Panorama RHEINPFALZ Plus Artikel 1996: Die Entführung von Jan Philipp Reemtsma ruiniert den Entführer

Jan Philipp Reemtsma

Wahrscheinlich ist es einfach keine gute Idee, einen Mann zu bestehlen, der über schier unbegrenzte Mittel verfügt. Insgesamt 30 Millionen D-Mark (15 Millionen Euro) erpresste die Entführerbande um Thomas Drach von Jan Philipp Reemtsma. Mit dem Geld will sich Drach ein schönes Leben machen. Für Multimillionär, Mäzen, Philologe und Sozialforscher Reemtsma indes ist das ein „störender Gedanke“. Ihm geht es nicht ums Geld, sondern ums Prinzip.

Lösegeldforderung: 30 Millionen D-Mark

Am Abend des 25. März 1996 kreuzen sich in Hamburg-Blankenese die Wege der Männer zum ersten Mal, Reemtsma will aus seinem Zweithaus ein Buch holen. Wenig später findet seine Familie die mit einer Handgranate beschwerte Lösegeldforderung auf dem Grundstück. Die Entführer fordern 20 Millionen D-Mark. Die ersten beiden Geldübergaben scheitern, Drach erhöht die Lösegeldforderung auf 30 Millionen. Schließlich organisiert Reemtsma die Geldübergabe selber, ohne Wissen der Polizei. Nach 33 Tagen in Gefangenschaft wird er freigelassen. Die Entführung ist vorbei.

Doch die Jagd nach Entführern und Lösegeld hat gerade begonnen. Schon kurz nach seiner Freilassung beauftragt Reemtsma das Wiesbadener Sicherheitsunternehmen Espo mit der Wiederbeschaffung des Geldes, damit die Entführer es nicht ausgeben können. Thomas Drach, der sich nach Uruguay abgesetzt hat, wird ein Rockkonzert zum Verhängnis: Als die „Rolling Stones“ in Buenos Aires spielen, reist er nach Argentinien und telefoniert von seinem Hotelzimmer aus mit einem Knastbruder. Wenig später klicken die Handschellen, das Urteil: 14 Jahre Haft.

Pleite bei Entlassung

Doch die Privatfahnder lassen nicht locker. Weltweit spüren sie dem Geld nach, treiben sich in der Halbwelt herum, sähen Misstrauen. Drachs Kommunikation wird eng überwacht, der Druck hinterlässt Spuren. Wärter berichten, Drach führe „lautstarke und aggressive“ Selbstgespräche.

Nach Ansicht der Ermittler hat er bereits bei der Geldwäsche in Osteuropa 75 Prozent des Wertes verloren, weitere fünf Millionen gingen an Komplizen, dazu kamen Anwaltskosten. Über die Jahre heben Reemtsmas Ermittler weitere Gelddepots aus, zuletzt 2013 ein Schließfach in Uruguay. Im selben Jahr wird Drach aus der Haft entlassen. Er gilt als pleite. Vielleicht hat er einfach den Falschen entführt.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. In diesem Kalender erinnern wir Sie, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren.

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