Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel Der Meister der Rahmen

Michael Pfefferle erklärt in seiner Werkstatt die Gravurtechniken an den Bilderrahmen.
Michael Pfefferle erklärt in seiner Werkstatt die Gravurtechniken an den Bilderrahmen.

Alte Bilder brauchen einen edlen Rahmen. Ein Besuch bei einem Kunsthandwerker mitten in München.

Michael Pfefferle schüttelt über einem Bilderrahmen mit gleichmäßigen Handbewegungen einen Pinsel mit Staub. „Den musste ich früher als Lehrling bei meinem Vater von der Lampe holen.“ Der 51-Jährige deutet auf das Licht über sich und lacht. Er steht im hinteren Teil seiner Rahmenwerkstatt: dort, wo die Kunst die richtige Patina ansetzen soll. Im Lehel, einem der traditionsreichsten Stadtteile in Münchens Innenstadt, führt er in fünfter Generation den 1859 gegründeten Betrieb weiter.

Vom Bayernkönig Ludwig sei sein Ururgroßvater aus Tirol nach München gelockt worden. Verbrieft sei dies zwar nicht, aber von Generation zu Generation weitererzählt worden, erklärt Pfefferle und weist auf die Rückseite eines Rahmens. Rechts oben ist ein rotes Wachssiegel mit dem Namenszug seiner Werkstatt angebracht. Das hat Michael Pfefferle eingeführt. 1999 lernte er bei seinem mittlerweile verstorbenen Vater das Handwerk des Vergolders und Fassmachers und bestand im elterlichen Betrieb die Meisterprüfung. 2011 übernahm er die Werkstatt. „Jeder Betrieb hat letztendlich seine Geheimrezepte und Methoden“, sagt er. Deshalb habe er nicht woanders eine Ausbildung gemacht.

Trotzdem lässt sich der Meister in die Töpfe schauen. Er nimmt eine Schaufel mit Champagnerkreide und erklärt, wie er diese beim Vergolden filigraner Schnitzereien einsetzt. Die fettere Bologneserkreide ist massiger und dient ihm für einfachere Profile. „Ich arbeite hier mit Materialien wie vor 300, 400, 500, 600 Jahren“, sagt Pfefferle. Sein Anspruch ist es, für jeden Kunden einen der 2000 Originalrahmen, die in seiner Werkstatt hängen, vorlagengetreu nachzubauen.

Goldblättchen brauchen einen Schnaps

Mit dem Enthusiasmus eines Menschen, der seinen Beruf liebt, beschreibt er Schritt für Schritt das Vergolden eines Rahmens. Angefangen von den Astlöchern des Holzes, die er verschließt, über das Auftragen der Leimtränke mit dem Pinsel, bis zum Auftragen der Goldblättchen. Dafür braucht er einen „Schnaps“. Er lacht. Das Wasser-Spiritus-Gemisch sorge dafür, dass das Gold haftet. Bei einem einfachen Rahmen könne allein dieser Arbeitsschritt drei Tage dauern.

Das Original für den aufwendigsten Rahmen, den er je gefertigt hat, hängt gleich am Eingang. Es ist ein runder, mit reichen Schnitzereien verzierter italienischer Renaissancerahmen. Er hat einen Außendurchmesser von 2,20 Metern. Rund ein Jahr lang haben Pfefferle und seine Mitarbeiter an dem Nachbau gearbeitet.

