Handball
Zweibrückerin Berger will Eindrücke sacken lassen und Abstand gewinnen
Am Freitag wurden in Dänemark die EM-Halbfinals zwischen Frankreich und Kroatien sowie Norwegen und EM-Gastgeber Dänemark gespielt, die Deutschland durch die 20:23-Hauptrunden-Niederlage am Dienstag gegen Kroatien verpasst hatte. „Die Enttäuschung war schon sehr groß. Vor allem, weil in den Köpfen war, dass ein Sieg gegen Kroatien mit zwei Toren eine lösbare Aufgabe ist“, sagt Amelie Berger. Intern aufgearbeitet wird die EM erst im Januar. „Das haben wir noch besprochen“, erzählt die Linkshänderin. Mehr Zeit blieb nicht. Bundestrainer Henk Groener, der nach Corona-bedingter Quarantäne verspätet zur EM gereist war, fuhr zum Beispiel im eigenen Wagen alleine zurück.
Corona bestimmt auch die Rückreise
Nach der Niederlage am Dienstagabend „ging dann alles ganz schnell“, erzählt Amelie Berger vom Abschied von der außergewöhnlichen Europameisterschaft in einer Blase. Die Corona-Pandemie bestimmte vieles, zuletzt auch die Rückreise. Es ging nicht zurück nach Frankfurt, wo der EM-Tross gestartet war, „sondern wir sind nach Köln zurückgeflogen“, erzählt Berger. Den vorgeschriebenen negativen Corona-Test, um nach der Rückkehr nicht in Quarantäne zu müssen, „hatten wir in Dänemark noch absolviert“, sagt sie. Das sei auch insofern beruhigend, weil es für sie selbst von Köln aus erst mal zur Familie nach Zweibrücken ging.
„Wir halten auch hier Abstand, können aber trotzdem zusammen sein“, freut sie sich. In Zweibrücken warteten auch Freund Luis Strohecker und Hund Balu. Der junge Autralian Shepherd ist knapp vier Wochen vor der EM-Abreise bei Amelie Berger eingezogen. Mit Balu spazieren gehen, frische Luft tanken, „das ist eines von vielen Dingen, über die ich mich gerade sehr freue“, bekennt sie. Der familiäre Zuspruch, den sie gerade erfährt, „ist ganz wichtig“, sagt die Spielerin des Bundesliga-Tabellenführers SG BBM Bietigheim. Der habe ihr in Dänemark gefehlt. Es war zum ersten Mal ein Turnier ohne direkte Unterstützung vor Ort, ohne kleine, aber wichtige Auszeiten mit Freunden und Familie im Turnierverlauf. Ein bisschen trösteten die Plätzchen, die aus Deutschland nach Kolding geschickt wurden. „Ein, zwei dürfen wir auch essen“, bemerkt Berger lachend.
Während der EM kein einziger Blick aufs Meer
Wie abgeschottet die EM-Mannschaften waren, erkennt man auch daran, dass Kolding eine Stadt am Meer ist, „wir das Meer aber nicht gesehen, nicht gerochen, nicht gehört haben“, erzählt die 21-Jährige. Die Umstände sollen keine Entschuldigung fürs Abschneiden sein, die galten ja für alle. Aber nicht alle haben sich so strikt an geltende Hygienevorschriften gehalten. Fünf Verwarnungen sprach der Europäische Handball-Verband wegen Verstößen gegen die Corona-Regelungen aus, drohte im Wiederholungsfall sogar mit Turnierausschluss. Betroffen waren auch die deutschen Gegner Rumänien und Kroatien. Dass Teams, bei denen Spielerinnen positiv getestet wurden (Rumänien und Serbien), weiterspielen durften, „das ist für mich ehrlich gesagt ein No-Go“, macht Berger deutlich, dass sie sich als Spielerin schon Gedanken um die Gesundheit macht.
Dass sich alle deutschen Akteurinnen jetzt erst mal in Ruhe selbst Gedanken machen können, die EM später aufgearbeitet wird, „ist ganz gut“, findet Berger. Verarbeiten, Eindrücke sacken lassen, Abstand gewinnen. Dass sie selbst während des Turniers nicht ihr ganzes Leistungsvermögen abgerufen hat, „das sehe ich ganz klar so. Umso dankbarer bin ich, dass mir das Trainerteam das Vertrauen geschenkt hat und dass ich viele Spielanteile hatte“, erläutert sie. Der Deutsche Handball-Bund hat sein Entwicklungskonzept auf die Heim-WM 2025 ausgerichtet.
Berger selbstkritisch mit eigener EM-Leistung
„Ich schaue positiv nach vorne“, unterstreicht Berger. Wichtig sei auch, von diesem Turnier die positiven Dinge mitzunehmen, darauf aufzubauen, bestätigt sie. Zum Beispiel, dass wieder ein Turnierauftaktspiel gegen einen starken Gegner gewonnen werden konnte. „Gegen Rumänien war ich mit meiner Abwehrleistung auch ganz zufrieden“, sagt sie mit Blick auf die erste EM-Partie. Definitiv Extraklasse war ihr Treffer zum 25:21 gegen Ungarn: Einläufer von Rechtsaußen, dann die Lücke in der Abwehrzentrale erkannt und fast aus dem Rückraum erfolgreich durchgetankt. Sie weiß aber auch: Von diesen schlitzohrigen Toren und Aktionen, „die ich gerne mag“, hätte es die ein oder anderen mehr gebraucht im Turnierverlauf.
Natürlich habe eine große Rolle gespielt, „dass wir uns als Mannschaft nie einspielen konnten. Die Spielerinnen, die im Ausland aktiv sind, waren ja schon bei den Testspielen im September nicht dabei“, erklärt sie. Da fehle es einfach an Zeit fürs Nationalteam, sagt sie mit Blick auf den knallvollen Bundesliga- und Champions-League-Kalender der Vereine. Auszug? Am Samstag geht es zurück nach Bietigheim, dort wird trainiert. Weihnachtsabend dann in Zweibrücken, am 27. Dezember wird Bundesliga-Handball gegen Oldenburg gespielt. „Und dann folgen viele englische Wochen, unter anderem mit Reisen nach Russland und Dänemark“, sagt Berger.