Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Skateboard-Handwerker: Ein Händchen für Holz

Jens Reuter in seiner Werkstatt beim Auseinandernehmen eines alten Skateboards.
Jens Reuter in seiner Werkstatt beim Auseinandernehmen eines alten Skateboards.

Pinselbürsten für Espressomaschinen, Lampenfassungen oder Schalthebel für Autos – Jens Reuter fertigt in Handarbeit Gebrauchsartikel aus ausrangierten Skateboards. Über Instagram hat er Tausende Kunden in der ganzen Welt gewonnen. Ein Werkstatt-Besuch.

Ohne Mütze und Skateboards gibt es Jens Reuter nicht. Der 38-Jährige steht in seiner Werkstatt mit Blick auf Terrasse und Garten in einem Vorort von Sankt Peter Ording. Vor gut zwei Jahren hat er dort ein Haus gekauft und ist mit seiner Familie von München nach Nordfriesland gezogen. Mitgenommen hat er auch seine alten Skateboards, die in der Werkstatt waagerecht und senkrecht an den Wänden hängen. „Das sind Kindheitserinnerungen“, erklärt er. Auch sein allererstes Brett ist mit dabei. Das hat er mit zwölf Jahren bekommen.

Der gelernte Schreiner läuft durch seine Werkstatt, zeigt Werkstisch, Drehbank, Bandsäge und Drechselbank. In einer Ecke liegen Wilma und Heidi, seine beiden Hunde. Sie sind immer dabei, wenn er aus ausgedienten Brettern Knäufe für die Tamper einer Siebträger-Kaffeemaschine, Schalthebel für Autos, Pinselbürsten für Espressomaschinen, Lampenfassungen oder auch mal Schlüsselbundanhänger macht. Alles Unikate, alles Handarbeit.

Am Anfang stand Instagram

Reuter weist auf einen Stapel zusammengeleimter Bretter. „Das sind Noses und Tails von Skateboards“, erklärt er (eine Nose nennt man den vorderen, ein Tail den hinteren gebogenen Bereich eines Skateboard Decks). Daneben liegen rechteckige Streifen, blaue, rote, gelbe, grüne. „Die sind für eine Tamperstation“, sagt er. Acht Streifen unterschiedlicher Boards klebt er dafür übereinander. Dadurch entstehen individuelle Muster, die er seinen Kunden zeigt. „Die Leute können sich die Farbkombi von jedem fertigen Block aussuchen“, erklärt er. Er geht zum Regal mit ausgedienten Skateboards. 50 bis 60 lagern derzeit dort. Zu wenig, er könnte dringend Nachschub brauchen. Auch gebrochene. Er hole sie entweder ab oder übernehme die Portokosten.

Der Anstoß, etwas aus Skateboards zu machen, kam von seiner Frau. Die hatte den Wunsch, dass er seine vielen Bretter mal wegräumen sollte, erzählt er. Und da sie beide eine Leidenschaft für Kaffee haben, kam er auf die Idee, einen Griff für den Siebträger ihrer Maschine zu machen. Davon veröffentlichte er ein Bild auf der Social-Media-Plattform „Instagram“. Das war 2016. Heute, fünf Jahre später, hat sein Account „Skateboardcreations“ mehr als 6300 Fans auf der ganzen Welt. „Ich verkaufe ausschließlich über die Plattform und mache sonst keine Werbung oder Marketing“, erzählt er.

Interessenten rund um den Globus

Seine Unikate sind zum Selbstläufer geworden. Wie viele er verkauft hat, weiß er nicht genau. Neben Stammkunden wie der Unterhachinger Firma Comandante, für deren Kaffeemühlen er Knäufe liefert, hat er Interessenten in Australien, den USA, Südamerika, Singapur und den Philippinen. Acht bis zehn Wochen müssen sie auf ihr Teil warten, denn der Bachelor für Chemie und Werkstoffkunde macht seine Teile ausschließlich als Hobby. Und das soll auch nach seiner Elternzeit so bleiben.

Derzeit kümmert sich der Ingenieur vor allem um seine Töchter, die ältere ist drei Jahre, die jüngere drei Monate alt. Die Große hat auch schon Feuer für Vaters Hobby gefangen. Wenn er auf der Minirampe im Haus auf dem Skateboard fährt, ist sie mit dabei. „Das freut den Papa natürlich“, sagt er. Ob sie auch mal Skateboards recyceln wird, ist noch nicht zu sagen. Fest jedoch steht: Diese Beschäftigung ist nur etwas für Menschen, die ein Händchen für Holz haben.

Nach dem Leimen ist Geduld angesagt

Und so geht es bei ihm als Profi: Zuerst löst Reuter das Griptape von den Brettern. Das ist der wichtigste und mühsamste Teil der Arbeit. Doch er hat im Laufe der Zeit ein paar Tricks gefunden, wie man das machen kann. Auf jeden Fall hilft Wärme. „Zwei Stunden in die Sonne legen, dann löst sich alles leichter“, verrät er. Die Bretter müssen tadellos von Griptape und Leim befreit sein, bevor er sie in kleine Teile sägt und diese aufeinander klebt. Der kleinste Rest von Griptape könnte dazu führen, dass beim Drechseln alles auseinanderfällt. Nach dem Leimen ist Geduld angesagt. Bis der Leim trocken ist, kann es bis zu einem Tag dauern. Ist der Leim hart, bringt Reuter die alten Boards an der Drechselbank in die gewünschte Form.

Am Schluss poliert, lackiert oder wachst Reuter die Teile. Das sei eine Wissenschaft für sich. Er bevorzugt mattes Finish. „Das sieht ein bisschen edler aus“, meint er. Die markanten Farben müssten nicht noch glänzen, die seien einfach schön wie sie sind. Wann er sich für ölen, wachsen oder lackieren entscheidet, das sei sein Betriebsgeheimnis. „Ein bisschen was muss auch noch bei mir bleiben“, sagt er und lacht. Nur so viel verrät er: Manchmal sei ölen sinnvoller als lackieren. Das hänge von der Anwendung ab. Beispielsweise sei Kaffeemehl ein bisschen aggressiv, wenn es auf den Knauf käme.

Solche Gebrauchsgegenstände fertigt Jens Reuter aus Teilen eines alten Boards.
Solche Gebrauchsgegenstände fertigt Jens Reuter aus Teilen eines alten Boards.
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