Panorama
Einbalsamierer Riepertinger: Leichen als "Gäste"
Auf seinem Tisch lagen Franz Josef Strauß, Roy Black und Rudolph Moshammer. Alfred Riepertinger hat einen nüchternen Blick auf das Sterben.
Das Ende des Weges markiert mitunter ein Stecknadelkopf, gepinnt in eine vergilbende Weltkarte an einer schlichten Bürotür eines Klinikgebäudes. Daneben noch einer und viele mehr. An die 300 werden es sein, rot, gelb, grün, mal dichter rund ums Mittelmeer, mal lichter, wenn der Horizont sich weitet gen Amerika, Fernost oder den Fünften Kontinent. Eine Nadel für den australischen Surfer, der im Münchner Eisbach ertrank. Eine für den Oktoberfestbesucher aus Neuseeland, den die Tram überfuhr. Zwei für Amis, die bei den Passionsfestspielen in Oberammergau verschieden. Inder, Japaner, Brasilianer, die ihr Leben aushauchten. Zu jeder Nadel gibt es eine Geschichte, ein Schicksal. Gemeinsam ist allen: Die zugehörigen Körper landeten bei demselben Einbalsamierer, der sie haltbar machte für die lange Reise zum Ort der allerletzten Ruhe.
Nackte Basisdemokratie auf dem Seziertisch
Jener Mann, der dem Tod jeden Tag ins Antlitz schaut, ist eine Frohnatur: „Keman’s rein. Solang’s ned roin miassn.“ Nein, gerollt werden, das kann warten. Gestatten: Alfred Riepertinger, 63, Oberpräparator am Pathologischen Institut des Klinikums München-Schwabing, Münchner Zungenschlag, zugewandtes Wesen. Hobbykoch, was man ihm nicht ansieht. Boogie-Tänzer, das schon eher. Und seit bald 45 Jahren kunstfertiger Handwerker im „Maschinenraum“ der Pathologie. Als solcher hat Riepertinger mit den mannigfachen krankhaften Vorgängen und Zuständen des menschlichen Körpers und seiner Organe zu tun. Und natürlich mit dem Endpunkt allen irdischen Seins. „Mortui vivos docent“ steht in großen Lettern auf einer Wand des Sektionssaales: Die Toten lehren die Lebenden. Warum sie starben. Wie sie starben. Und dass am Schluss alle gleich sind, egal wie mächtig, reich, schön oder berühmt sie zu Lebzeiten waren. Auf dem Seziertisch herrscht sozusagen nackte Basisdemokratie. Riepertinger hat oft darüber nachgedacht. „Das erste Mal wurde es mir bewusst, als Franz Josef Strauß vor mir lag. Da habe ich mir Zeit genommen und Revue passieren lassen, wer dieser Mensch war. Ein mächtiger Mann. Aber auch er konnte nichts mitnehmen.“ Nicht der Modedesigner Rudolph Moshammer, bei dem die Paparazzi ums Institut schlichen. Nicht der Sänger Roy Black, Riepertingers wohl „sonnengebräunteste Leiche“, wie er sagt. Und auch nicht Seine Königliche Hoheit Alexander Prinz von Bayern aus der Wittelsbacher Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken, den er einbalsamierte, bevor der Adlige 2001 in die Münchner Familiengruft sank.
Schon als Kind fasziniert von Friedhöfen
Klangvolle Namen. „Doch die Arbeit ist bei jedem dieselbe, ungeachtet dessen, wer es ist“, betont Riepertinger. Leichen sind für ihn keine leblosen Körper, sondern „Gäste“, denen man mit Respekt begegnen sollte. „Der würdevolle Umgang mit den Toten ist unser höchstes Gut. Sie können sich ja nicht mehr wehren und sind darauf angewiesen, dass man pietätvoll mit ihnen umgeht“, sagt der Mann, der bereits 30.000 dieser stillen Besucher betreute: „Sie hinterlassen Menschen, die um sie trauern.“ Schon als Kind war Riepertinger fasziniert von Friedhöfen, „das waren dunkle, mystische Orte“. Sein Vater habe ihn mitgenommen in die Leichenhalle, in der damals noch die Toten anschaulich aufgebahrt waren: „Das hat mich immer angezogen. Ich wollte wissen, was da passiert.“ Neben seiner Lehre zum Werkzeugmacher jobbte er beim Bestatter. Seinen Zivildienst leistete er beim Leichenabholdienst im Klinikum Schwabing, bei jenen also, welche die Verstorbenen von der Station in die Pathologie überführen. Als dort ein Präparator gesucht wurde, stieg er ohne zu zögern um.
