Car-Sharing RHEINPFALZ Plus Artikel Auf Spritztour im Fantasieauto: Geisterfahrt mit dem Virus

Die Autos „parken“ immer in der „Solidaritätsstraße 1“. Zu sehen sind sie nie.
Die Autos »parken« immer in der »Solidaritätsstraße 1«. Zu sehen sind sie nie.

Einen Leihwagen fahren, den es gar nicht gibt? Das geht zurzeit in elf deutschen Städten. Der Car-Sharing-Anbieter Cambio hofft, so durch die Corona-Krise zu kommen. In sein Buchungssystem eingestellt hat er die Fantasieautos mit viel Liebe zum Detail.

Corona macht erfinderisch: Beim bundesweit aktiven Car-Sharing-Anbieter Cambio können Kunden Fantasieautos buchen. Fahren können sie damit selbstverständlich nicht. Aber sie sollen dafür die üblichen Mietgebühren zahlen und dadurch die pandemiebedingten Einnahmeausfälle des Bremer Unternehmens mildern. Damit wären sie sozusagen Geisterfahrer gegen Corona.

In elf von 30 Cambio-Städten – unter anderem in Saarbrücken – standen bisher 1738 real existierende Leihwagen an 462 festen Stationen bereit. Neuerdings ist in jeder dieser Städte eine „Soli-Station“ hinzugekommen, die nur im Buchungssystem existiert. Spendenwillige Kunden können dort für einen bestimmten Zeitraum ein „Soli-Auto“ buchen.

Bis zu vier Euro die Stunde

Sie zahlen dafür die übliche Zeitgebühr von bis zu vier Euro die Stunde für ein Fahrzeug – natürlich ohne einen Kilometerpreis. Bezahlt wird mit der Monatsabrechnung, gemeinsam mit den Kosten für echte Touren.

Wie im richtigen Car-Sharing-Leben kann es allerdings auch bei den „Soli-Stationen“ passieren, dass gerade kein Wagen frei ist. Es gibt nämlich nicht unendlich viele Geisterautos; in Bremen zum Beispiel sind es 20. „Beliebig viele bieten wir nicht an, weil wir sie per Hand einrichten müssen“, sagt Cambio-Prokuristin Jutta Kirsch.

Neues Stadtviertel programmiert

Die Programmierer haben sich dabei richtig Mühe gegeben. Wie bei echten Stellplätzen haben sie auch für jede „Soli-Station“ einen Lageplan erstellt. Demnach „parken“ die Fantasieautos immer in der „Solidaritätsstraße 1“. Die liegt entweder mitten in Stadtparks oder auch gerne in Gewässern. Als wären hier U-Boote auszuleihen. Und weil Cambio alle Stationen nach Stadtteilen auflistet, bekam jede der elf Kommunen mal eben ein neues Stadtviertel verpasst. Es heißt überall „Solidarität“.

Das Unternehmen greift zu dieser ungewöhnlichen Spendenaktion, weil die Buchungen im April wegen Corona um die Hälfte zurückgegangen seien. Sprecherin Kirsch: „Die Idee hinter den Soli-Fahrten ist, dass man auch ganz kleine Beträge spenden kann und dafür einfach das tut, was man als Cambio-Kunde ohnehin gewohnt ist: ein Auto buchen.“

Auch Stellplatz-Patenschaften möglich

So könne man die entfallende wöchentliche Fahrt zum Sport oder sogar die große Urlaubsreise spenden. Kirsch glaubt, dass die Hürde dafür niedriger ist, als auf ein Spendenkonto einzuzahlen. Am ersten Wochenende nach dem Solidaritätsaufruf wurden immerhin 200 Touren gebucht. Noch fehlt aber eine Auswertung zur Dauer der Geisterfahrten.

Außerdem haben etwa 140 der 75.000 Kunden in den elf Städten „Stellplatz-Patenschaften“ übernommen: Sie zahlen für ihre Lieblingsstation 30 Euro pro Monat. Wer will, kann sich dafür im Buchungssystem als Pate nennen lassen. So ähnlich wie bei gestifteten Parkbänken.

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