Interview
„Der traditionelle Büttenredner wird aussterben“
Herr Betzer, wovon handelt ihre Büttenrede in diesem Jahr?
Sie handelt von der „Frau Härtschd“, die in die Wechseljahre gekommen ist und über die Probleme erzählt, die eine Frau in den Wechseljahren hat.
Haben Sie selbst schon Kritik bekommen, Ihre Auftritte als „De Härtschd“ und seine Familienmitglieder seien nicht angemessen?
Ja, immer mal wieder. Die Geschmäcker sind ja verschieden. Dem einen ist es zu hart, dem anderen passt die Ausdrucksweise nicht. Aber im Großen und Ganzen wird es sehr positiv aufgenommen.
Was ist es, das den Leuten zu hart ist?
Die besten Witze gibt’s über anzügliche Themen. Ich versuche immer, das zu verniedlichen und zu verpacken, aber trotzdem geht’s manchen Leuten zu weit. Aber das sind meistens auch die, die eigentlich mit Fasnacht überhaupt nichts zu tun haben. Das Publikum hat sich auch ein bisschen gewandelt, muss ich sagen. Es ist viel sensibilisierter. Das ist nicht einfach als Vortragender.
Achtet man als Fasnachter heutzutage mehr darauf, dass der Auftritt politisch korrekt ist?
Das versuche ich bewusst nicht zu machen. Ich will niemanden verletzen, aber ich sage: Fasnacht soll auch den Spiegel vorhalten. Das ist die grundlegendste Aufgabe von uns Fasnachtern.
Wo liegen dabei Ihre persönlichen Grenzen? Gibt es etwas, über das Sie auf keinen Fall Witze machen würden?
Auf gar keinen Fall über Behinderte oder Benachteiligte. Das geht überhaupt nicht. Niemals verletzend, auch nicht bei Politikern. Jeder Mensch hat eine gewisse Schutzzone; die versuche ich immer beizubehalten.
Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder die Diskussion um kulturelle Aneignung – ob man sich beispielsweise noch als Indianer oder andere ethnische Gruppen verkleiden darf. Wie sehen Sie das?
Wenn ich mich als Indianer verkleide, bedeutet das nicht, dass ich irgendwas gegen diese Gruppe habe. Ich sehe das als absoluten Unsinn. Die Verkleidungen hat es schon immer gegeben und ich glaube nicht, dass sie verletzend sind. Und wenn ich dieses Jahr die Rede über die Wechseljahre halte, heißt das ja nicht, dass ich mich über die Frauen lustig mache, sondern ich will, dass sich die Frauen in der Situation wiederfinden. Ich denke, wir haben andere Probleme in unserem Land.
Was hat sich in der Fasnacht ganz allgemein geändert, seit Sie angefangen haben?
Das Problem ist, dass die Leute übersättigt sind mit Comedy. Das läuft ja im Fernsehen praktisch 24 Stunden am Tag. Die Sozialen Medien sind auch eine riesengroße Schwierigkeit für uns – wenn ich einen Auftritt habe, wird gefilmt. Die Witze werden dann so schnell geteilt, so schnell kann man sie gar nicht schreiben. Seit Corona hat sich auch das Publikum geändert. Früher ist man weggegangen, um Spaß zu haben. Jetzt gehen die Leute erstmal mit angezogener Handbremse in die Sitzung und man muss kämpfen, bis man sie hat. Wenn man sie dann hat, lassen sie sich auch drauf ein, aber der Weg dahin ist meines Erachtens schwieriger geworden.
Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Die Leute haben zu viele Probleme. Sie haben Zukunftsängste, es ist alles teurer, ob das die Getränke sind, ob das der Eintrittspreis ist. Sie müssen sich darauf einlassen, für ein paar Stunden abzuschalten, und das ist im Moment sehr schwierig.
Braucht es die Fasnacht dann erst recht?
Ja. Ich sehe uns als Spiegelbild der Gesellschaft und halte es für notwendig, dass wir dem ein oder anderen Politiker auch aufzeigen, dass jetzt ein Punkt erreicht ist, wo auch sie darüber nachdenken müssen, einen anderen Weg einzuschlagen.
Ist die Fasnacht heute mehr oder weniger politisch als früher?
Weniger, finde ich. Es gibt natürlich die Hochburgen wie Mainz, da ist es mir persönlich einen Tick zu viel, weil eigentlich alle Reden politisch sind und es immer um die gleichen Themen geht. Aber im Allgemeinen kommt das Politische kürzer. Vielleicht ist das aber auch gewollt, weil sich viele sagen: Die Leute haben so viele Probleme, da wollen sie an der Fasnacht nicht noch mehr darüber hören. Es besteht bei einem politischen Statement zur Zeit extrem die Gefahr, voreilig in eine bestimmte Gruppe, rechts oder links geschoben zu werden. Als Redner fühlt man sich dadurch gehemmt, gewisse Dinge anzusprechen.
Sehen Sie da auch einen Generationenunterschied? Für viele jüngere Leute geht es an Fasnacht offenbar viel eher darum, verkleidet feiern zu gehen.
Ich bin absolut Ihrer Meinung. Es geht mehr in die Party-Schiene. Einige interessiert das Programm gar nicht, die wollen einfach nur feiern. Diesen Wandel wird es mit Sicherheit geben. Es wird vielleicht noch Party-Sitzungen geben, die sind auch schon im Kommen. Aber der traditionelle Büttenredner in Reinform wird auf lange Sicht aussterben.
Wie sehen Sie die Zukunft der Fasnachtssitzungen?
Sehr schwierig, aufgrund der Energiepreise, des Brandschutzes, dass der Vorstand für alles haften muss. Dann gibt es unheimlich viele Nachwuchsprobleme, hauptsächlich bei den Rednern. Das bedeutet, man müsste zusätzlich noch das Programm einkaufen. Ich bin ja selbst Vorsitzender eines Fasnachtsvereins und denke, dass sich viele Vereine eine Prunksitzung eigentlich nicht mehr leisten können. Oder die Eintrittskarten werden zu teuer. Und die Helfer werden auch immer weniger.
Was braucht es, damit sich mehr Menschen ehrenamtlich in Vereinen engagieren?
Ich denke, dass es nicht entsprechend gewürdigt oder gefördert wird. Es müsste einen Ansporn geben, damit man ein Ehrenamt im Verein, nicht nur in der Fasnacht, übernimmt. Zum Beispiel müsste es, wenn jemand ein Ehrenamt macht, ein Punktesystem geben, mit dem man vielleicht früher in Rente gehen kann. Sonst wird das auf lange Sicht immer schwieriger. Die Verantwortung, die ein Vorstand oder ein Kassenwart leisten soll, muss irgendwie anders geregelt und honoriert werden.
Zur Person
Oliver Betzer (54) lebt in Fischbach bei Dahn (Kreis Südwestpfalz) und steht seit 1986 bei Fasnachtssitzungen auf der Bühne. Als „De Härtschd vom Dahner Tal“ tritt er bei Veranstaltungen in der ganzen Pfalz auf, unter anderem auch bei der Fernsehsitzung der Badisch-Pfälzischen Fasnacht in Frankenthal. Außerdem ist Betzer Vorsitzender des Fasnachts-Club Felsenland in Fischbach. Hauptberuflich unterrichtet der gelernte Metallbaumeister an einer Berufsbildenden Schule in Zweibrücken.