Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Leben im Death Valley: „Wir haben nie hitzefrei“

Im Death Valley machen die Taylors ihre Ausflüge früh am Morgen. Wenn die Sonne über die Berge kriecht, ist es Zeit, in das klim
Im Death Valley machen die Taylors ihre Ausflüge früh am Morgen. Wenn die Sonne über die Berge kriecht, ist es Zeit, in das klimatisierte Heim zu verschwinden.

Es ist der heißeste Ort der Erde: das Death Valley in Kalifornien. Hier ziehen Patrick und Crystal Taylor ihre fünf Töchter groß. Wie ist es, als Familie an einem Ort zu leben, der „Tal des Todes“ heißt? Ein Besuch.

Nachdem Kaiya, Lea, Hanna und Emma aus dem Auto geklettert sind, stellen sie sich hintereinander auf und warten auf die blaue Flasche mit dem Sprayaufsatz. Grinsend sprüht Patrick Taylor feinen Wassernebel auf ihre Gesichter. Zum Schluss kommt Cora dran, ihre Mutter hält sie im Arm, sie ist erst zwei Monate alt. „Das erfrischt maximal eine Minute lang“, sagt Patrick Taylor, „aber das ist unser Ritual.“ Dann stapft er mit dem Sonnenschirm auf der Schulter den Kindern nach, die Richtung Dünen gerannt sind. Es ist 8.05 Uhr morgens, das Thermometer zeigt 36 Grad an.

Die Mädchen spielen im Sand im Schatten der Düne, klettern hoch und springen hinunter, finden einen gebleichten Hasenknochen und die Spur einer Klapperschlange. Bald kriecht die Sonne über den Dünenrand und macht die langen Schatten der Hügel kürzer. Taylor schaut nach Osten und sagt: „Zeit zu gehen!“ Die Taylor-Girls trotten zum Auto und trinken gierig aus den Wasserflaschen, die auf ihren Plätzen liegen.

Mit ihren fünf Töchtern leben Patrick Taylor und seine Frau Crystal am heißesten Ort der Erde. Im Death Valley, dem „Tal des Todes“ in Kalifornien, einer lebensfeindlichen Landschaft aus Sand, Fels und spärlicher Vegetation. Hier wurde 1913 die höchste Temperatur aller Zeiten gemessen: 56,7 Grad Celsius im Schatten. 52 oder 53 Grad sind hier keine Ausnahme. Manchmal regnet es im Winter im Death Valley, aber nicht jeden Winter. Jährliche Niederschlagsmenge: 38 Millimeter. In München sind es 930 Millimeter. „Im Sommer sind wir Gefangene“, sagt Crystal Taylor, 35, „ab Mai können wir das Haus eigentlich nicht zu Fuß verlassen.“ Klimaanlage, Notstromgenerator, Wasserbehälter, abgedunkelte Fenster – das Haus ist ein Bollwerk gegen die vernichtende Kraft der Sonne.

Millionen Touristen wollen die Hitze spüren

Fast alle Sommertage verbringen Kaiya, 11, Lea, 9, Hanna, 5, Emma, 2, und Cora in ihrer gekühlten Festung. Ihre Mutter unterrichtet die Mädchen zu Hause. „Sonst müssten sie jeden Tag um 6.30 Uhr in den Bus steigen und fast eineinhalb Stunden in die nächste Schule fahren“, sagt Crystal Taylor, „das will ich ihnen nicht zumuten.“ Die Tage verlaufen einförmig. Kaiya übt „Somewhere over the Rainbow“ auf ihrer Ukulele, Lea macht Turnübungen, Emma streichelt die Katze Gus, Hanna sortiert ihre Steinsammlung. Als Kaiya hört, dass es in deutschen Schulen bei hohen Temperaturen hitzefrei gibt, spielt ein Lächeln um ihre Lippen: „Wir haben niemals hitzefrei. Eigentlich müssten wir das jeden Tag bekommen.“

Patrick Taylor, 38, ist ein ruhiger sanfter Mann mit einem schwarzen Vollbart. Seit fünf Jahren arbeitet er als Ranger im Death Valley Nationalpark, davor machte er Station auf Hawaii, dann in Oregon. Sein Nationalpark ist fast so groß wie Schleswig-Holstein, 1,7 Millionen Besucher kamen im Jahr vor Corona hierher, um die bizarren Fels- und Sandlandschaften zu erleben – und die extreme Hitze: „Es ist komisch, dass Menschen um die halbe Welt fahren, nur um diese Temperaturen am eigenen Leib zu erfahren“, sagt Taylor.

Wasser ist heilig

Vor dem Gebäude steht ein großes Thermometer. 117 Grad Fahrenheit ist zu lesen, 47 Grad Celsius. „Das meistfotografierte Motiv in Death Valley“, sagt Taylor, während ihn zwei Touristen bitten, sich für ein Foto neben das Thermometer zu stellen. „Jeder will dokumentieren, dass er sich tatsächlich in dieser Hitze aufgehalten hat.“ Touristen machen sich einen Spaß daraus, auf dem Boden ein Ei aufzuschlagen und zu beobachten, wie es in der Sonne brät. Andere bereiten Plätzchen oder Pizza zu, die sie auf einem Blech backen, das sie im Auto auf das Armaturenbrett unter die Windschutzscheibe gelegt haben.

