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Mittwoch, 12. Dezember 2018 Drucken

Kultur

Aus dem verlangsamten Fenster

Buch aktuell: Die neue Rheinland-Pfalz-Anthologie „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018“ – Starke Beiträge zweier Zweibrücker Künstlerfamilien

Von Andrea Dittgen

„Landschaft ist mehrere Stunden. Und länger“: Auch den Bahnhalt Pirmasens-Nord besingt, sanft beobachtend, ein Gedicht der aus Zweibrücken stammenden Autorin Monika Rinck.

„Landschaft ist mehrere Stunden. Und länger“: Auch den Bahnhalt Pirmasens-Nord besingt, sanft beobachtend, ein Gedicht der aus Zweibrücken stammenden Autorin Monika Rinck. ( Foto: ARchiv Kadel-Magin)

Schreibt über seine Anfänge als Autor: Wolfgang Ohler.

Schreibt über seine Anfänge als Autor: Wolfgang Ohler. ( Foto: Archiv)

Steuert drei Gedichte bei: Monika Rinck.

Steuert drei Gedichte bei: Monika Rinck. ( Foto: Moschel)

Nominell ist die Pfalz unterlegen. Nur elf der 27 Autoren in dem neuen Rheinland-Pfalz-Lesebuch „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018“ kommen aus der Pfalz. Nur eine aus dem ersten Band der Reihe von 2015 ist wieder dabei: die Unverzichtbare. Monika Rinck. Die Vorzeige-Lyrikern. Ohne sie kommt niemand aus. Das ist klar.

In drei Gedichten fährt die in Zweibrücken geborene Berlinerin durch die Landschaft, die Gegend sozusagen. Zuerst reist sie im Zug („Landschaft ist mehrere Stunden. Und länger.“) und sieht in einem verlangsamten Fenster: den Bahnhof Pirmasens-Nord. Sie schreibt das ohne Häme, eher sanft beobachtend. Im zweiten Gedichte geht es um den Schotter am Weg, den Schotter als vielleicht einzigen Weg. Im dritten fahren selbstlenkende Autos ohne Passagiere durch unbesiedelte Gegenden, die auf den zweiten Blick dann doch bewohnt sind. Rincks Bilder, auch die Zukunftsvisionen, sind einfach und doch durchgeistigt nachdenklich.

Ihr Cousin Jürgen Rinck (auch aus Zweibrücken), reist schon seit Jahren im Sommer immer mit dem Rad durch Europa, macht alle paar Kilometer ein Foto und schreibt einen Reiseblog. Zwei Etappen auf der Rheinland-Pfalz-Route (leider ohne Fotos) erleben die Leser mit – als „murmelndes Idyll auf kaum befahrener Straße, Viehweiden, Wälder, ab und zu ein paar Felsen.“ Auch diese Tour steckt voller Überraschungen – das ist vielleicht das alles tragende Element der Künstlerfamilie Rinck.

Sie ist hier nicht allein. Auch die zweite wichtige Zweibrücker Künstlerfamilie, die Ohlers, hatte Michael Au, der Leiter des Referats für Literaturförderung im rheinland-pfälzischen Kulturministerium und (zusammen mit dem SWR-Journalisten Alexander Wasner) Herausgeber des Bandes, um Mitarbeit gebeten. Das ist schon eine Weile her, 2017 zu Weihnachten sollte das Buch erscheinen. Daraus wurde nichts. Vielleicht, weil die Kommunikation mit dem Autoren über Facebook und Mail doch nicht so gut glückte? Nun liegt das Buch da – mit Vorabdrucken, aus denen zum Teil schon Bücher geworden sind wie dem Auszug aus Norman Ohlers historischen Roman „Die Gleichung des Lebens“ (2017).

Wolfgang Ohler, der Vater, dagegen hat sich an eine Episode in Afrika, in Dakar, erinnert – und damit an seine Anfänge als Autor in den 90er Jahren. Es geht um die Mühen bei der Verständigung und beim Verstehen des Europäers im fremden Land. Ein Märchen für Erwachsene – und eine Art Ergänzung zu der Kurzgeschichte von seiner Tochter Birge, Nachname Amondson. Sie war vor einigen Jahren auf Einladung des Goethe-Instituts in Accra, wo sie das Schicksal eines schwarzweißen Hundes, der dem Tod geweiht war, sehr mitnahm. Draus wurde eine anrührende Geschichte vom Abschiednehmen – und wieder eine vom Reisen. Sie reisen dauernd, diese Zweibrücker. Wer es noch nicht wusste, weiß es nun dank dieser Anthologie.

