Schwimmen RHEINPFALZ Plus Artikel Zweibrücker Raje vor erstem Einsatz für Deutschland

Wie war die Bahn? Michael Raje (im Wasser) und sein Trainer Thomas Schappe besprechen die Trainingsarbeit in der hochmodernen Al
Wie war die Bahn? Michael Raje (im Wasser) und sein Trainer Thomas Schappe besprechen die Trainingsarbeit in der hochmodernen Albert-Wagner-Schwimmhalle an der Saarbrücker Hermann-Neuberger-Sportschule.

Trainingsbesuch: Zuletzt hat Michael Raje ganz schön viel Kacheln gezählt. Aber es hat sich gelohnt: Der Nachwuchsschwimmer der Wassersportfreunde Zweibrücken, 2021 auch RHEINPFALZ-Sportler des Jahres, hat sich kommende Woche einen Start mit Bundesadler auf der Badekappe verdient. Wie sehen die letzten Trainingswochen vor einem solchen Saisonhöhepunkt aus?

Es ist heiß an diesem Dienstag. Will man da jetzt wirklich rein in die Albert-Wagner-Schwimmhalle? Die hochmoderne Halle an der Hermann-Neuberger-Sportschule in Saarbrücken glänzt mit ganz viel Glas außenrum, könnte innen also eher einer Sauna ähneln. Aber keine Frage, Trainer Thomas Schappe und Schwimmer Michael Raje von den Wassersportfreunden Zweibrücken wollen rein. Schließlich bereiten sie sich auf den ersten internationalen Start von Schappes Schützling vor. Kommende Woche tritt der 16-Jährige erstmals mit dem Bundesadler auf der Badekappe an: beim EYOF, dem European Youth Olympic Festival im slowakischen Banská Bystrica.

Ein bisschen Zeit haben die beiden noch, bevor es ins Wasser geht. Dreimal pro Woche – immer dienstags, donnerstags und samstags – trainiert das Duo inzwischen in Saarbrücken, meist Sprinteinheiten auf der dortigen 50-Meter-Bahn. Der Rest findet im Zweibrücker Badeparadies statt, die Krafteinheiten im Kraftraum im Zweibrücker Westpfalzstadion, den auch VTZ-Hammerwerfer Timo Port nutzt. Morgens wird (noch) nicht trainiert, aber nur sonntags hat Michael Raje einen trainingsfreien Tag. 3,5 bis vier Kilometer pro Sprinteinheit, 4,5 bis fünf Kilometer bei lockeren Trainingseinheiten spult er ab. Viel Kacheln zählen, wie die Schwimmer das nennen.

Sprints in Saarbrücken

Acht Wochen Vorbereitungszeit hatten die beiden vor dem Saisonhöhepunkt, dem zweiten nach den deutschen Jahrgangsmeisterschaften Ende Mai in Berlin, wo Raje Gold über 50 Meter Brust, Silber über 100 Meter Kraul und Bronze über 100 Meter Brust aus dem Wasser fischte. Schon vor der DM hatten Schappe und der Brustspezialist sich etwas umstellen müssen. Denn die Bundestrainer Hannes Vitense (früher auch Saar-Landestrainer) und Carsten Gooßes wollten, dass Raje in Berlin 100 Meter Kraul und 100 Meter Delfin schwimmt – quasi im Vorgriff des jetzigen EYOF-Wettkampfes. Was genau Raje dort schwimmen soll, wusste er noch nicht, aber es läuft wohl auf 100 Meter in einer Freistil-Staffel, 100 Meter Delfin in einer Lagen-Staffel und vielleicht noch einen Start in einem Mixed-Rennen hinaus.

17.10 Uhr, in der Albert-Wagner-Schwimmhalle: Thomas Schappe schreibt Michael Raje und den drei anderen Zweibrücker Schwimmern (Schappe: „Damit er hier nicht immer allein trainieren muss“) den Plan für die heutige Trainingseinheit auf die Tafel. Trinkflaschen und Hilfsgeräte wie Flossen auf den Beckenrand und ab zum Einschwimmen. Insgesamt sind auf allen Bahnen 14 Schwimmer im Becken.

