Mannheim
Berq begeistert beim Zeltfestival 2500 Fans
Es ist ein Heulen, ein Stampfen, Emo-Howl-Folk-Pop aus den Tiefen der Seele. Aus einer dichten Nebelwolke tritt der Jüngling empor, die Bühne unter der Zeltkuppel auf dem Maimarktgelände ist so überquellend voll weißer Schwaden, wie ein gut gemeintes Schaumbad. Bis an den Rand gefüllt mit lieben Absichten. Der Teeniestar setzt sich ans Klavier. Ein Ton, ein Laut genügen – und 2500 Stimmen schreien mit.
„Und danke für die Bindungsängste, krass, dass du das zweimal schaffst /Bin dankbar für die Superkraft“, besingt Berq in „Achilles“ ironisch den Selbstschutz, die Angst vor Nähe und Verletzung nach einer gescheiterten Beziehung. „Unsterblich, weil ich geh, wenn ich Gefühle seh.“ Zynische Verse über die Ferse des in Hamburg aufgewachsen Indie-Helden, der wie im Popmärchen über Nacht zum Star wurde und einen kometenhaften Aufstieg erfuhr.
„Echo“ wurde zum TikTok-Hit
Denn Felix Dautzenberg, so der bürgerliche Name, wollte eigentlich Musik studieren, sich 2022 auch an der Mannheimer Popakademie bewerben und als Produzent im Hintergrund agieren. Doch sein Erfolg kam ihm zuvor. Aufnahmen aus seiner digitalen Bewerbungsmappe gingen viral, sein Song „Echo“ wurde zum TikTok-Hit. Die eindringlich tiefe, wuchtige und doch zart-brechende, leicht gekränkt-trotzige Stimme und die poetisch-persönlichen Texte mit eigenwilliger Phrasierung wirken wie eine Mischung aus Henning May, Faber und Schmyt – und stehen doch für sich, für ein eigenes Markenzeichen.
Berq, der inzwischen in Berlin-Kreuzberg lebt, heult wie ein junger Wolf. „Ich sagte doch, er ist hübsch, oh mein Gott“, schreit eine Zuschauerin in der ersten Reihe, als sich der Nebel verzieht, der Sänger seinen überwiegend weiblichen Fans ganz nahe kommt. Karierte weite Hosen, umgebundene Strickjacke, Klammern in den langen, lockigen Haaren. „Ich setzte mich mit schwerer Brust ins Gras“, singt er in „Blauer Ballon“ über den Verlust eines Menschen.
Weibliche Stimme aus dem Off
Unterstützt von Streichern, Gitarre, Schlagzeug und Klavier spaziert der 22-jährige Gefühleflüsterer durch Songs wie „Echo“, „Pirouetten“ oder die „Paula-Texte“, wie Berq die Kollaboration mit Paula Hartmann nennt. Bei „Gegenteil von Glück“ oder „Zahl mir deinen Schmerz heim“ kommt die weibliche Stimme aus dem Off. Live wirken die persönlichen Lyrics stärker. Wie „Tourettes“ über seinen Opa Ingo aus Stuttgart. Man erfährt: damit ist nicht das Syndrom, sondern ein Sehnsuchtsort in der Provence gemeint, den der Großvater für die Pflege seiner Frau aufgab.
Die andere Oma wohnt übrigens in Mannheim. „Ich hab’ Familie hier, es ist fast ein Heimspiel“, zeigt Berq stolz auf sein weißes T-Shirt: „Luisenpark Mannheim“ steht darauf, darunter der von Loriot gezeichnete „Jäger aus Kurpfalz“, das heimliche Logo der Buga 1975. Mit der Großmutter trifft sich der Enkel erst zu Kaffee und Kuchen, ehe es zum eigenen Konzert geht. Ob die Oma zu „Mein Hass tritt dir die Haustür ein“ mitgesungen hätte? Bei „Träumen“ („so wurde aus dem Zwang ein Mann“) spricht der junge Barde jedenfalls über Väter, die nur schlecht umarmen und ihre Gefühle zeigen können.
Seelischer Tiefgang
Berq kann das, er kehrt mit seinen Liedern das versteckte Leid nach außen, singt übers sich verlieben und sich verlieren, über den Schmerz in der Brust, über Verlust und innere Ängste, ohne seinen Humor zu verlieren. Eine Trauerfeier ist das Konzert trotz des seelischen Tiefgangs nicht. Eher ein Berqfest, voll moderner, schwarzer Romantik. „Ich kann auch ohne Rote Flaggen gehen, oder?“, fragt der Sänger nach der Zugabe. Und weiß, was auf Spotify über 115 Millionen mal angeklickt wurde, will auch live Gehör finden. „Wir bilden uns ein, dass wir uns halten / Wären ohne einander doch gar nicht ge-fa-aa-al-len“, singt Berq über toxische Beziehungen, über die Warnsignale 100 roter Flaggen, die man aus blinder Liebe übersieht. „Fuck, du tust weh!“, ruft Berq, und wo sonst seine eigene Stimme einen Chor bildet, heulen nun 2500 überglückliche Fans mit.