Wenn Bestatter mit ihrem Latein am Ende sind
„Ich bin der Techniker, der die Leiche öffnet, den Inhalt entnimmt, sie wieder zunäht und herrichtet“, sagt Riepertinger. Die nähere Untersuchung von Körper und Gewebe obliege den Pathologen, die der Todesursache bei „unnatürlichen Sterbefällen“ den Rechtsmedizinern. Er hingegen konzentriere sich darauf, den Toten ein würdevolles Aussehen zu verleihen. Routine helfe ihm, nicht alles an sich ranzulassen. Besonders, wenn seine „Gäste“ Kinder sind. Wie die beiden Mädchen aus Krailling, die der Onkel im Jahr 2011 tötete. „Man braucht diesen professionellen Abstand, um die Arbeit gut zu machen, aber auch als Selbstschutz. Doch man darf nie abgebrüht sein, nie abstumpfen“, sagt er. Wenn Bestatter mit ihrem Latein am Ende sind, wenn ein Körper nach einem Unfall oder nach einer Gewalttat sehr entstellt ist, kommen sie oft zu ihm. Dann fängt Riepertinger an zu nähen, zu formen, auch mal dezent zu schminken, um den Angehörigen einen Abschied in Würde, von Angesicht zu Angesicht, zu möglichen. Er findet das wichtig: „Damit man gewiss ist: Dieser Mensch ist tot und so sah er aus. Sonst bleiben immer Fragen. Nach dieser Begegnung kann man besser abschließen und trauern.“ Wenn er einen Körper haltbar machen muss, weil er nicht so schnell wie üblich bestattet werden kann, bei einer Überführung ins Ausland etwa oder bei Persönlichkeiten, bei denen sich die Trauerfeierlichkeiten hinziehen, kombiniert Riepertinger moderne Methoden der Einbalsamierung mit dem Wissen der alten Ägypter. „Die machten klasse Mumien“, schwärmt er und berichtet mit beinahe kindlicher Begeisterung, wie er das Gefäßsystem des Toten mit Formalin befüllt, um die Zersetzung zu hemmen, wie er die Organe entnimmt, mit Wasser reinigt und zurückbettet. Wie er danach eine spezielle Kräutermischung verwendet, damit der Leichnam angenehm duftet. Wie er ...
Mumien sind seine Leidenschaft
Nein, der Tod ist nicht das Ende. Zumindest nicht für einen so kenntnisreich behandelten Leib. Es ist ein klitzekleiner Hauch von Ewigkeit, den Riepertinger bei seinem Tun verspürt. Nicht, dass daraus stets eine Mumie entstünde. Da komme es doch sehr auf die Lagerungsbedingungen an, betont der Experte, der bereits zahlreiche Körper untersucht hat, die in Grüfte von Adel und Klerus gebettet wurden. Sogar im Urlaub stöbert er nach ihnen. Mumien sind seine Leidenschaft, denn: „Das waren ja mal Menschen.“ Und Riepertinger möchte wissen, wie sie lebten, starben, bestattet wurden. „Dieses Eintauchen in die Geschichte ist so spannend.“ Wer war dieser bayerische General da im Sarg, der einst neben Napoleon stand?, fragt er sich dann: „Das ist wie eine Zeitreise.“ Wieder lehren die Toten die Lebenden. Wenn Riepertinger von Blaublütigen spricht, hört man eine gewisse Hochachtung heraus für die Art und Weise, wie Adelsgeschlechter mit ihren den Verstorbenen umgehen. Wo der Ritus noch wichtig ist, ebenso wie die selbstverständliche Nähe der Vorfahren weit über den Tod hinaus. Vieles davon sei in der Gesellschaft verloren gegangen. „Sie hat den Tod aus ihrer Mitte verbannt“, bedauert Riepertinger: „Früher gehörte er zum Leben viel selbstverständlicher dazu. Heute ist alles, was mit dem Tod zu tun hat, als Dienstleistung ausgelagert.“
Keine Furcht vor dem Tod mehr
Unverständnis seinerseits, gepaart mit Ratlosigkeit: „Wir bereiten uns auf alles Mögliche vor, manches davon tritt ein, anderes nicht. Und ausgerechnet das, was todsicher kommt, verlieren wir aus dem Blick.“ Und warum? Aus Angst, meint er. Aus Unsicherheit. „Ich denke, es ist die Ungewissheit darüber, was danach passiert. Und die Vorstellung, dass alles zu Ende ist. Bei manchen ist es auch nicht die Angst vor dem Zustand des Todes, sondern vor dem Vorgang des Sterbens.“ Vor Schmerzen. Dabei sei der Tod die natürlichste Sache der Welt. Riepertinger selbst hat vorgesorgt, einen Sarg ausgesucht, die Trauerfeier geplant und einen Wunsch für den Standplatz seiner Urne geäußert. Am liebsten wäre ihm ein künftiges Medizinhistorisches Museum in München. Ein Oberpräparator, der seinen Körper einäschert und nicht der Wissenschaft vermacht? „Ich bin Organspender. Wenn die alles rausgenommen haben, was brauchbar ist, bleibt hoffentlich nicht mehr allzu viel übrig.“ Vor dem Tod fürchte er sich nicht, sagt Riepertinger, sein Beruf habe etwaige Ängste längst abgebaut: „Ich gehe dorthin, wo schon so viele vor mir hingegangen sind.“ Die Toten lehren die Lebenden.