„Es war ein Projekt, das wir etappenweise realisiert haben“, sagt er. Er könne nicht alle Leute gleichzeitig für eine solch große Aufgabe einsetzen. Insgesamt acht Beschäftigte hat das Familienunternehmen, darunter eine Vergolderin und einen Vergolder. Sie sind seit 20 beziehungsweise 40 Jahren im Familienbetrieb. Auszubildende hat er seit rund zehn Jahren nicht mehr. Die letzten hätten nach einem Jahr abgebrochen. Er habe den Eindruck, erzählt Pfefferle, in unserer modernen Zeit säßen die Leute lieber auf einem Bürostuhl als sich mit staubiger Kreide und klebrigem Leim zu beschäftigen. Ein bisschen Geschick und Freude an Handarbeit müsse man mitbringen. Außerdem beschäftigt er zwei Schreiner und einen Mitarbeiter, der für die Montage zuständig ist, außerdem das Glas schneidet und die Passepartouts. Während die Vergolder in der Mitte der Werkstatt an einem großen Tisch arbeiten, ist die Schreinerei in einen Gewerbehof ausgelagert.

In der Pandemie brach der Kunsthandel ein

Pfefferle geht zu einem dunklen Rahmen in niederländischen Stil. Dessen Innenkante haben seine Schreiner unten und oben abgerundet. Eine gekrümmte Holztafel von Brueghel soll damit gerahmt werden. Ein Kunsthändler braucht sie für eine Messe. Endlich geht es damit wieder los. Der Kunsthandel war coronabedingt zum Erliegen gekommen. Statt bis zu 1000 Rahmen im Jahr habe er 2020 nur rund die Hälfte gefertigt, klagt Pfefferle.

Auch die Museen hielten sich mit Aufträgen zurück. Sie gehören ebenso wie Privatleute zu Pfefferles Kunden. So rahmte er die Beweinung Christi von Botticelli für die Alte Pinakothek in München oder für die Albertina in Wien von Albrecht Dürer die „Tote Blauracke“ und „Flügel einer Blauracke“. Auch in der Pfalz ist ein Bild zu sehen, an das Pfefferle Hand angelegt hat: Für die Pfalzgalerie Kaiserslautern hat er Arnold Böcklins „Nessus und Deianira“ neu gerahmt. Außergewöhnliche Aufträge erhielt er von Privatleuten. Er rahmte die Schuluniform des Gitarristen der Band Easy Daisy und eine Sammlung von Swatch-Uhren.

Das Bild soll toll sein

Kein Tag sei wie der andere, jeder Rahmen anders, jedes Bild, sagt Pfefferle. Am liebsten berät er die Menschen persönlich. Er schaut, ob ein Bild noch im Originalrahmen ist und empfiehlt eine Rahmung, die zeitlich zum Bild passt. Kunden, die nicht vor Ort sind, mailen ihm ein Foto ihres Kunstwerks. Er macht drei bis vier Vorschläge und setzt die Rahmen als Fotomontage ein. So kann er per Knopfdruck seine Interessenten in der ganzen Welt bedienen.

Seine Vorschläge seien nicht Gesetz. Er sei kein Gutachter. Doch ihm ist es wichtig, dass sich der Rahmen nicht in den Vordergrund dränge. Die Menschen sollen das Bild toll finden und nicht den Rahmen, betont er. Er findet „eine gotische Tafel genauso spannend wie ein schönes Nolde-Aquarell“. Der Münchner liebt seinen Beruf. Wer habe schon die Möglichkeit, nach Feierabend in aller Ruhe all die Kunstwerke aus der Nähe anzuschauen, die er rahmen darf?

Vielleicht überzeugt das auch seine Söhne, die Werkstatt irgendwann fortzuführen. Noch kämen die beiden Teenager nur ab und an vorbei oder ließen sich von ihm zu einem Museumsbesuch inspirieren. Das habe sein Vater auch immer gemacht. Bei jedem Urlaub in Frankreich sei ein Museumstag eingelegt worden. Er habe auf diese Weise sämtliche Museen an der Côte d’Azur besucht. Pfefferle lächelt. Druck will er der möglichen sechsten Generation nicht machen.

Das Original für Michael Pfefferles bisher aufwendigsten Auftrag: ein italienischer Renaissancerahmen.
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In der Patinierwerkstatt stehen verschiedene farbige Pigmente in und auf einem Buffet.
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