Im Juli 2018 wurde ein Hitzerekord gebrochen, hervorgerufen durch den Klimawandel: eine monatliche Durchschnittstemperatur von 42,3 Grad Celsius. Wissenschaftler warnen, dass das Schutzgebiet sich durch weiter steigende Temperaturen verändern wird. Selbst für die wenigen meist nachtaktiven Tiere und die Wüstenvegetation wird es dann zu heiß. In diesem Sommer hat die nächtliche Tiefsttemperatur bereits zehnmal die 38-Grad-Marke nicht unterschritten. Noch mal: Es wurde auch in der Nacht niemals kälter als 38 Grad! „Ich zweifle nicht daran, dass wir sehr bald den Rekord von vor 100 Jahren brechen“, sagt Taylor. Damals soll es so heiß gewesen sein, dass Vögel tot vom Himmel fielen.

Wasser ist heilig, Schatten überlebenswichtig, Kühlung ein Segen. Fällt der Strom für die Klimaanlage länger aus, wird evakuiert, Busse bringen die 120 Einwohner der kleinen Siedlung Furnace Creek an einen kühleren Ort, wo die Hitzeopfer in klimatisierten Räumen warten können, bis die Stromversorgung wiederhergestellt ist. Furnace Creek heißt so viel wie „Hochofen-Bach“. „Den Bach gibt es schon lange nicht mehr“, sagt Crystal Taylor, „den Hochofen erleben wir jeden Tag.“ Selbst das Trinkwasser ist meistens lauwarm, die Leitungen verlaufen nicht tief genug unter der Erde.

Im Winter blühen Wüstenblumen

Zur Hitze kommt die Abgeschiedenheit. „Einkaufen ist ein Riesen-Event“, sagt Crystal Taylor und wuchtet zwei sargähnliche Kühlboxen in den Kofferraum ihres achtsitzigen Chevrolet Suburban. „Der nächste Supermarkt ist 105 Kilometer entfernt. Wir fahren da einmal die Woche hin. Die Girls lieben das, diese kühlen großen Hallen mit kalten Lebensmitteln.“ Aber auch sonst ist die isolierte Lage anstrengend: Als Crystal mit Hanna schwanger war, schaffte sie es nicht rechtzeitig in die Klinik, ihre Tochter wurde im Bett zu Hause geboren. Ein Hubschrauber brachte die beiden ins zwei Stunden entfernte Las Vegas.

Die Bürger von Furnace Creek leben für den Winter und das Frühjahr. Dann ist fast so etwas wie normales Leben möglich. Es gibt einige Wochen, in denen die Wüstenblumen blühen und die Temperaturen nicht über 30 Grad steigen. „Wir versuchen dann, etwas zu wandern oder zu campen“, sagt Patrick Taylor. „Einmal kamen wir zu einem kleinen Wasserfall, der nur einige Wochen im Jahr fließt. Die Mädchen standen davor und bekamen ihre Münder fast nicht mehr zu.“ Es gab sogar mal ein wenig Schnee, ganz oben in den Bergen, die das Tal des Todes einrahmen. „Lea berührte ihn, das erste Mal in ihrem Leben, und begann zu weinen. Es war eine so ungewohnte Erfahrung.“

Hitze tötet

Abends, wenn es dunkel wird, wagen sich die Taylors wieder ins Freie. Dann dürfen die Kinder in den Pool der Nationalpark-Mitarbeiter hüpfen, Lea taucht ein paar Plastiktiere vom Poolboden hoch, Kaiya schwimmt. Die meisten Erwachsenen stehen nur im Wasser und genießen es, einen möglichst großen Anteil ihres Körpers unter Wasser zu haben.

Hitze tötet. Jedes Jahr sterben Dutzende Menschen bei Wanderungen. Hitzschlag, Dehydrierung, Herzinfarkt. Ist man zu lange der Hitze ausgesetzt, versagt das Kühlsystem des Körpers, die Körpertemperatur steigt auf über 40 Grad. „Manchmal evakuieren wir die Hitzeopfer mit dem Heli“, sagt Taylor, „manchmal kommt jede Hilfe zu spät.“ Ein paarmal im Jahr ist er bei Such- und Rettungsaktionen dabei. „Covid hat die Menschen ins Freie, in die Natur, in die abgelegene Wildnis getrieben“, sagt Taylor, „das Problem ist nur, dass viele von ihnen noch nie dort waren. Die Leute haben keine Ahnung. Sie laufen in der Mittagshitze ohne Sonnenschutz durch die Wüste, mit einer halbvollen Dose Cola in der Hand und wundern sich, wenn sie nach 20 Minuten apathisch auf dem Boden sitzen und nicht mehr weiterkönnen.“

Am Wochenende fährt Taylor mit den drei älteren Mädchen abends hoch zum Aussichtspunkt „Dante’s View“. Von hier geht der Blick weit über das Tal, das menschenfeindliche, das todbringende Tal, das ihre Heimat ist. Sie sehen zu, wie die Sonne hinter der Panamint-Range-Bergkette versinkt. Dann gehen sie mit Taschenlampen zurück zum Auto. Es ist ganz still. „Schön, nicht wahr?“ sagt er leise zu den Mädchen, die seine Hände ganz festhalten. Sie nicken stumm. Dann holt er die Wasserflasche aus dem Auto und fragt: „Wer mag den ersten Schluck?“ Gleichzeitig sagen drei kleine Stimmen: „Ich!“

Hinter ihrem Haus spielen die Taylor-Töchter gerne im Matsch. In den Dünen entdecken sie gebleichte Knochen eines Hasen oder die
Hinter ihrem Haus spielen die Taylor-Töchter gerne im Matsch. In den Dünen entdecken sie gebleichte Knochen eines Hasen oder die Spur einer Klapperschlange.
In den Dünen entdecken die Kinder gebleichte Knochen eines Hasen oder die Spur einer Klapperschlange.
In den Dünen entdecken die Kinder gebleichte Knochen eines Hasen oder die Spur einer Klapperschlange.
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