Kalenderblatt Das Schicksal der Natascha Kampusch: Lebendig begraben
Es ist einer der ersten Tage, an dem die zehnjährige Natascha Kampusch allein den Weg zur Schule gehen darf. Wochenlang hatte sie ihre Mutter, die sie bislang mit dem Auto hinbrachte, darum gebeten, ja geradezu angebettelt. Nach nur wenigen Metern steht plötzlich ein weißer Lieferwagen vor ihr, ein Mann packt sie und zieht sie hinein. Alles geht ganz schnell. Niemand sieht etwas, das Mädchen ist macht- und wehrlos. Der Entführer wickelt Natascha in eine Decke und versteckt sie in seinem Einfamilienhaus im Kellerverlies; nicht mal fünf Quadratmeter groß, dunkel, feucht, muffig, absolut schallisoliert, komplett von der Welt abgeschottet. Es ist das Ende ihrer Kindheit – und der Beginn des schlimmsten Albtraumes.
Erst am 23. August 2006, achteinhalb Jahre später, nach 3096 Tagen Isolation voller Todesängste, Grausamkeiten, der brutalen Erniedrigung, des physischen und psychischen Missbrauchs, gelingt Natascha Kampusch die spektakuläre und weltweit beachtete Flucht. Weil das Handy ihres Entführers Wolfgang Priklopil klingelt und der besessene, kontrollsüchtige, paranoide Einzelgänger aus Wien ein paar Sekunden nicht aufpasst. Die mittlerweile 18-Jährige nimmt all ihren Mut zusammen und rennt panisch, orientierungslos, aber entschlossen durch das offene Tor am Haus des Grauens. Eigentlich will sie sich vor einen Zug werfen. Dann bittet sie eine fremde Frau in einem Garten um Hilfe. Aber weder die Frau noch die Polizei glauben ihr zunächst. Sie vermuten, sie sei eine Verwirrte, es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie von ihrer Identität überzeugt sind. Die Hölle liegt hinter ihr, es scheint ein erster Lichtstrahl in Natascha Kampuschs Leben.
Das schreckliche Verbrechen dauerte 3096 Tage. Gefüllt mit Einsamkeit, Verzweiflung, Panikattacken, Sehnsucht. Mit Demütigung, Unterdrückung, Peinigung. Zwischen seelischen und körperlichen Qualen. Natascha Kampusch erlebt eine Jugend ohne Familie, acht Weihnachten und acht Geburtstage in Gefangenschaft. Weggesperrt vom Leben.
Ein Peiniger mit zwei Gesichtern
Wolfgang Priklopil, der sich kurz nach ihrer Flucht das Leben nimmt, ist ein Psychopath. Mit Allmachtsfantasien und Wahnvorstellungen. Zunächst lässt er sie sechs Monate lang keine Sekunde aus dem Verlies, das er durch mehrere Betontüren abgeriegelt hat. Um sie alle zu öffnen und ihr Essen zu bringen, braucht er jedes Mal fast eine Stunde. Anfangs drängt sie ihn noch, sie freizulassen, aber irgendwann gibt sie auf. Sie spürt: Ich werde nie mehr frei sein. Um nicht zu verzweifeln oder durchzudrehen, um zu überleben, akzeptiert Natascha Kampusch die Situation, auch wenn die Sehnsucht nach Freiheit immer bleibt. Sie redet mit ihm und bittet um Sachen für ihren (Lebens-)Raum. Die meisten Wünsche erfüllt er, spielt sogar Halma mit ihr im Keller, bringt ihr ein Radio (auf dem nur tschechische Sender funktionieren), einen Fernseher, Bücher, Malsachen, Putzmittel. Sie richtet ihr Kellerloch ein wie ein Kinderzimmer.
Aber ihr Peiniger Priklopil bleibt unberechenbar, willkürlich, aggressiv und anhänglich zugleich. Er hat zwei Gesichter. Er sorgt und kümmert sich um Natascha Kampusch. Und übt gleichzeitig gnadenlos seine Macht aus. Er verlangt, dass sie ihn „Maestro“ nennt. Er kontrolliert penibel ihren Tagesablauf über Zeitschaltuhren und eine Gegensprechanlage. Er terrorisiert sie. Priklopil, der Nachrichtentechniker, wendet Foltermethoden an, indem er ihr dunkles Verlies stundenlang mit grellem Licht bestrahlt oder nervtötende Geräusche durch eine Beschallungsanlage leitet.
Sklavin, Putzfrau, Gefährtin
Nach einem halben Jahr lässt er sie stundenweise aus dem Verlies, beginnt so was wie ein Leben mit ihr. Sie gewöhnen sich aneinander. Priklopil hält Natascha Kampusch als Sklavin, Putzfrau, Gefährtin. Sie muss kochen und den Haushalt führen – meist halbnackt – und im Garten arbeiten, ohne Unterwäsche. Er lässt ihr keinen Freiraum, geht mit ihr auf die Toilette. Er schikaniert und kommandiert sie herum. Sie muss so stehen, sitzen, gehen, wie es ihm gerade gefällt. Bevor sie den Kopf in eine Richtung dreht, muss sie ihn fragen. Gehorcht sie nicht oder macht Fehler, bestraft er sie, schlägt sie, wirft Zementsäcke nach ihr, fügt ihr Brandwunden zu oder rammt ihr ein Messer ins Knie.
Natascha Kampusch muss schwer arbeiten, das Haus mit renovieren. Er rationiert ihr Essen, sie magert ab. Mit zehn Jahren wog sie 45 Kilogramm, bei der Flucht mit 18 bringt sie noch 42 Kilo auf die Waage. Sie hat seelisch und körperlich gelitten – aber nach achteinhalb Jahren gelingt ihr aus eigener Kraft die Flucht in die Freiheit.