Jubiläumskalender RHEINPFALZ Plus Artikel Das Pechtropfen-Experiment: Vom Geheimnis des zehnten Tropfens

Und es bewegt sich doch: das Pechtropfenexperiment. Die Batterie dient als Größenvergleich.
Und es bewegt sich doch: das Pechtropfenexperiment. Die Batterie dient als Größenvergleich.
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Pech ist eine superzähe Sache, die einen lange verfolgen kann. Die deutsche Sprache hält dafür das schöne Wort Pechsträhne bereit. Australische Forscher untermauern dieses schnöde Alltagswissen wissenschaftlich – und völlig ironiefrei.

Pech fließt selbst in ausgehärtetem Zustand – bei Zimmertemperatur mit einer Geschwindigkeit von etwa einem Tropfen pro Jahrzehnt. Pi mal Daumen. Der teerartige Rückstand, der bei der Destillation von Erdöl, Kohle oder harzhaltigen Hölzern anfällt, ist damit 100 Milliarden Mal viskoser, also zähflüssiger, als Wasser. Forscher der University of Queensland im australischen Brisbane ist das eine eigene Versuchsanordnung wert.

Das sogenannte Pechtropfen-Experiment, das längste dokumentierte Laborexperiment der Welt, begann vor 93 Jahren. Was genau den Physiker Thomas Parnell dazu bewog, 1927 heißes, flüssiges Pech in einen verschlossenen Glastrichter zu füllen, um diesen drei Jahre später zu öffnen und fortan die Fließeigenschaften und Viskosität von Pech bei Zimmertemperatur zu dokumentieren, ist nicht überliefert. Der Physiker starb 1948 in Brisbane, anderthalb Jahre nachdem der zweite Pechtropfen aus dem Trichter „geflossen“ war.

Das Kult-Experiment

Sein späterer Nachfolger, der Physiker John Mainstone, mutmaßt, Parnell wollte im Zeitalter der aufkommenden Quantenmechanik seinen Studenten demonstrieren, dass sich auch in der klassischen Physik verblüffende Verhaltensweisen zeigten – wie etwa vermeintlich feste Stoffe, die tropfen können.

Mainstone bekam die Versuchsanordnung 1961 das erste Mal zu sehen und erlag sofort deren Faszination. Der Physiker ahnte bereits, dass diese Kuriosität das Zeug zum Kult haben könnte, wenn man sie vor dem Vergessen bewahren würde. „Ich fühlte mich berufen, stiller Wächter zu werden. Ich beschloss, das Experiment vor unsensiblen Banausen zu schützen“, sagte er.

Die defekte Webcam

Als offizieller „Hüter des UQ Physik Pechtropfenexperiments“ verhalf er dem Pechtropfen-Experiment zu weltweiter Popularität. Ein Durchbruch war die Präsentation des Experiments im Pavillon der Universität bei der Weltausstellung 1988 in Brisbane. Die Langeweile in Tropfenform stieß auf so viel Interesse, dass der Forscher fortan einen Großteil seiner Arbeitszeit als Pechtropfen-Pressesprecher verbrachte.

2003 zog das Pechtropfen-Experiment als weltweit am längsten andauerndes Laborexperiment ins Guinness-Buch der Rekorde ein. 2005 erhielten John Mainstone und postum Thomas Parnell einen Ig-Nobel-Preis, der abstruse, man könnte – Achtung Wortspiel – auch sagen „überflüssige“ Forschung auszeichnet. Das Motto des Komitees lautet, die Arbeiten sollten erst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen. „Für nichts anderes ist die Universität so berühmt wie für das Pitch-Drop-Experiment“, so Mainstone. Und das, obwohl doch bis zum Jahr 2014 kein Mensch je einen Pechtropfen in diesem Experiment hatte fallen sehen.

Wann fällt Tropfen Nummer zehn?

Mainstone selbst blieb auch das verwehrt. Von den fünf Tropfen, die in seiner Zeit als Pechtropfen-Wächter fielen, sah er: keinen einzigen. Er starb im Jahr 2013 – ein Jahr bevor eine Webcam erstmals einen fallenden Tropfen, den neunten, filmte. Bei Tropfen Nummer sieben im Jahr 1988 stand der Wissenschaftler am Kaffeeautomat des Physikalischen Instituts. Und als er für Tropfen Nummer acht – heute vor 20 Jahren am 28. November 2000 – auf Sicherheit ging und eine Webcam installierte, versagte deren Speicherkarte. Pech muss man haben.

Der nächste Tropfen – Nummer zehn – wird „irgendwann in den 20er Jahren“ erwartet, wie die Universität mitteilt. Im langweiligsten Livestream der Welt (thetenthwatch.com) lässt sich das Ereignis verfolgen. Viel Glück!

DER KALENDER

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnern wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.