Stundenpläne vergleichen

Seit er vier Jahre alt ist, schwimmt Michael Raje. Angefangen hat der Mittelbach-Hengstbacher bei Trainerin Melissa Schappe, Thomas Schappes Frau. Sie ist heute noch eine ganz wichtige Bezugsperson für den 16-jährigen Schüler des Helmholtz-Gymnasiums, der nach den Ferien in der elften Klasse in die Leistungskurse Erdkunde, Chemie und Englisch einsteigt. „Schon vor der DM hat Michael zusammen mit meiner Frau noch mal ganz intensiv an der Technik gearbeitet, auch bereits im Trainingslager im vergangenen Herbst“, erzählt Thomas Schappe. Auf dem hohen Niveau, auf dem sich sein Schützling mittlerweile bewege, fehlten Feinheiten und Nuancen. „Zum Beispiel bei der Armhaltung die richtigen Winkel, damit der Schwimmer ideale Hebel- und Zugverhältnisse hat“, erläutert der 47-Jährige weiter, der mit seiner Frau in Zweibrücken wohnt.

Ein starkes Duo: Schwimmtrainer Thomas Schappe (links) und sein Schützling Michael Raje von den Wassersportfreunden Zweibrücken.
Ein starkes Duo: Schwimmtrainer Thomas Schappe (links) und sein Schützling Michael Raje von den Wassersportfreunden Zweibrücken.

Der Job als Trainer ist für den Lehrer für Biologie und Chemie am Pirmasenser Hugo-Ball-Gymnasium nicht immer einfach, er ist an seiner Schule auch in die Ganztagsschule eingebunden. Da ist die Zeit knapp. „Bevor wir unseren Trainingsplan für den Herbst erstellen, müssen Michael und ich zuerst einmal unsere Stundenpläne vergleichen“, sagt er schmunzelnd.

Nach und nach zum Coach

Zur Trainertätigkeit im Schwimmen kam er „wie die Jungfrau zum Kinde“. „Ich bin früher so ein bissel freizeitmäßig geschwommen, für meine Wirbelsäule“, erzählt Schappe. Raje wirft lachend ein: „Und mir hast du erzählt, du könntest gar nicht schwimmen.“ Als ihn der damalige Vorsitzende der Wassersportfreunde, Thomas Roller, gefragt habe, ob er bei einer Freizeitgruppe helfen könnte, machte Schappe mit. Und plötzlich hatte er eine eigene Freizeitgruppe. Als dann der Verein vor rund zehn Jahren einen hauptamtlichen Trainer suchte, dachte er sich: Ganz oder gar nicht! Er machte den C- und den B-Trainerschein – und ist seitdem voll drin im Schwimmgeschehen.

Wie jetzt: Das Einschwimmen ist beendet, Schappes Schützlinge absolvieren Starts mit Tauchzügen. Schappe läuft nun nebenher, hat die Stoppuhr in der Hand und ruft seinen Schwimmern die Zeiten am Ende der jeweiligen Bahn mit einigen Tipps zu. „Es ist eine Sprinteinheit für Michael. Vielleicht machen wir noch ein paar Wenden im kleinen Becken. Brustschwimmen als Lage lassen wir immer drin“, erklärt er, auch wenn derzeit etwas anderes gefordert sei.

Videos helfen

Er filmt seinen Schützling auch schon seit langem mit dem Handy zur Verbesserung seiner Leistung. „Wenn ich es sehe, kann ich es einfach besser umsetzen, als wenn ich es nur gesagt bekomme“, sagt Raje selbst. Man müsse dabei einen Punkt nach dem anderen ausmerzen, „sonst verfällt man zu schnell wieder in alte Bewegungsmuster“, sagt Schappe. Auch das erneute Anschauen von Livestreams diverser Wettkämpfe gehört für ihn dazu.

„Die Geschwindigkeit passt“, sagt Schappe vor dem EYOF über den Fitnesszustand seines Athleten. Bei den Luxemburg Open als Test sei er unlängst noch einmal eine Bestzeit geschwommen. Am Dienstag reiste Raje zum Trainingslager des Nationalteams nach Heidelberg. „Schwimmen, essen, schlafen“, sagt er über das Tagesprogramm, „aber wir haben auch schon Sachen gemacht, um als Team zusammenzufinden. Und am Freitag soll’s noch ein Grillfest geben“.

Am Samstag Flug nach Wien

Am Samstag geht’s dann mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Wien, wenn kein Ferienchaos am Airport ausbricht, von Österreich mit dem Bus weiter in die Slowakei. „Vor dem ersten internationalen Start ist wohl jeder nervös. Ich jetzt noch nicht, aber das kommt am Renntag“, weiß Raje. Das Niveau beim EYOF sei schwierig einzuschätzen, meinen beide, auch weil man nicht wisse, welche Nationen tatsächlich starten. „Ich will reinfinden. Der Bundestrainer hat gesagt, ich soll Spaß haben“, sagte Raje zu seinen Zielen für Banská Bystrica. Und irgendwie wird er auch dort den wichtigen Kontakt zu seinen Heimtrainern Thomas und Melissa Schappe halten.

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