Italien RHEINPFALZ Plus Artikel Venedigs Taschendiebe schlagen zurück

Ein Schild warnt Touristen in Venedig vor Taschendieben.
Ein Schild warnt Touristen in Venedig vor Taschendieben.

Eine Bürgerinitiative will Langfingern das Leben schwer machen. Die wehren sich nun wiederum mit Anzeigen – wegen Stalking.

Das Problem ist vermutlich so alt wie Venedig selbst: In der Lagunenstadt wimmelt es nur so von Taschendieben. Die haben es auf die Brieftaschen der 30 Millionen Touristen abgesehen, die in der Stadt jedes Jahr einfallen. Ein – aus der Sicht der Übeltäter – schützendes Gedränge ist beinahe zu jeder Tageszeit garantiert.

Weil die Ordnungshüter dem Treiben mehr oder weniger tatenlos zusehen, hat sich in Venedig schon vor geraumer Zeit eine Bürgerinitiative – man könnte auch sagen: eine Bürgerwehr – gebildet, die den Taschendieben das Leben schwer macht. Die Gruppe, angeführt von der resoluten Lokalpolitikerin Monica Poli, genannt „Lady Pickpocket“, nennt sich „Cittadini non distratti“, was wörtlich übersetzt „nicht zerstreute Bürger“ bedeutet. Sie sind äußerst aktiv: Sie filmen und fotografieren die Langfinger in flagranti, halten sie fest, bis die Polizei kommt, erstatten Anzeige. Und sie tapezieren die Stadt mit Flugblättern, die vor den Dieben warnen. Im vergangenen Jahr hängte die Gruppe am Bahnhof Santa Lucia sogar 90 Bilder mit dem Konterfei einiger Taschendiebe auf, vor denen sich die Touristen in Acht nehmen sollten.

Das recht forsche Vorgehen der nicht zerstreuten Bürger könnte nun aber zum Bumerang werden: Wie der „Corriere della Sera“ berichtete, sind die Taschendiebe zum Gegenangriff übergegangen. Seit einiger Zeit hätten sie damit begonnen, Anzeigen gegen Mitglieder der Gruppe zu erstatten – wegen Stalking und weil sie von Leuten festgehalten worden seien, die dazu nicht das geringste Recht gehabt hätten, berichtet das Mailänder Blatt.

1300 leere Brieftaschen

„Ich habe immer betont, dass sich die Bürgerinnen und Bürger nicht an die Stelle der Polizei setzen dürfen – sie haben es trotzdem gemacht, und das ist nun das Resultat“, hält Venedigs Polizeikommandant Marco Agostini gegenüber dem „Corriere della Sera“ fest. Er ist jedoch selber konsterniert über diese „große Blase der Straflosigkeit“, in der sich die Taschendiebe in Venedig tummeln. In Italien sei Taschendiebstahl kein von Amts wegen verfolgtes Delikt; ohne Anzeige des Geschädigten seien die Polizei und Justiz machtlos. Bei den Opfern handelt es sich oft um Tagestouristen und diese haben meist wenig Lust, die halbe Zeit ihres Aufenthalts in einem Kommissariat zu verbringen. So kommt es nur selten zu einem Prozess.

Die Wahrscheinlichkeit für die Täter, in eine Zelle zu wandern, ist vor allem auch deshalb gering, weil ein großer Teil von ihnen zwischen 12 und 13 Jahre alt ist und damit noch nicht strafmündig.

Die Anzahl der Taschendiebstähle in Venedig ist unbekannt. Aber es gibt Anhaltspunkte: „Seit Anfang Jahr haben wir 1300 geleerte Brieftaschen gefunden“, sagte die Lokalpolizistin Andrea Pasqualetto dem „Corriere della Sera“ schon Mitte Juli. Die Diebe sind nur am Bargeld und den Bankkarten interessiert, den Rest werfen sie gleich wieder weg – oft in die Kanäle, wo er für immer verschwindet.

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