Verbrechen RHEINPFALZ Plus Artikel Mädchenleiche im Silo: Debatte um Behördenversagen

Fieberhaft wurde nach dem vermissten Mädchen gesucht.
Fieberhaft wurde nach dem vermissten Mädchen gesucht.

In Frankreich löst der Tod der elfjährigen Lyhanna eine Debatte über Behördenversagen aus. Gegen den Hauptverdächtigen lagen Anzeigen wegen Vergewaltigung von Kindern vor.

Es war das Ende einer tage- und nächtelangen, fieberhaften Suche, da starb auch die letzte Hoffnung, dass die elfjährige Lyhanna vielleicht doch noch leben könnte: Am Donnerstagabend fanden französische Ermittler in einem Silo im südwestfranzösischen Departement Gers ihre Leiche. Seit dem Verschwinden des Mädchens am Freitagnachmittag vor einer Woche hatten ein Großaufgebot der Polizei mit umfassendem technischem Material, aber auch Bürger die ganze Region nach Hinweisen abgesucht.

Fahndungsfotos zeigten ein aufgeweckt und fröhlich lächelndes Mädchen. „Die Trauer und die Wut der Eltern lassen sich nicht in Worte fassen“, sagte deren Anwalt François Roujou de Boubée nach der fürchterlichen Entdeckung. In Lyhannas Schule fiel am Freitag der Unterricht aus. Die Lehrer und Angestellten sowie viele Kinder und auch Eltern kamen zusammen, um gemeinsam zu trauern.

In Auto gestiegen

In Frankreich ist die Bestürzung groß, zudem wächst die Empörung über ein mögliches Behördenversagen. Denn gegen den Tatverdächtigen B. lagen mehrere Hinweise wegen sexueller Belästigung und Anzeigen wegen Vergewaltigung Minderjähriger vor, ohne dass der Mann je juristisch belangt wurde. Der 41-Jährige sitzt in Untersuchungshaft, verweigert jede Zusammenarbeit mit den Ermittlern und bestreitet seine Schuld. In der ersten Nacht hatte er sich an der Suche nach Lyhanna beteiligt. Doch die Tatsachen belasten ihn schwer.

B. arbeitete früher in dem landwirtschaftlichen Betrieb, in dem das tote Kind gefunden wurde. Bilder der Videoüberwachung zeigen, dass Lyhanna nach der Schule in sein Auto stieg. Nachdem er zunächst geleugnet hatte, sie an jenem Tag gesehen zu haben, behauptete der Verdächtige schließlich, sie zum Schwimmbad gefahren zu haben. Doch dort kam sie nie an. Beide kannten einander, die Jugendliche war mit der älteren seiner beiden Töchter befreundet. Weil Lyhanna ihren Eltern einige Monaten zuvor erzählt hatte, dass B. sie bei einer Übernachtungsparty gekitzelt und berührt hatte, hatten diese jeglichen Kontakt untersagt.

Tatsächlich gab es weitere Vorwürfe gegen den verheirateten Familienvater. So beschuldigte ihn die Mutter einer anderen Freundin seiner Tochter, diese zwischen September 2024 und Mai 2025 mehrmals in seinem Haus vergewaltigt zu haben. Zwar leitete die zuständige Staatsanwaltschaft in Auch nahe dem Wohnort des Verdächtigen nach der Klage im August 2025 eine Untersuchung ein, doch wurde B. nie vorgeladen und verhört. Auf die mehrmaligen Nachfragen der Mutter bei der Polizei zum Stand der Ermittlungen wurde sie schroff abgewiesen, berichtete sie dem französischen Sender BFMTV.

Bereits 2022 warfen Eltern B. die Vergewaltigung einer zur Tatzeit knapp Siebenjährigen zwei Jahre zuvor in seinem Haus vor; die Ermittlungen wurden mangels „handfester Beweise“ eingestellt. 2017 zeigte eine weitere Mutter den damals 30-Jährigen an, weil er ein Verhältnis mit ihrer 17-jährigen Tochter hatte. Doch weil dieses einvernehmlich war, schritten die Behörden nicht ein. 2021 war er aufgrund einer „unangemessenen Beziehung“ mit einer Gymnasiastin von seiner Stelle als Aushilfe-Hausmeister einer Schule entlassen worden.

Überlastete Justiz

Angesichts dieser Vorgeschichte bleibt offen, warum dieser Mann völlig unbehelligt leben und möglicherweise weitere Taten begehen konnte. „Müssen wir wirklich immer darauf warten, dass handfeste Beweise vorliegen, bevor wir endlich etwas unternehmen, um unsere Kinder zu schützen?“, fragte der Bürgermeister von Fleurance, Grégory Bobbato.

Die gesamte politische Klasse zeigt sich erschüttert, die Verantwortlichen gestanden ein Versagen der zuständigen Behörden ein. „Wir sind alle entsetzt über diese systematischen Fehler, die unsere mangelhafte Organisation offenbart, und auch darüber, dass wir die Aussagen von Kindern nicht ernst nehmen“, sagte Justizminister Gérald Darmanin. Am Montag empfängt er die höchsten Justizbeamten des Landes.

Regierungssprecherin Maud Bregeon nannte die Vorgänge „absolut unerträglich“: Es stelle sich die Frage nach der Langsamkeit der Justiz aufgrund mangelnder Finanzmittel. Tatsächlich hatte ein Abgeordneter der Region vor gut einem Jahr auf die „alarmierende Situation“ des Verwaltungsgerichts von Auch angesichts des Personalmangels hingewiesen. Die Vertreter von Opfervereinigungen beklagen, dass die langsame Reaktion der Behörden trotz schwerwiegendster Vorwürfe leider keine Seltenheit, sondern die Regel sei.

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