Zweibrücken Zweibrücken, das Brasilien von Europa

Peter Kraus bot eine mitreißende Show im Rosengarten. Seine 78 Jahre merkte man ihm keinesfalls an. Auch sein Hüftschwung war zu
Peter Kraus bot eine mitreißende Show im Rosengarten. Seine 78 Jahre merkte man ihm keinesfalls an. Auch sein Hüftschwung war zu sehen.

Die Schlagernacht von SWR 4 und der Zweibrücker Rosengarten – das passt einfach gut zusammen. Vor allem dann, wenn die Musik mit Lichteffekten und meist tollem Klang auf einer Bühne präsentiert wird, die von der Größe auch gut zu Rock am Ring passen würde. 3500 Besucher waren am Sonntagabend dankbar dafür.

Perfekt organisiert war der Abend. Sechs Vertreter ihres Genres boten einen Mix an, der allen Stilrichtungen des Schlagers gerecht werden sollte. Am schwersten hatte es dabei wohl Franziska Wiese, die den Abend um 18 Uhr eröffnete. Denn sie muss erst noch auf dem hart umkämpften Schlagermarkt positioniert werden. Sie beweist aber mühelos, dass das Streben um sie berechtigt ist. Wiese setzt auf poppige Klänge mit Geige, gewürzt mit Ethnoklängen. Ihr elektrisches Instrument trägt sie nicht zur Dekoration. Zehn Jahre wurde die 30-Jährige auf dem Musikkonservatorium Cottbus an der Geige unterrichtet. Und so ganz losgekommen ist sie davon nie. Zum Auftakt passt ihre „Sinfonie der Träume“, als Motto für die bevorstehenden knapp fünf Stunden, jedenfalls gut. Francine Jordi beweist sich danach als Stimmungskanone. Vor knapp 20 Jahren hat die Schweizerin mit „Das Feuer der Sehnsucht“ den Grand Prix der Volksmusik gewonnen. Natürlich lässt sie dieses Feuer im Rosengarten leuchten. Davor reißt sie das Publikum für die erste von vielen Mitklatsch-Runden von den Stühlen. Songs wie „Più bella cosa“ von Eros Ramazzotti, sind dafür verantwortlich. Gewarnt habe man Jordi vor ihrem knapp halbstündigen Auftritt. Hier seien leidenschaftliche Leute im Publikum, denen sie gerecht werden müsse. Zweibrücken sei schließlich das Brasilien von Europa. Das mag zwar nicht immer stimmen. Aber bei der SWR 4-Schlagernacht ist das schon richtig. Vor einer etwa halbstündigen Pause betritt eine Legende die Bühne. Peter Kraus hat eigentlich unlängst seine Abschiedstournee bestritten. Doch was den Scorpions recht ist, darf dem deutschen Elvis billig sein. Kraus macht nun doch weiter und beginnt seine knapp einstündige Show mit einem Lied neueren Datums. „Manchmal“ ist von 2007. Der Entertainer singt den Titel eher verhalten. Es dauert eine ganze Weile, bis der 78-Jährige Fahrt aufnimmt. Das tut er, indem er aus seiner eigentlichen Abschieds-CD „Zeitensprung“ „Hamma“ von Culcha Candela singt. Da hat er sich, wie Heino, Lieder von jungen Interpreten vorgenommen und sie ins Gewand der 50er Jahre gesteckt. Peter Kraus hatte damit nicht mal ansatzweise den kommerziellen Erfolg eines Heino, der unter anderem Rammstein nachahmte. Dafür steckt in Kraus’ Variation wesentlich mehr Kultur. Zum Schluss kommen sie dann endlich, die Lieder von Elvis Presley, wie „Heartbreak Hotel“. Oder Chuck Berrys „Roll over Beethoven“. Und natürlich Kraus’ Evergreen „Sugar Sugar Baby“, samt Hüftschwung. Der ewige Teenagertraum, der vor seinem Auftritt im Zweibrücken mittags noch live im ZDF-Fernsehgarten in Mainz sang, wird bald wieder eine CD veröffentlichen und auf Tournee gehen. Im Nachhinein haben die Besucher damit schon den Höhepunkt des Abends erlebt. Doch Maite Kelly ist trotzdem sehenswert. Sie beginnt ihre Show mitten im Publikum. Kelly nimmt sich Zeit, um einige Besucher in den Reihen zu besingen. Danach klettert sie über eine Leiter die Bühne empor. Klasse, so geht Unterhaltung. Das Energiebündel pfeift schon lange auf den Schlankheitswahn der Branche. Sie bittet zwischendurch sogar unerwartet, mit einer tollen Prise Ironie, um ein Handtuch. „Ich bin nicht Helene Fischer. Ich schwitze.“ Maite Kelly präsentiert tolle Coverversionen, wie Donna Summers „Hot Stuff“, und eigene Songs, wie „Wenn Du Liebe suchst“. Die Mischung stimmt. Am Ende sollte auch der größte Kelly-Skeptiker neidlos anerkennend applaudiert haben. Meist schreibt man Frauen, wie Helene Fischer und Andrea Berg, die Auferstehung des deutschen Schlagers zu. Doch es gibt es auch männliche Interpreten, die mit ihren CD-Veröffentlichungen mühelos Spitzenplätze erobern. Das Wertheimer Duo Fantasy gehört dazu. Es führte mit „Eine Nacht im Paradies“ und „Freudensprünge“ sogar die Charts an. Man kann hierüber durchaus ein klein wenig erstaunt sein. Denn so modern sich das Duo optisch gibt, sind deren Lieder dem altbekannten Mitklatsch-Rhythmus an diesem schönen Abend doch am ehesten unterworfen. Gemischt mit modernen Beats verbreiten ihre Lieder, wie „Ich brenn’ durch mit Dir“, erst Recht ausgelassene Fröhlichkeit unter den 3500. Die von Medien gerne hofierte Vanessa Mai hat es danach eher schwer, ähnliche Hochgefühle zu erzeugen. Zum Intro zeigt sie in einem Video vielleicht etwas zu stolz sinnliche Lippen und einen makellosen Bauch. Da ist sie stilistisch einfach zu dicht dran an Rihannah. Dabei ist die von Dieter Bohlen Produzierte genauso freundlich wie die drei zuvor genannten Damen. Trotzdem wird klar, dass Vanessa Mai mit ihrer neuen CD „Regenbogen“ am Thron der Helene Fischer rütteln will. Zwei neue Lieder stellt sie hieraus vor. „Regenbogen“ und „Ich vermiss dich so“. Das Streben nach einem Stellenwert nahe bei der Fischer könnte gelingen.

Maite Kelly hatte ihren Auftritt unten im Publikum begonnen und kam erst danach hoch auf die Bühne.
Maite Kelly hatte ihren Auftritt unten im Publikum begonnen und kam erst danach hoch auf die Bühne.
Franziska Wiese eröffnete die Schlagernacht im Rosengarten. In ihren Liedern sind die Klänge einer Violine ein ständiger Begleit
Franziska Wiese eröffnete die Schlagernacht im Rosengarten. In ihren Liedern sind die Klänge einer Violine ein ständiger Begleiter.
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