Zweibrücken Wie es früher war

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Die Oma komme mit zum Weihnachtsmarkt, damit sie auch mal aus dem Haus komme, hatte es geheißen. Und jetzt kann ich gucken, wie ich mit dem Rollator durch das Gedränge komme. Ich wollte gar nicht raus, aber meine Enkelinnen kennen da nichts. Das Jahr über studieren sie in München und Barcelona, aber an Weihnachten kommen sie nach Hause und arbeiten nach einem genau durchgetakteten Wochenplan ihre sozialen Kontakte in der Heimat ab. Heute bin ich dran, Sophie und Lea wollen sich mit mir einen schönen Tag auf dem Weihnachtsmarkt machen, und ich bin ein bisschen froh über meinen Rollator, der verhindert, dass die beiden sich rechts und links bei mir einhaken. Das würden sie gerne, das spüre ich, das würde die Leute mehr beeindrucken. Oh, würden diese dann denken, oh seht doch mal, wie schön, diese beiden jungen Frauen, wie rührend sie sich um ihre Oma kümmern! Einen Rollstuhl hatten sie leihen wollen, um mich damit von Stand zu Stand zu schieben, aber den Gefallen habe ich ihnen nicht getan. Ich muss aber sagen, sie zeigen Haltung und Zähne, plappern die ganze Zeit und lachen klingelnd, während ich meinen alten, krummen Körper auf den Rollator gestützt zentimeterweise vorwärts hieve. Es sind gute Mädchen. Ich würde gerne eine Waffel essen, aber Sophie ist dagegen, „viel zu fettig, viel zu viel Zucker, wir suchen was Gesundes, Oma“, und auch an der Bude mit den belgischen Pommes zuckeln wir vorbei, ohne dass ich mir eine Portion holen könnte. „Nein, das sind bloß in altem Fett ausgebackene Kohlenhydrate, leere Kalorien, Oma, das ist nix für dich.“ Na, und ob das was für mich wäre, ich hätte auch nichts gegen eine Tasse Glühwein, „gezuckerte Brühe aus dem Tetrapack, boah, geht gar nicht“, doch, würde schon gehen, aber auch diesen Stand, dekoriert mit sehr hübschen Plastik-Tännchen, lassen wir hinter uns. Lea seufzt, „tut mir leid, Oma, dass das alles hier so laut und so grell und unweihnachtlich ist“, und Sophie meint, sie hätten sich das Ganze etwas nostalgischer vorgestellt, wie in der guten alten Zeit, „so wie es früher war, Oma“. Ich habe außer der Tatsache, dass ich nicht hierher wollte, nichts auszusetzen an diesem Weihnachtsmarkt, mir fehlt nichts außer meiner Couch zuhause. Ich sitze gerne auf meiner Couch, sehe fern und esse dabei leere Kalorien. Den Enkelinnen ist der Weihnachtsmarkt zu Stadtfest-mäßig, „das ist ja gar nicht besinnlich!“, und ich werde zu einem kleinen Lokal in der Gasse hinter dem Spülzelt dirigiert. Sophie bestellt Salat mit Lachs für uns alle drei und auch eine Flasche Grauburgunder von einem Weingut aus der Vorderpfalz, „wir machen uns heute einen richtig schönen Mädelstag, gell, Oma!“, und ich muss sagen, der Wein in Kombination mit meinen Bluthochdruck-Tabletten zeigt eine beachtliche Wirkung. Lea schimpft immer noch über den krawalligen Weihnachtsmarkt mit seinem minderwertigen Angebot an Essen, Getränken und Waren, „nicht mal Kerzen oder Holzspielzeug oder so was haben die da“, und Sophie sagt, „gell Oma, früher war das an Weihnachten alles viel gemütlicher und heimeliger“. „Eine Riesenscheiße war das damals an Weihnachten“, antworte ich laut, und von den anderen Tischen gucken alle her. Sieben Jahre alt war ich im Winter 1946, die Zwillinge waren zehn. Unsere Mutter war 29, sah aber viel älter aus, der Vater war im Krieg, wir wussten nicht, ob er noch lebt. Viel mehr als an unseren Vater oder sonst irgendwas dachten wir an Essen. Wir hatten Hunger. Immer. Die ganze Zeit. Morgens, mittags, abends, Hunger, Hunger, Hunger – einen Hunger, der alles beherrscht und einen bei allem, was man in der Hand hält, nachdenken lässt, ob man es vielleicht essen könnte. Einmal habe ich ein kleines Stückchen von den im Wald gesammelten Ästchen probiert, mit denen ich morgens den Ofen einheizen musste. Das war meine Aufgabe, den Ofen einheizen, ganz früh morgens, noch bevor die anderen aufstanden. Eiskalt war es in diesem Winter 1946/47, der