Handball
WM in Ägypten: Das sagen die regionalen Trainer zum Turnier und den deutschen Chancen
Es ist keine leichte Aufgabe für den immer noch neuen Bundestrainer Alfred Gislason, der mit der Auswahl des Deutschen Handball-Bundes (DHB) in sein erstes großes Turnier geht. Und in was für ein großes, denn die Weltmeisterschaft vom 13. bis 31. Januar in Ägypten ist die erste Mammut-Veranstaltung ihrer Art: mit 32 Mannschaften.
Das führt unter anderem dazu, dass die Deutschen in Gruppe A, einer von acht Vorrunden-Gruppen, gegen Uruguay (Freitag, 15. Januar), den Handball-Exoten Kapverdische Inseln (Sonntag, 17. Januar) und Ungarn (Dienstag, 19. Januar) um den Einzug in die Hauptrunde kämpfen.
Lieber Vierjahresrhythmus
Dazu kommt die wegen der anhaltenden Corona-Krise immer noch schwelende Diskussion um die WM und das ausgearbeitete Hygienekonzept in der Bubble (der Blase aller Mannschaften und Offiziellen). Viele Spieler, internationale wie deutsche, haben – egal ob wegen Corona oder Verletzung – für das Turnier abgesagt. Zunächst war auch vorgesehen, dass eine bestimmte Zuschauerzahl, prozentual zur maximalen Auslastung der jeweiligen Halle, zugelassen wird. Norwegens Superstar Sander Sagosen, in der Bundesliga, wo ohne Fans gespielt wird, in Diensten des Branchenführers THW Kiel, fand das im Vorfeld peinlich. Nach einem gemeinsamen Brief von Kapitänen von 14 europäischen Top-Nationen, die ihre Sorge diesbezüglich kundgetan hatten, hat der Weltverband am Sonntag eingelenkt: Die WM findet ohne Zuschauer statt.
Drittliga-Trainer Stefan Bullacher vom SV 64 Zweibrücken hält das Turnier für „ein Muster ohne Wert“. „Meine Frau und meine Tochter sind auch Trainer in unserem Verein. Wir sind beim Handball wirklich mit ganzem Herzen dabei“, unterstreicht der 52-Jährige. Er glaubt dennoch, dass die WM Anti-Werbung für den Handballsport wird – so wie schon die Frauen-EM im Dezember. „Die Qualität der Spiele dort war schlecht. Und dann noch null Stimmung, weil keine Zuschauer da waren“, sagt er. Auch weil international viele gute Spieler fehlen, habe das WM-Turnier aus seiner Sicht keinen sportlichen Wert. Vom deutschen Team werde man nicht viel erwarten dürfen.
„Warum müssen wir jedes Jahr ein großes Turnier spielen, 2021 sogar die WM und Olympia?“, fragt er zudem. Da sollten die Handballer lieber mal den Fußballern nacheifern, die ihre großen Turniere im Vierjahresrhythmus spielen.
Seit Anfang Januar trainiert der Drittligist SV 64 wieder, um auf einen Re-Start der Runde vorbereitet zu sein. „Am Anfang der Woche testen wir immer alle Spieler vor dem Training. Das macht unter anderem unser Vorsitzender und Mannschaftsarzt Jürgen Knoch“, erläutert Bullacher. Die Kosten für die Corona-Tests übernehme der Verein.
Innenblock-Säulen fehlen
„Die Voraussetzungen sind denkbar schlecht“, sagt Philip Wiese, Trainer des Oberligisten VTZ Saarpfalz, der in dieser Saison noch kein einziges Spiel bestreiten konnte, befragt zu den Aussichten der deutschen Mannschaft. „Der Trainer ist neu, er kennt die Mannschaft noch nicht. Und es fallen Säulen der Mannschaft aus, das wird eine Riesenaufgabe“, findet Wiese. Mit den Säulen meint er vor allem den weggebrochenen Innenblock mit Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek und Finn Lemke. Die Rolle als Underdog könne aber auch ein Ansporn sein, „vielleicht kommt die deutsche Mannschaft sehr unbeschwert ins Turnier rein“. Und Bundestrainer Gislason sei absolut souverän, der könne auch mit den vielen Absagen umgehen.
Grundsätzlich sei er aber immer noch der Ansicht, dass eine Absage der WM besser gewesen wäre. „Keine Ahnung, ob das Austragen jetzt das richtige Zeichen ist. Ich hoffe, dass es mit dem Hygienekonzept in der Blase klappt“, sagt Wiese, der sich nichtsdestotrotz die WM im Fernsehen anschauen wird.
WM nur wegen des Geldes?
Wiese und sein Trainerkollege Kai Schumann haben zu ihrem VTZ-Team derzeit vor allem telefonisch und digital Kontakt. „Vor Weihnachten hatten wir gemeinsam eine Riesen-Skypeshow“, erzählt Wiese. Die Spieler würden gerne trainieren, momentan gehe aber nichts außer Individualsport. „Die Jungs sind schlau genug, um zu wissen, was sie machen können und müssen. Aber es ist eben schwer, wenn man so gar nicht weiß, wann es mal wieder losgeht“, erläutert Wiese. Sein Kollege Kai Schumann hält auch den anvisierten Termin im März für einen Re-Start der RPS-Oberliga inzwischen für utopisch. Der Blick richte sich schon auf die nächste Runde.
Zur WM sagt er: „Man hat das Gefühl, dass sie allein aus finanziellen Gründen durchgezogen wird, das ist eine generelle Katastrophe.“ Er sei noch nie so negativ eingestellt gewesen gegenüber einem Turnier, selbst bei der letztlich erfolgreichen EM 2016 nicht. Allerdings: Das richtige Fieber komme zwar nicht auf, es bleibe aber eine WM, meint Schumann.
Underdog als Weltmeister?
Auch für Rüdiger Lydorf, Trainer der Oberliga-Damen des SV 64 Zweibrücken, steht die Sinnhaftigkeit des Turniers immer noch in Frage. „Die WM ist diesmal ein zweigeteiltes Schwert. Warum spielt man sie überhaupt, wenn nicht alle Mannschaften in Bestbesetzung kommen?“, findet er. Und das Flair, das eine Weltmeisterschaft eigentlich ausmacht, fehle einfach. „Aber Handball ist unsere Leidenschaft, also gucken wir uns die Spiele auch an“, verdeutlicht er.
Für die Deutschen sei die Frage, wie schnell sich die Neuen integrieren lassen. „Dafür müsste man der Mannschaft eigentlich Zeit geben, die hast du nicht“, glaubt er. Sportlich erwartet er aber sogar eine sehr interessante WM. „Es ist schwer, einen Favoriten nennen, bei den ganzen Unwägbarkeiten. Vielleicht kann diesmal sogar ein Underdog die WM für sich erfolgreich gestalten“, mutmaßt er.