Panorama Blick in die Steinzeit
«Unteruhldingen». Vor rund 6000 Jahren haben unsere Vorfahren ihre Häuser ins Wasser großer Voralpenseen gebaut: auf Pfählen, die sie in seichtem Wasser in den Boden rammten. Seit 2011 sind die prähistorischen Pfahlbauten – genauer 111 Fundstätten von Siedlungsresten aus der Stein- und Bronzezeit – Unesco-Weltkulturerbe. Ein Freilichtmuseum in Unteruhldingen am Bodensee macht durch Nachbauten sichtbar, was im Wasser und in der Vergangenheit verborgen liegt.
„Willst du mal halten?“, fragt eine Mitarbeiterin im lilafarbenen Museumsshirt und reicht einem Sechsjährigen ein Beil, das fast genauso groß ist wie er selbst. Das steinzeitliche Werkzeug – ein Nachbau, kein Original – sieht aus wie ein Hockeyschläger, nur dass das abgewinkelte Holzstück am Ende dicker ist. Daran befestig: ein zur Schneide geschliffener grünlich schimmernder Stein. „Unsere Vorfahren waren richtig schlau“, sagt die Frau in Lila, bevor sie den kleinen und großen Besuchern erklärt, wie unsere Vorfahren so ein Steinbeil hergestellt haben: von der Auswahl des Holzes (es braucht ein Stück vom Stamm mit Wurzelansatz, denn Wurzelholz ist besonders hart) über das Schleifen des Steins (mit Sandsteinen, den „Vorläufern des Schmirgelpapiers“) bis hin zur Frage, wie der Stein am Holz befestigt wurde: bei diesem Beil mit Birkenpech, „dem Pattex der Steinzeit“. Immer mehr Museumsbesucher lauschen im „Haus des Fischer“ den Geschichten der Frau in Lila. Das Haus ist einer von 23 Pfahlbauten, die das Museum im Uferbereich des Bodensees nachgebaut hat: rekonstruiert aus archäologischen Funden, die aus Jungsteinzeit und Bronzezeit stammen, aus einer Zeit von etwa 4300 bis 850 vor Christus. Auf dem Museumsareal – das Pfahlbaumuseum soll zu den größten Freilichtmuseen Europas gehören mit mehreren Hunderttausend Besuchern im Jahr – sind die Bauten zu Dörfern angeordnet, gruppiert nach den Ausgrabungsorten, denen sie nachempfunden sind. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Überreste der Pfahlbausiedlungen wiederentdeckt. Neben Pfahlstümpfen sind auch Teile von Wänden, Böden, Herdstellen und Bruchstücke von Einrichtungsgegenständen gut erhalten. Eingeschlossen im Seeboden wurden die Materialien nicht vom Sauerstoff zersetzt. Die meisten der nachgebauten Pfahlbauten thronen auf langen Pfählen im Flachwasser, etwa drei Meter über dem Seeboden. An diesem Tag umspült das Wasser nur den ersten halben Meter. Doch spätestens im Frühjahr wird klar, warum unsere Vorfahren die Pfahlbauweise wählten: Dann steigt der Wasserspiegel durch die Schmelzflüsse, die Pfähle verschwinden im See und die Siedlungen scheinen mitten im Wasser zu liegen. Trotz der Feuchte und der Wasserstandsschwankungen hatten Uferwohnungen Wissenschaftlern zufolge Vorteile für die Menschen: etwa gute Bedingungen für Hausbau, einfache Abfallentsorgung, Transport auf Einbäumen, gute Möglichkeiten für Handel, Verkehr und Fischfang. Im Haus des Fischers, in dem verschiedene Werkzeuge und Geräte für Fischfang, Ackerbau und Getreideverarbeitung ausgestellt sind, erzählt die Museumsmitarbeiterin inzwischen, dass Birkenpech – ein schwarzes teerartiges Destillat aus Birkenrinde – von den Pfahlbauern auch gegen Schmerzen gekaut wurde. Es enthalte den gleichen Wirkstoff wie Aspirin. „Wir haben eigentlich alle Dinge aus der Steinzeit übernommen“, nur die Materialien hätten sich mit der Zeit verändert, stellt sie klar. Und: „Was wir wirklich neu erfunden haben, ist die Steckdose.“ Anfassen, ausprobieren, Geschichte erzählerisch vermitteln: „Auch ein Steinzeitmuseum muss innovativ sein“, sagt Museumsdirektor Gunter Schöbel. Sein Anliegen: den Menschen zeigen, was man heute tatsächlich über das Leben in der Stein- und Bronzezeit weiß – und dabei auch die ein oder andere Vorstellung, die Menschen aus Zeichentrickfilmen wie „Fred Feuerstein“ oder „Ice Age“ entwickelt haben, richtigstellen. Gleich zu Beginn des Besuchs trifft jeder Gast auf den wohl innovativsten Clou des Museums: das Archeorama. Eine Multimediashow, die in wenigen Minuten in die Erforschung des Weltkulturerbes einführt – und den Besucher durch eine beeindruckende 360- Grad-Projektion mitnimmt unter Wasser, zu den Überresten einer Jahrtausende alten Pfahlbausiedlung. www.pfahlbauten.de Die Serie In der Serie „Alles, außer gewöhnlich“ stellen wir besondere Orte und Menschen in Deutschland vor.