Zweibrücken
„Widerborstig und unbotmäßig“
„Fünf turbulente Jahrzehnte im pfälzischen Schulwesen“ verheißt das im Mannheimer Wellhöfer-Verlag erschienene Buch im Untertitel, und der Umstand, dass den Kapiteln jeweils ein kurzes Märchenzitat vorausgeschickt wird, zeigt an, dass die Thematik eher launig-humorig abgehandelt wird – was nicht heißt, dass es keinen klaren Blick auf die mitunter schon absurden Verhältnisse und ideologischen Grabenkämpfe erlauben würde, mit denen Fragen der Bildung und Erziehung in Deutschland manchmal angegangen werden.
Mit Witz und Augenzwinkern schaut Gröschel, 1949 in Contwig geboren, der 2010 nach fast 30 Jahren am Neustadter Käthe-Kollwitz-Gymnasium in den Vorruhestand trat, zurück auf sein eigenes schulisches Leben. Er beginnt mit seiner Einschulung 1956 in Contwig, in einer katholischen Schule mit Geschlechtertrennung schon ab der ersten Klasse. Ironisch hinterfragt er dabei die Ankündigung der Erwachsenen, die Schulzeit sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen, waren für ihn doch die ersten Wochen alles andere als ein Zuckerschlecken im so verlockend angepriesenen „Lebkuchenhaus“.
Man gewöhnt sich jedoch an das „System“ und lernt, wie man mit möglichst wenig Aufwand gut durchkommt. So lassen sich seine ersten Erfahrungen auf den Punkt bringen. „Offenbar entsprach ich dauerhaft nicht den vermutlich ambitionierten erzieherischen Maßstäben und Erwartungen meiner Eltern“, bekennt er, weshalb ab der fünften Klasse ein Wechsel zum strengen katholischen Internat in Dahn beschlossen wurde. Diese fünf prägenden Jahre mit ihren bisweilen skurrilen Auswüchsen – für viele der Pädagogen kein Ruhmesblatt – beschrieb Gröschel in seinem 2012 erschienenen Buch „(V)erzogen in der Pfalz“, das er 2014 in Contwig vorstellte. Nur kurz geht der Autor deshalb in dem neuen Buch auf diese Episode ein. Interessant sind seine Anmerkungen zu den damaligen Rückmeldungen. Obgleich anekdotisch und humoresk gehalten, fühlten sich einige „auf den Schlips oder die Soutane“ getreten. So kam es, dass der katholische Pfarrer in Dahn eine Lesung in den Kirchenräumen untersagte und eine Journalistin von ihrer Zeitung zurückgepfiffen wurde. „Ich hatte offensichtlich in ein Wespennest gestochen“, so Gröschel, der neben erbosten Briefen auch Lob und positive Rückmeldungen von Weggefährten und Leidensgenossen erhielt.
Doch zurück zu Gröschels Schullaufbahn. Nach dem Tod des Vaters folgten vier Jahre am Hohenfels-Gymnasium in Zweibrücken. Ehrlich bekennt Gröschel, dass er in Mathe immer abschrieb, „ohne die geringste Ahnung vom Inhalt“. Mit seinen Geständnissen können sich bis heute wahrscheinlich viele Schüler und Absolventen identifizieren. Besser lief es in Deutsch, Latein und Englisch, 1969 mit Mathematik Pflichtfächer der schriftlichen Abiturprüfung. Mit spitzer Feder und subtilem Humor beschreibt er die Lehrkräfte und ihre Eigenheiten. Er und seine Mitschüler verstanden es, die Persönlichkeit des Lehrers gründlich zu studieren, man experimentierte, lotete Grenzen aus und überschritt sie auch gelegentlich.
Abifeier ufert aus
Widerborstigkeit und Unbotmäßigkeit habe man seiner Klasse nachgesagt, so der Autor, weshalb sie ihre Zeugnisse auch nicht bei einer Abiturfeier erhielt. Umso ausufernder gestaltete sich die Feier danach, die mit einer Fahrt ohne Führerschein und einer Alkoholvergiftung endete.
Mit Blick auf seine Zeit als Lehramtsanwärter nach dem Studium der Germanistik und katholischen Theologie stellt Gröschel Vergleiche mit der heutigen Referendarzeit an. „Vieles schien vorwiegend dem Zweck zu dienen, uns junge Leute einmal ordentlich zurechtzustutzen“, schreibt er. Zum Glück habe sich dies gewandelt. Seinen ersten Dienstort als Lehrer, die IGS Kaiserslautern, sieht der Autor kritisch. Das damals neue Schulsystem habe systembedingte Mängel gehabt. Anforderungen wurden auf Geheiß „von oben“ zurückgeschraubt, damit die Noten – bis hin zur Abiturprüfung – dem Vergleich mit den Gymnasien standhielten.
Erleichtert war Gröschel, dass ihm nach fünf Jahren sein Versetzungswunsch nach Neustadt gewährt wurde. Von 1983 bis 2010 unterrichtete er dann am Käthe-Kollwitz-Gymnasium, bis wenige Jahre zuvor noch eine reine Mädchenschule. In den kurzweiligen Kapiteln, die diese Zeit behandeln, beschreibt und bewertet der Autor unterschiedliche Lernmethoden ebenso wie neue Spicktechniken der Schüler. Er schildert einfühlsam diverse pädagogische Herausforderungen bei Klassenfahrten, nimmt aber ebenso methodische Reformtendenzen und hierarchische Strukturen im Lehrer-Kollegium kritisch unter die Lupe.
„Nach meinem ersten Buch gab es Anfragen, ob ich nicht noch eines schreiben würde“, erzählt der Autor, den seine täglichen Wanderungen und Besuche im Sportstudio nicht auslasten. So kam es zum zweiten Buch: „Nicht als wissenschaftliches Werk, unterhaltsam anekdotisch. Dazu fiel mir der Begriff Prüfungen ein.“ Das könne man im engeren und weiteren Sinn betrachten. „Selbst als Lehrer wird man ständig geprüft, von Schülern und von Eltern“, meint Gröschel. So geht er auch auf Elternabende und Elterngespräche ein, deren breite Skala von konstruktiver und erfolgreicher Zusammenarbeit bis hin zu aggressiven Szenen reicht.
Info
- Klaus Gröschel: Prüfungen und andere Verhängnisse. Fünf turbulente Jahrzehnte im pfälzischen Schulwesen. Wellhöfer-Verlag, Mannheim 2020. 172 Seiten, 13 Euro.
- Klaus Gröschel liest aus seinem Buch am Mittwoch, 13. Juli, 20 Uhr, im Pfarrheim in Contwig. Der Eintritt ist frei.