Tiere
Warum zwei junge Belgier 5440 Ameisenköniginnen im Gepäck hatten
Manchmal ist es die Größe, die über den Grad der Empörung entscheidet. Wenn majestätisch anmutende Elefanten oder Nashörner gewildert werden, bewegt das Menschen in aller Welt. Sogar das Schicksal von Eseln erzeugt bisweilen öffentlichen Druck. In Ostafrika wurden sie so oft für die Produktion von in Asien populären Wundermitteln aus Eselshaut geklaut, dass sie in strukturschwachen afrikanischen Gegenden als dringend benötigte Lasten- und Zugtiere knapp wurden. Inzwischen gehen die dortigen Regierungen entschiedener vor und verbieten den lukrativen Handel vielerorts.
Was aber, wenn sich der Raubzug an der Natur in kleinen Glasröhren vollzieht? Wenn das Opfer kaum größer ist als ein Streichholzkopf – und doch das ganze Gewicht eines Ökosystems trägt? Die Rede ist von afrikanischen Ernteameisen aus Kenia, und zwar den größten ihrer Art: den „Messor cephalotes“. Ihre Königinnen werden stolze zwei Zentimeter lang. Sammler fasziniert, dass die Miniatur-Bauern anders als viele Ameisen nicht aktiv auf Beutezug gehen, sondern Samen und Getreidekörner einlagern. Und sie sind bereit, dafür Hunderte Euro zu zahlen.
„Es ist wie mit Kokain“
Wo ein lukrativer Markt, da finden sich auch Verkäufer. Am Dienstag wurden vier Ameisen-Wilderer nun in Kenias Hauptstadt Nairobi verurteilt (wir berichteten). Zwei belgische Teenager, ein Vietnamese und ein örtlicher Mittelsmann hatten den Schmuggel von 5440 lebenden Königinnen der Ameisenart zugegeben. Versteckt waren sie in über 2200 mit Watte präparierten Teströhrchen. Die Männer waren am Flughafen aufgeflogen, sie wollten die Insekten offenbar nach Südkorea schleusen.
In Kenia betrug der Gesamtmarktwert der Tiere einige tausend Euro, in Industrienationen dagegen wird er auf knapp eine Million Euro geschätzt – wobei davon auszugehen ist, dass nur ein kleiner Prozentsatz die Reise überlebt. „Es ist wie mit Kokain“, sagte Dino Martins, Direktor des kenianischen Turkana Basin Institute der Nachrichtenagentur Reuters. „Der Preis für Kokain in Kolumbien und der Preis für ein Kilogramm auf dem europäischen Markt – dazwischen liegt eine enorme Wertsteigerung. Genau deshalb machen die Leute das.“
Aktuell sind die Ernteameisen nicht vom Aussterben bedroht. Doch die kenianischen Behörden nutzten den Fall, um die gestiegene Relevanz derartiger Biopiraterie zu verdeutlichen. Die zuständige Richterin sprach von einem Fall, der in seiner Konsequenz „genozidale Ausmaße“ annehme. Eine einzige überlebende Königin könnte schließlich Tausende Arbeiter, Soldaten und Nachfolgerinnen hervorbringen. Der Verlust solcher Schlüsselfiguren aus der Wildbahn sei ökologisch verheerend.
Auch das kenianische Wildtieramt (KWS) nannte den Fall einen Wendepunkt. Es gehe nicht mehr nur um große, ikonische Tiere. Der Biopiraterie würden zunehmend weniger bekannte, aber ökologisch zentrale Arten zum Opfer fallen. Die Ernteameise sei essenziell für die Bodenfruchtbarkeit und das ökologische Gleichgewicht in Ostafrika. „Das heutige Urteil sendet eine unmissverständliche Botschaft: Kenia wird den Raubbau an seiner Biodiversität nicht dulden. Ob Ameise oder Elefant – wir werden Schmuggler kompromisslos verfolgen“, sagte Erustus Kanga, der KWS-Generaldirektor.
Von wegen Urlaubsandenken
Der Fall reiht sich ein in eine Serie skurriler Schmuggelfälle aus den vergangenen beiden Jahren. In Peru wurde ein Mann mit 320 Vogelspinnen festgenommen, sie waren in Beuteln am Körper verstaut. In Sydney wurden 257 Schlangen beschlagnahmt, die für den Verkauf in Hongkong bestimmt waren. Und in den USA wurde ein Mann an der Grenze zu Mexiko festgenommen, als er versuchte, zwölf geschützte Orangefrontsittiche in seinen Stiefeln zu schmuggeln. Die Mini-Papageien waren in Nylonstrümpfen an seinen Füßen befestigt; einige waren bereits tot.
Die Ausrede der in Kenia Verurteilten, es habe sich um so etwas wie Urlaubsandenken gehandelt, funktioniert nicht nur in der Tierwelt immer seltener. Auch der illegale Abbau von Sand, nach Wasser der meistgehandelte Rohstoff der Welt, hat inzwischen derartig drastische Folgen wie etwa Küstenerosion, dass schon die Mitnahme kleiner Mengen in Ländern wie Italien, Griechenland, Senegal oder Großbritannien verboten ist.
So wurde vor einigen Jahren in Sardinien ein französisches Paar verhaftet, als sie mit 40 Kilo Sand im Kofferraum auf eine Fähre fahren wollten. Laut italienischem Gesetz drohen dafür bis zu sechs Jahre Haft. Die beiden kamen aber mit einer Geldstrafe davon.