Panorama Glosse: Jetzt spinnt sie, die Bahn...
Ach, Deutsche Bahn! Du bist Kummer gewohnt, wir Passagiere spüren das! Signalstörungen, Stellwerksstörungen, Triebwagenschäden, Verzögerungen im Betriebsablauf, Personenschäden, Polizeieinsätze, abgetauchte Lokführer, keine Infos, fehlerhafte Anzeigen. Ach, Deutsche Bahn, du hast es schwer. Wir verstehen das. Verständnisvoll leiden wir mit dir, Deutsche Bahn. Wie in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Planmäßige Abfahrt in Mannheim nach Berlin 15:32 Uhr. 66 Minuten später kommt der Zug, immerhin. Geht doch! Bis wenige Minuten vor Fulda. Dort die Ansage: „In Fulda bitte alle aussteigen!“ Der ICE fährt nicht weiter. Das Personal muss heim nach Stuttgart. Schwaben! Andere Zugbegleiter gibt es nicht. Nein, nein, es ist ja nicht so, dass wir Passagiere uns wie Vieh vorkommen, das mal eben irgendwo in der Pampa ausgeladen wird. Es ist nur „dumm geloffe“ für die Deutsche Bahn. Wir verstehen das. Gestrandet in Fulda. Nicht so schlimm. Und für die Bahn wirklich nicht so einfach. Ein Zug Richtung Oldenburg soll warten, tut das aber nicht. Der Fahrplan … Wir verstehen das. Ha, die Bahn wäre aber nicht die Bahn, hätte sie nicht einen weiteren Zug im Angebot. Der wird schon noch kommen, gewiss, gewiss! In der Zwischenzeit genießen wir die schöne Gewitterstimmung am Gleis 3, Bahnhof Fulda. Eine Dreiviertelstunde warten? Macht nichts. Wir verstehen das. Schön ist’s auch am Info-Schalter, Bahnhof Fulda. Schlange stehen bei der Bahn ist ein amüsanter Zeitvertreib auf Dienstfahrten. Und normalerweise brennt der Sachverwalter am Schalter für seine Arbeit wie der Mond im Sonnenschatten. Nur heute ist der Mann so müde wie der abnehmende Mond. Schlapp der Verweis auf die andere Schlange, links nebendran. Wieder anstellen. Wir verstehen das.
Nichts Genaues weiß man nicht
Irgendwann auf Bahnsteig 7. Ein Schaffner müht sich. Er sagt, der verspätete Zug nach Berlin über Leipzig werde ab Erfurt rappelvoll. Warum? Weil ein Zug aus Basel dort liegengeblieben sei. Und was ist mit dem anderen Abendzug über Braunschweig? Nun, raunt der Schaffner, er habe da was gehört. Vom Kollegen. Irgendwo vor Hannover lägen umgestürzte Bäume auf den Gleisen. Aber wie das so ist bei der Bahn - nichts Genaues weiß man nicht. Die Bahn ist ja auch ein Transport- und keine Kommunikationsunternehmen. Wir verstehen das. Ja, ja, der Schaffner … er sollte recht behalten. Zwar geht es irgendwie weiter. Aber nur bis Göttingen. Nach Hildesheim läuft nichts mehr. Pause für fünf Zigaretten – und die, sorry!, aus Protest nicht in der Raucherzone. Ein Baum auf dem Gleis … Eine Durchsage: Wer nach Hannover will, sollte lieber aussteigen. Wir wollen nicht nach Hannover, niemand will nach Hannover, in diesem Leben will im Leben keiner nach Hannover! Wir wollen nach Berlin. Aber das kann die Bahn ja nicht wissen. Wir verstehen das. Auf der langsamen alten Bahnstrecke Richtung Hildesheim. Weitere 45 Minuten Verspätung. Die Bahn gibt jetzt alles. Sie fährt sogar irgendwie rückwärts. Wir verstehen das. In Braunschweig bläst die Bahn zu einer Informationsoffensive. Die Passagiere mögen beachten, sagt die nette Stimme, dass es zwischen Braunschweig und Berlin-Spandau keinen Zwischenhalt geben werde. Nun, das hatten wir fast schon befürchtet. Denn der gedruckte Fahrplan sieht einen Stopp gar nicht vor. Jetzt verstehen wir allerdings gar nichts mehr. Die Bahn greift zum Äußersten und hält sich an ihren Fahrplan? Jetzt spinnt sie, die Bahn …