Panorama Wenn das Studium nur noch anödet...
Permanenter Leistungsdruck und die Angst, den hohen Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden, machen viele Menschen dauerhaft krank – häufig ist in diesem Zusammenhang die Rede vom Burnout-Syndrom. Aber nicht alleine berufstätige Menschen leiden unter den Folgen der größer werdenden Alltagsbelastung, auch immer mehr Studenten kommen mit den steigenden Anforderungen der Hochschulen nicht mehr klar. Diplom-Psychologin und Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle des Studierendenwerks Vorderpfalz Dr. Gabriele Bensberg in Landau klärt im Gespräch mit der RHEINPFALZ, wie es zum Burnout im Studium kommt und wie man dem vorbeugen kann.
Gabriele Bensberg: Burnout kann man übersetzen mit „ausgebrannt sein“ und bedeutet den Endpunkt eines langen Prozesses zu erreichen, der in verschiedenen Phasen verläuft. Die erste Phase besteht meistens aus viel Engagement und Idealismus für eine bestimmte Sache, wie beispielsweise das Studium. In der zweiten Phase erleben Betroffene oftmals diverse Enttäuschungen, zum Beispiel, dass die Noten nicht so gut sind wie erwartet. Die Leute, die vermehrt Burnout bekommen, versuchen diesen Enttäuschungen entgegenzusteuern, indem sie immer mehr auf Freizeit verzichten, um mehr leisten zu können. Trotzdem werden sie immer wieder enttäuscht. Diese beiden Phasen können über einen längeren Zeitraum anhalten, bis sich ein Gefühl von Hilflosigkeit und Erschöpfung einstellt. Am Ende erfolgt die für Burnout typische Entfremdung von Arbeit oder Studium, das heißt. die Betroffenen sehen keinen Sinn mehr in dem, was sie tun. Woran erkennt man ein Burnout und worin unterscheidet es sich von einer normalen Erschöpfungserscheinung? Gabriele Bensberg: Burnout erkennt man zum einen an der Zeitdauer. Es ist das Ergebnis eines langen Prozesses und nicht zu vergleichen mit Symptomen, die man in einer normalen Prüfungsphase bekommt. Zum anderen ist jemand, der sehr gestresst ist, nicht unbedingt lustlos, apathisch und hinterfragt auch nicht den Sinn des Ganzen, wie es ein Burnout-Betroffener tun würde. Man kann also durchaus gestresst und dennoch gut drauf sein, weil man sich bewusst ist, dass das, was man tut, ein Schritt näher zum persönlich gesetzten Ziel ist. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass man sich von kurzzeitigen Erschöpfungssymptomen sehr schnell erholt. Meistens genügen zwei bis drei ruhige Tage nach der letzten Prüfung. Betrifft Burnout letztlich nur den beruflichen Teil des Lebens, in dem Stress überwiegend vorherrscht? Gabriele Bensberg: Nein, Burnout geht auch mit einem Rückzugsverhalten einher. Private Kontakte werden häufig vernachlässigt, man hat kein Interesse mehr an Familie und Freunden und möchte am liebsten nicht mehr das Haus verlassen. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Burnout und der Umstellung auf das Bachelor-Master-System der Universitäten. Gabriele Bensberg: Ja, wissenschaftliche Studien zeigen, dass sich Studierende selbst eindeutig gestresster und Burnout gefährdeter beschrieben haben als frühere Generationen. Auch Mitarbeiter von Psychologischen Beratungsstellen gaben an, ihre Klienten deutlich gestresster und Burnout gefährdeter wahrzunehmen. Den Anstieg lässt sich mit dem sogenannten psychologischen Control-Demand-Modell erklären: Dieses besagt, dass Burnout-Gefährdungen deutlich ansteigen, wenn zum einen hohe Anforderungen, wie sie durch die erhöhte Prüfungsdichte seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System vorliegen, damit zusammenfallen, dass die Betroffenen die Umstände nur wenig kontrollieren können. Typisch für das Bachelor-Master-System ist ja, dass genau vorgeschrieben wird, wer was in welchem Semester zu tun hat. Durch diese eingeführte Modularisierung im Studium ist es den Studierenden kaum noch möglich, eine Prüfung zu verschieben, ohne gleich in extremen Zeitverzug zu kommen. Durch die Umstellung und das Zusammentreffen dieser beiden Aspekte macht es also Sinn, dass wir mehr erschöpfte Studierende haben. Wie sieht das Angebot der Psychologischen Beratungsstelle bei Ihnen aus? Gabriele Bensberg: Zunächst schauen wir, ob es sich um ein vorübergehenden Stresszustand mit depressiven Symptomen, Erschöpfungssymptome oder ein echtes Burnout handelt. Wenn ein echtes Burnout vorliegt, verweisen wir zusätzlich an eine ambulante Praxis. Wir bieten Hilfestellung bei Zeitmanagement und –optimierung und vermitteln Lernstrategien. Ein weiterer Pfeiler besteht daraus, dass wir die individuellen Wertvorstellungen und Überzeugungen hinterfragen. Schließlich müssen diese Ansprüche irgendwoher kommen, mit denen wird ja niemand geboren. Wenn sie selbstschädigend und dysfunktional sind, versuchen wir diese gemeinsam zu ändern. In der nächsten Phase widmen wir uns der Vermittlung von Entspannungsübungen und Steigerung der Lebensqualität zu, indem man schaut, wo im Alltag noch ein wenig Platz für Freizeit ist. Was empfehlen Sie, um sich vor Burnout im Studium zu schützen? Gabriele Bensberg: Ich gebe immer den Rat, sich für jeden Tag ein Alltagshighlight zu überlegen und sich auch jedes Wochenende oder zumindest an einem Tag in der Woche etwas Schönes vorzunehmen. Außerdem sollte man seine Beziehungen nicht vernachlässigen. Der Austausch mit Freunden und Familie ist sehr wichtig. Abgesehen davon sollte man sich klare Ziele setzen und sich vor Augen halten, warum man beispielsweise gerade dieses Fach studiert und was man damit beruflich erreichen möchte. Jemand, der klare Ziele hat, bekommt kaum jemals ein Burnout. Er erlebt stattdessen positiven Stress. Burnout hängt auch damit zusammen, dass Wunsch und Realität unerreichbar weit auseinander klaffen. Und natürlich sollte man auf seine innere Stimme hören. Wenn mich mein Studium nur noch anödet, dann ist es vielleicht nicht das richtige Fach oder nicht die richtige Hochschule für mich und ich sollte meine Entscheidungen hinterfragen. Vielleicht fühlt man sich an einer anderen Hochschule einfach wohler. Interview: Lisa Demmerle