Panorama Ein Restaurant in XXL

Gastronomie in einer ehemaligen Bahnhofslagerhalle.
Gastronomie in einer ehemaligen Bahnhofslagerhalle.

«Paris.» In einer ehemaligen Bahnhofslagerhalle in Paris ist Europas größtes Restaurant entstanden. „La Felicità“ heißt es. Auf 4500 Quadratmetern treffen dort alte Damen des 13. Arrondissements auf coole Start-up-Unternehmer. Während Frankreichs Küchenpäpste die Nase rümpfen über die XXL-Trattoria, rennen die Pariser ihr die Türen ein.

Vergessen Sie alles, was Sie über Paris wissen. Nichts von dem, was man der Stadt nachsagt, findet sich in „La Felicità“ wieder. Paris, ein altehrwürdiges Ensemble von Bürgerhäusern aus der Zeit des Barons Georges Eugène Haussmann? Von wegen. Das eine Straßenecke vom linken Seine-Ufer entfernte Restaurant hat in einer ehemaligen Bahnhofslagerhalle Quartier bezogen, gefertigt aus Beton, Zement und Glas. Feines Essen, eine Angelegenheit von mit feierlichem Ernst zu Werke gehenden Kochkünstlern und mit dickem Geldbeutel ausgestatteten Gourmets? Auch falsch. Eine fröhliche Feinschmecker-Massenveranstaltung ist das hier, zugänglich für jedermann. Im „Felicità“ kümmern sich 144 Angestellte um 1200 Gäste, die an knapp einem Dutzend Theken Bio-Pizza (8 Euro), Trüffelpasta (16 Euro) oder auch zartschmelzende Feigen- und Haselnuss-Torte aus dem Piemont (5 Euro) ordern. Mit 4500 Quadratmetern Bewirtungsfläche ist die Trattoria Europas größtes Restaurant. Und so groß es auch ist, voll ist es meistens auch. Aber was heißt da Restaurant. „La Felicità“ ist mehr als das. Der Gourmettreff ist auch Gewächshaus, Sackbahnhof, Kunstmuseum, Büro, Musikhalle und Mega-Bar. Zimmerlinden, Fächerpalmen und Orangenbäume streben dem Gewölbedach entgegen. Im Hauptgang abgestellte Eisenbahnwagen gemahnen an die ehemalige Bestimmung der Halle. Graffiti-Künstler haben auf den Waggons Fische hinterlassen: gigantische, die Gäste anglotzende Meereswesen. Von der Decke baumeln Riesenluftballons. Auch sie zeugen von künstlerischer Kreativität. Eine mit Büchern und Leselämpchen bestückte Empore verbreitet Arbeitsatmosphäre, um die es freilich schnell geschehen sein dürfte, wenn Bands auf der nahen Bühne den Gästen einheizen. Und dann ist da noch, was mit „Cocktail-Bar“ ein geradezu verniedlichendes Etikett erhalten hat. Über den Köpfen von Gästen und Barkeepern ragt ein fünfstöckiges Flaschenregal empor, dessen Inhalt ausreichen dürfte, ganze Regimente trunken zu machen. So verwirrend vielfältig sich „La Felicità“ auch präsentiert, das Essen steht im Mittelpunkt. Denn welches Ambiente man auch immer aufsucht, überall stehen Tische und Stühle, überall wird gegessen. Die Besitzer Victor Lugger und Tigrane Seydoux, beide 33 Jahre alt, empfehlen „La Felicità“ als Ort unbeschwerten Zusammenseins, „wo man sich den ganzen Tag über wohlfühlt“. Was immer die zwei dem Gast mitzuteilen haben, sie tun es augenzwinkernd. Das gilt selbst für den Toilettenkomplex. Er ist nicht einfach als WC ausgewiesen. „Holy Shit“ prangt in Leuchtbuchstaben darüber. Vielfältig wie das Interieur ist auch das Publikum. Sämtliche Altersgruppen sind vertreten. Man trifft etwa auf den 24-jährigen Romain Carre und den 90-jährigen Michel Delaqueize. Carre zählt zu den die XXL-Trattoria stürmenden Gründern des benachbarten Inkubators Station F, auch er in Europa der größte seiner Art. Rund 1000 junge Unternehmer entwickeln dort innovative Geschäftsideen. Er arbeite an einer App, die Personalchefs die Suche nach Arbeitskräften erleichtern solle, erzählt er. Delaqueize erfreut sich an der „Weltoffenheit“, die das „Felicità“ präge. Als Seemann, Unternehmer und Maler hat er sich einst seinen Lebensunterhalt verdient. Der Mann im ausgebleichten rosa Anzug deutet nach draußen. „Ich wohne gleich nebenan“, erzählt er. Für die Anrainer im 13. Pariser Arrondissement sei das Mammut-Restaurant gewöhnungsbedürftig. Habe man seine Berührungsängste aber erst einmal überwunden und hineingeschaut, werde man schnell Stammgast. Reservierungen werden nicht gemacht. Das Ergebnis sind Warteschlangen. Wer sich einer der Essenstheken entgegen schiebt, kann den Weg säumenden Schildern entnehmen, nach wie vielen Minuten er voraussichtlich am Ziel sein wird. Für Platzhirsche der Pariser Gastronomie ist das ein Unding – und der Rest auch. „La Felicità“ sei „gastronomisches Disneyland“, schimpft Minou Sabahi, die im Nobelrestaurant „Le Bien Venu“ die Geschäfte führt. Die Pariser fasziniert wohl genau das.

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