Zu den Familiengeschichten steuert noch ein berühmtes Ehepaar einen Text bei – wie alle Autoren in klassischer Selbstausbeutung ohne Honorar, wie zu erfahren war. Sonst gäbe es wohl dieses Buch wie auch seinen Vorgänger wohl nicht. Rafik Schami und seine Frau Root Leeb gaben im Mai 2016 zum 70. Geburtstag von Schami in Ludwigshafen einem oder einer gewissen AW (wer das ist, wird nicht verraten) ein Fernsehinterview. Mit Selbstbeweihräucherung hat es nichts zu tun, es geht um ein verdichtetes Leben mit Literatur. Schami erzählt, wie er aus Syrien hierherkam mit drei Vierteln Kleider und einem Viertel Papier im Koffer. Das Papier war das Wertvollste: „Die Schatzkammer meiner Ideen, meiner Entwürfe, Fragmente“, ist zu lesen. Die Sammlung reicht „etwa 30 Jahre, aber bis dahin bin ich selber Phosphor und ernähre fröhlich irgendeine Pflanze“, sagte er 1970 fröhlich, als er in Frankfurt ankam. Die 30 Jahre sind um, Schami ist 72. Seine Emigrantenstory ist die ergreifendste Geschichte in diesem wildem Etwas von Buch, weil sie so viel von Deutschland erzählt, vom Schreiben, vom Leben.

Erzählungen, Lyrik, Texte über Texte – so sind die anderen Kapitel überschrieben, zu denen Michael Au und Co-Herausgeber Alexander Wasner einleitende Worte über die Autoren und ihre Beiträge schreiben – aber nicht erklären, warum sie gerade diese Autoren eingeladen haben, die wiederum aussuchten, was sie wollten.

Darunter finden sich Perlen wie die kriminalistische Erzählung „Alenkas Hochzeit“ von dem in Dahn aufgewachsenen Wahl-Saarbrücker Andreas Dury und die wunderbar humorvolle Laudatio von Kurt Scheel auf Gerhard Henschel, der 2015 den Georg-K.-Glaser-Preis erhielt. Sie ist nun eine Art Nachruf in eigener Sache, denn Scheel hat die Veröffentlichung nicht mehr erlebt, er starb im Mai im Alter von 70 Jahren.

Man darf sich auch wundern, etwa über den in Neustadt aufgewachsenen Philipp Theisohn, inzwischen Literaturprofessor in Zürich, der in einem schwer lesbaren Text („Der Rückzug auf das Ich der Kunst, in das Geheimnis der nach außen sich verschließenden Form, entspricht gleichzeitig eine radikale Wendung nach außen…“) Stefan George würdigt. Oder über eine sprachlich etwas antiquiert wirkende Forschungsarbeit von 1988 von Heinz Monz (1929-2012) über Bettine von Armin, die 1842 in Bad Kreuznach Karl Marx traf. Man wollte wohl gerne etwas zum Jubiläum 100 Jahre Karl Marx im Buch haben. Das ist auch nicht schlimm, denn so hat diese Anthologie einen schönen, fast schon erzieherischen Nebeneffekt: sich mit Autoren und Dingen zu befassen, an die man sonst wohl nie gedacht hätte – und das als Bereicherung und Anreiz zu finden, sich eins ihrer Bücher zu kaufen. Auch das ist Literaturförderung.

Lesezeichen/Info

—Michael Au/Alexander Wasner (Herausgeber): „Der Mensch ist frei – Gegend Entwürfe 2018. Lesebuch für Literatur aus Rheinland-Pfalz 2018. Band 2“; Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg; 300 Seiten, 24,80 Euro.

—Die Autoren aus der Pfalz sind außer den bereits Genannten Arno Frank (Kaiserslautern), Dieter M. Gräf (Ludwigshafen) und Sarah Stricker (Speyer).

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