es bereits seit 1949 den „Landesverband der Pfälzer im rechtsrheinischen Bayern“ gab, gefolgt vom 1950 im Bayerischen Landtag gegründeten „Bund der Pfalzfreunde“. Und der ebenfalls seit 1949 im ehemals bayerischen Regierungsbezirk Pfalz bestehende „Bund Bayern und Pfalz“ gehörte dann zu den Antragstellern für das Volksbegehren beim Bundesinnenministerium.

Was die Studenten denken

In den bayerischen Behörden und Ministerien eigens berufene „Pfalzreferenten“ bereisten den „verlorenen“ Bezirk, oft genug in Begleitung des wittelsbachischen Kronprinzen Rupprecht und zum großen Missfallen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten. Ob es nun die immer wieder beschworene Jahrhunderte lange Verbundenheit mit eben jenen Wittelsbachern (die seit immerhin 1918 nicht mehr regierten) war, oder ob es sich nicht vielmehr um handfeste wirtschaftliche Interessen handelte (Bayerns Haupt-Industrien lagen bereits zu königlichen Zeiten am Rhein): Die Pfälzer Studenten hatten damals, endlich ordentlich satt gegessen, andere Sorgen – den Abschluss des Studiums, die Rückkehr in den elterlichen Betrieb, die Verlobte in der Heimatstadt …

Wie die Abstimmung ausging

Und auch die zu Hause gebliebenen Pfälzer links des Rheins hat die ganze Sache recht gleichgültig gelassen: Beide am 9. April 1956 gestarteten Volksbegehren, sowohl das der „Bayern“ als auch das der „Kurpfälzer“, scheiterten am notwendigen Quorum von zehn Prozent. Und bei den wenigen, die doch abstimmten, landeten die Bayern-Befürworter mit 7,6 Prozent noch hinter den Kurpfalz-Freunden mit 9,3 Prozent.

Jubiläumskalender

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.