Edenkoben
Arbeiten, wo andere Urlaub machen
Catjana Bechtle hat ihre Ziele genau vor Augen. Auf einem Visionboard. So nennt sie die Korkwand in ihrer Wohnung, an der Bilder und Texte hängen, die sie inspirieren: thematisch sortiert nach beruflichen und privaten Ideen. Jedes Jahr arrangiert die Social-Media-Managerin die Tafel neu. Ganz oben hängt ein Projekt „Online arbeiten in Italien“.
Als die Edenkobenerin am Silvestertag 2021 mit ihrem Freund einkaufen geht für die nächtliche Feier, springt ihr in einem Geschäft ein Magazin in Knallgelb ins Auge: die Sonderausgabe „Arbeiten“ der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie kauft es und fängt noch auf der Rückfahrt an zu lesen: „In Italien arbeiten, wo andere Urlaub machen“ – ihre neue Vision steht fest.
Mit Laptop ins schönste Dorf
„Ich wollte schon immer mal wissen, wie es ist, länger in Italien zu leben. Ob es so schön ist, wie das Klischee vom dolce far niente es verspricht.“ Der Vorstellung der Deutschen vom angeblichen „süßen Nichtstun“ jenseits der Alpen. Die 30-Jährige kennt Italien von Urlauben, aber nicht, wie es sich dort als Nicht-Touristin anfühlt. Wenige Wochen später realisiert sie ihren Traum. Als Selbstständige arbeitet sie ohnehin viel im Homeoffice. Ihre Kunden, bis dahin hauptsächlich Winzer und Landwirte aus der Südpfalz, deren Werbung für Facebook und Instagram sie gestaltet, kann sie auch online oder telefonisch erreichen. Es folgt eine Zeit, die sie nicht missen möchte: Im April und Mai arbeitete sie in der Toskana.
In Italien setzen etliche Orte der Abwanderung bewusst Förderprogramme entgegen. Sie wollen vor allem Menschen anlocken, die von zu Hause arbeiten können. Die Gemeinden sorgen für ein stabiles, schnelles Internet – und werben mit Mietzuschüssen oder anderen finanziellen Anreizen, helfen bei der Wohnungsvermittlung.
Catjana Bechtle entscheidet sich für Santa Fiora, ein schmuckes 2500-Seelen-Dorf zwischen Florenz und Rom. Noch vor etlichen Jahren hatte das Dorf das Dreifache an Einwohnern. Anfangs sollten vor allem Italiener angesprochen werden, mittlerweile sind auch Ausländer willkommen. Die wenigsten Interessierten bleiben tatsächlich dort wohnen. Aber Santa Fiora zählt heute offiziell zu den schönsten Dörfern Italiens – und hat eine funktionierende Infrastruktur: mit Restaurants, Supermarkt, Bäckerei, Metzgerei, Kindergärten, Schule. „Der Mindestaufenthalt als Teilnehmer von Smart Working in Santa Fiora ist nur zwei Monate. Das hat für mich am besten gepasst“, sagt die 30-Jährige.
Fast wäre sie wieder nach Hause gefahren
Alessandro, ihr Vermieter in Santa Fiora, ist jung und nett. „Er und seine Freundin haben mich oft eingeladen. Ich fühlte mich gut integriert. Das war toll.“ Sie strahlt. Sprachbarrieren gab es keine, sie kann nur wenig Italienisch, aber gut Englisch. Bei ihrer Ankunft in der Toskana im April lässt sich die Frühlingssonne erst einmal nicht blicken. „Es war saukalt, am Tag vor meiner Ankunft hatte es genau wie in der Pfalz noch geschneit.“ Das Bilderbuchstädtchen und auch ihre Wohnung sind anfangs kalt und grau. „In der Zeit bin ich oft mit dem Auto ans Meer geflüchtet.“ Eine Stunde ist es entfernt. „Wäre es so weiter gegangen, wäre ich bald wieder nach Hause.“
Doch das Wetter wurde besser und sie blieb. Lernte, wie sie sagt, dass die Italiener nicht weniger arbeiteten, sondern entspannter. „Der Alltag dort fühlte sich leichter an – eine Stunde Mittagspause gehört einfach dazu. Auch viel Geselligkeit.“ Sie fing oft früh an zu arbeiten, genehmigte sich lange Pausen, ging Fotografieren. Früher ein Hobby, heute ist es Teil ihres Jobs. „Trotzdem habe ich mindestens so viel geschafft wie zu Hause.“ Catjana Bechtle will im Leben so viel experimentieren wie möglich. „Ich wäge Risiken immer sehr gut ab, aber im richtigen Moment bin ich dann spontan.“ Nach dem Abitur in Pforzheim machte sie zunächst eine Ausbildung als Automobilkauffrau bei Mercedes, studierte dann Automobilhandel an der Dualen Hochschule in Mannheim.
Die Italienreise und die Folgen
„Nach dem Abschluss aber wusste ich, ich nehme das Jobangebot nicht an, ich wollte mein eigener Chef sein.“ 2019 macht sie sich selbstständig als Beraterin für Werbung in den sozialen Medien. Mit ihrem Freund zieht sie in die Pfalz, da er Weinbau studiert.
Mitgebracht aus Italien hat sie sich nicht nur ein Zitronen-Tattoo auf dem linken Unterarm, sondern auch neue Kunden, Italien- und Weinliebhaber. Und neue Ideen für ihr Visionboard. 2023 eröffnet sie im Landauer Quartier „Ufersche Höfe“ ein Co-Working-Space: also Räume, in denen „20 bis 30 Menschen zusammen arbeiten können“, sagt sie. Den Vertrag für ihr Projekt „Ruderclub“ hat sie schon unterzeichnet. Jetzt fehlen noch die Mitglieder für den Arbeitsplatz. Gesucht sind „kreative Köpfe aller Art, egal, ob Freiberufler, Start-Ups oder Studenten“.
Kontakt
Infos für „Smart Work“ in der Toscana unter https://santafioraturismo.it