später der Hungerwinter genannt wurde. Es war aber ein Hunger- und Eiseskälte-Winter. Der Krieg war vorbei, aber es starben immer noch Tausende, verhungerten, erfroren oder verreckten mit ihren geschwächten Körpern an eigentlich harmlosen Krankheiten. Wir waren froh, dass wir die Ästchen hatten. Jeder von uns hatte seine Aufgabe. Die Mutter schuftete als Trümmerfrau, der Wiederaufbau Deutschlands war ihr egal, aber wer die schweren Arbeiten übernahm, bekam höhere Lebensmittelrationen zugeteilt. Und das war wichtig. Überlebenswichtig. Meine Brüder und ich wurden nicht wie Kinder behandelt, wie das heute üblich ist, unsere Mutter spielte und tobte nicht mit uns. Wir waren eher ihre Gefährten beim täglichen Kampf ums irgendwie Durchkommen, wir waren alle aufeinander angewiesen. Die Zwillinge zogen täglich los, um zu klauen, was ihnen in die Finger kam, und wenn sie irgendwo Essensreste fanden, brachten sie diese nicht mit nach Hause, sondern aßen sie auf der Stelle auf, das wusste ich. Die Mutter wusste es auch, aber sie sagte nichts. Trotz ihrer schweren Arbeit bekamen wir das meiste von den dürftigen Lebensmittelrationen, „ihr wachst ja noch“, sagte sie und wurde immer ausgemergelter. Weihnachten kam näher, und ich weiß nicht, ob Mutter traurig war, weil sie uns nichts schenken konnte. Sie knapste hier und da etwas ab, sie wollte einen Stollen backen, den es an Heiligabend geben sollte. Ein bisschen altes Mehl und etwas Zucker hatte sie, an Rosinen und Zitronat war nicht zu denken. Sie zog fast alles an, was sie hatte, Blusen und Pullover übereinander, darüber den fadenscheinigen Mantel, und lief bei Minusgraden am zugefrorenen Bach entlang über vier Kilometer zu einem Aussiedlerhof, um dort Kleider und Schuhe meines Vaters gegen Fett und ein paar Nüsse für den Stollen einzutauschen. Sie blieb sehr lange weg, aber meine Brüder und ich waren es gewohnt, alleine zu Hause sein und gingen früh schlafen, weil es im Bett, aneinander geschmiegt, wenigstens ein bisschen warm wurde. Die Mutter kam spät in der Nacht heim, und war dann noch lange in der Küche zugange, das hörte ich im Halbschlaf und war beruhigt. Es schien, als hacke und schneide sie etwas. Am nächsten Morgen war ich nicht die erste unten, sondern meine Mutter stand schon am Herd und briet Fleisch. Fleisch. Es roch köstlich, es schmeckte köstlich, so gut hatte nie zuvor und auch später nie wieder etwas geschmeckt. Und Mutter sagte, sie habe noch mehr davon für später. Wir aßen, schlangen, leckten die Teller aus und waren selig. Den Hundekopf fanden meine Brüder und ich am 23. Dezember hinter der Gartenmauer, er lag gefroren im Schnee, eine Wunde hinter dem rechten Ohr, aus Blut und Raureif war eine rosafarbene Kruste geworden. Es war ein Hund vom Aussiedlerhof, wir kannten ihn, er hieß Harras. Der Weihnachtsstollen an Heiligabend war steinhart, aber wir aßen ihn vollständig auf. Es war sehr still am Tisch. Meine Brüder stritten sich nicht miteinander und nicht mit mir. Mutter guckte angestrengt Richtung Fenster. Wir sahen uns nicht in die Augen. Jeder wusste, dass es auch die anderen wussten. Wir haben nie darüber gesprochen. So war das früher an Weihnachten. Eine Riesenscheiße. Die anderen Gäste im Lokal gucken immer noch zu uns her, manche verstohlen, manche ganz offensichtlich. Die meisten haben aufgehört zu essen, nur noch hie und da ist leises Besteckgeklapper zu hören. Mir ist ein bisschen schlecht von dem Lachs und dem Grauburgunder, „ich möchte jetzt nach Hause“, sage ich. Meine Enkelinnen starren mich an, dann holt Lea den Rollator, und Sophie ruft die Bedienung. Als wir über den Weihnachtsmarkt zurück zum Parkhaus zockeln, höre ich sie hinter mir flüstern und streiten. „Nein, das fragst du jetzt nicht, spinnst du?!“, zischt Sophie. „Es schmeckt ganz normal, ein bisschen wie Rind“, sage ich, weil ich weiß, was sie wissen wollen. Es sind gute Mädchen. Die Tränen kommen mir erst später, als ich auf meiner Couch sitze.

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